2015Albumvorschlag
Carrie & Lowell
Sufjan Stevens
Elf Songs, vierundvierzig Minuten, kaum mehr als eine Gitarre, eine Stimme und ein leises Rauschen. Carrie & Lowell ist das stillste Album von Sufjan Stevens und das, bei dem er am wenigsten verbirgt.
Stevens war bekannt für große Entwürfe: Alben über ganze US-Bundesstaaten, Orchester, Chöre, zuletzt das elektronisch überbordende The Age of Adz. Nach dem Tod seiner Mutter Carrie im Jahr 2012 schrieb er Songs über sie, über seinen Stiefvater Lowell Brams und über die Sommer, die er als Kind bei den beiden in Oregon verbracht hatte. Daraus wurde eine Platte ohne Konzept und ohne Kostüm.
- Laufzeitrund 44 Minuten
- Titel11
- Jahr2015
- AufgenommenFlora Recording & Playback, Portland; Black Watch, Norman; April Base, Eau Claire; weitere Orte (2014)
Tracklist
- Death with Dignity3:59
- Should Have Known Better5:05
- All of Me Wants All of You3:41
- Drawn to the Blood3:16
- Fourth of July4:38
- The Only Thing4:41
- Carrie & Lowell3:14
- Eugene2:26
- John My Beloved5:06
- No Shade in the Shadow of the Cross2:38
- Blue Bucket of Gold4:43
Zum Cover
Auf dem Cover ist ein altes Polaroid zu sehen, ein Familienfoto mit den verblassten Farben, die solche Bilder nach Jahrzehnten bekommen. Kein Schriftzug, keine Gestaltung, die sich in den Vordergrund drängt. Es sieht aus wie ein Bild, das man in einer Schublade findet.
Zehn Jahre später hat Stevens erklärt, woher der Albumtitel stammt. Für die Jubiläumsausgabe 2025 zeigte er das Polaroid vollständig, mit dem Rand darunter. Dort steht in Kinderschrift „Carrie & Lowell“, geschrieben von seiner Schwester. Der Titel des Albums ist also die Bildunterschrift eines Familienfotos.
Das passt zu dieser Platte. Sie macht aus einem privaten Erinnerungsstück kein Kunstwerk, sondern zeigt es so, wie es ist. Das Beiheft der Jubiläumsausgabe hat Stevens selbst gestaltet, mit Familienfotos aus vier Generationen und Landschaftsbildern aus dem Westen der USA.
Foto: Polaroid aus dem Familienbesitz, Fotograf nicht genannt
Label: Asthmatic Kitty Records, 2015
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„This is not my art project; this is my life.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Carrie & Lowell entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Ein Teil dieses Albums ist nicht in einem Studio entstanden, sondern in einem Hotelzimmer in Klamath Falls, Oregon. Stevens nahm dort mit seinem iPhone auf. Diese Aufnahmen stehen in den Credits gleichberechtigt neben Studios in Portland, Oklahoma, Wisconsin und New York.
Man muss das wissen, um das Album zu verstehen. Stevens hat hier nicht auf den perfekten Raum gewartet. Er hat aufgenommen, wo er gerade war, auf Reisen durch den Westen, mit dem Fahrrad, beim Zelten. Die Songs klingen danach: nah, unfertig im besten Sinn, wie ein Gespräch spät am Abend.
Arbeit, die nicht mehr trug
Stevens hat im Rückblick gesagt, er habe seine Arbeit lange als emotionale Krücke benutzt. Bei diesem Album sei das zum ersten Mal nicht mehr gegangen: „I couldn't solve anything through my music any more.“ Die Aufnahmen halfen ihm, zu trauern und etwas zu ordnen. Aber sie waren nicht das Heilmittel, das er erwartet hatte.
02Wie Carrie & Lowell entstand
Carrie verließ die Familie, als Sufjan etwa ein Jahr alt war. Später heiratete sie Lowell Brams, und über ihn kam der Kontakt zu den Kindern zurück. Drei Sommer lang lebte Sufjan als Kind bei den beiden in Eugene, Oregon. Lowell versorgte ihn mit Platten und ermutigte ihn zur Musik. Er blieb auch nach der Scheidung ein Teil seines Lebens und gründete mit ihm 1999 das Label Asthmatic Kitty, bei dem das Album erschien.
Als Carrie 2012 starb, schrieb Stevens die Songs, die dieses Album bilden. Im Jahr 2014 nahm er sie an vielen Orten auf, mit Freunden wie Laura Veirs, Sean Carey, Casey Foubert und Nedelle Torrisi. Am Ende hatte er einen Haufen Skizzen.
Ein strenger Freund
Den entscheidenden Schritt machte Thomas Bartlett, Musiker und Freund, der das Album mit Stevens produzierte. Stevens hat erzählt, Bartlett habe aus den Skizzen etwas Ganzes gemacht und ihn bei jeder Ausflucht ertappt. Bartlett habe ihm gesagt, das seien seine Songs und seine Platte: „He was ruthless.“ Es ist eines der wenigen Alben, bei denen Stevens die Produktion aus der Hand gegeben hat.
03Der Klang
Carrie & Lowell besteht im Kern aus gezupfter Gitarre, manchmal Klavier, und Stevens' Stimme, sehr nah aufgenommen und oft doppelt, fast geflüstert. Die Mitmusiker spielen so leise, dass auch die volleren Arrangements weich bleiben. Ab und zu tauchen Synthesizertöne, eine Steelgitarre oder wortlose Stimmen auf und verschwinden wieder.
Der Songwriter Dan Wilson hat das Album genau beschrieben: dünn, fast zerbrechlich, selbst für Stevens' Verhältnisse. In „Should Have Known Better“ setzt nach der Hälfte eine helle Keyboardlinie ein, und der Song hellt sich auf, als würde ein Fenster geöffnet.
Genau hingehört
Das Rauschen spielt mit
Achten Sie auf das Rauschen. Wilson schrieb, Bandrauschen und Maschinengeräusche seien auf diesem Album fast Mitspieler, und manchmal steige der ständige Grundpegel plötzlich an wie eine dunkle Flut. Mehrere Songs enden in solchen Klangflächen. Auf einer guten Anlage ist das kein Störgeräusch, sondern der Raum, in dem die Lieder stehen.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Die Songs erzählen keine Geschichte von vorn nach hinten. Sie kreisen um dieselben Orte und Menschen: Eugene und Oregon, die Mutter, den Stiefvater, den Glauben und den Zweifel. Namen und Bilder kehren wieder, Tonfall und Tempo bleiben ruhig. So wirkt das Album wie ein einziges langes Nachdenken, nicht wie eine Sammlung.
Leise, aber nicht klein
Die Kritik reagierte fast einhellig begeistert. Pitchfork gab 9,3 von 10 Punkten und schrieb, es sei Stevens' bestes Album, Guardian und Rolling Stone vergaben die Höchstwertung. In den USA stieg es auf Platz 10 der Albumcharts, in Großbritannien auf Platz 6. Fast die Hälfte der ersten US-Verkäufe waren Schallplatten. Lowell Brams sagte später, es habe eine Weile gedauert, bis er es hören konnte, ohne zu weinen.
05Warum es einen Abend trägt
Auf der Schallplatte ist die Reihenfolge etwas anders als auf CD: „Eugene“ steht auf der zweiten Seite, „Fourth of July“ beschließt die erste. Seite A dauert gut zwanzig Minuten, Seite B knapp dreiundzwanzig. Die Pause dazwischen ist wichtig. Nach dem Ende der ersten Seite ist es im Raum sehr still, und diese Stille gehört zum Album.
Kein Hintergrund
Man kann Carrie & Lowell nicht nebenbei hören. Dafür ist es zu leise und zu nah. An einem Abend ohne Ablenkung aber entfaltet es eine seltene Wirkung: Es spricht über Verlust, ohne schwer zu werden, und über Familie, ohne etwas zu beschönigen. Wenn „Blue Bucket of Gold“ am Ende in einem langen Klangfeld ausläuft, möchte man das nicht unterbrechen.
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