1972Albumvorschlag
Pink Moon
Nick Drake
Er brachte das fertige Masterband selbst zu seiner Plattenfirma, ließ es am Empfang liegen und ging wieder, ohne mit jemandem zu sprechen.
Zwei Alben lang hatte Nick Drake mit Streichern, Bläsern und einem festen Produzenten gearbeitet. Für das dritte blieb nur eine Gitarre, eine Stimme und ein Toningenieur übrig, der ihn seit Jahren kannte. Entstanden ist die kürzeste und kargste Platte seiner kurzen Karriere – und die einzige, die zu Lebzeiten kaum jemand hörte.
- Laufzeitrund 28 Minuten
- Titel11
- Jahr1972
- AufgenommenSound Techniques, London, Oktober 1971
Tracklist
- Pink Moon2:06
- Place to Be2:43
- Road2:02
- Which Will2:58
- Horn1:23
- Things Behind the Sun3:57
- Know2:26
- Parasite3:36
- Free Ride3:06
- Harvest Breed1:37
- From the Morning2:30
Zum Cover
Eine gemalte Landschaft: grüne und blaue Flächen, darüber ein großer, rosafarbener Mond, im Vordergrund eine kaum erkennbare Figur. Gemalt hat es der Illustrator Michael Trevithick, der in den frühen Siebzigern häufiger für Plattenfirmen arbeitete. Über den Entstehungsauftrag selbst ist wenig dokumentiert – Trevithicks Werk ist online nur lückenhaft erfasst, und Interviews mit ihm zu diesem konkreten Cover sind nicht bekannt.
Zum Titel gibt es keine gesicherte Deutung, die über die einfache Lesart hinausginge: ein Bild, das zur kargen, nächtlichen Stimmung der Musik passt, ohne sie zu illustrieren. Anders als bei den beiden Vorgängeralben zeigt das Cover kein Porträt Drakes.
Gemälde: Michael Trevithick
Label: Island Records, 1972
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Er war sehr entschlossen, eine sehr karge, nackte Platte zu machen.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Pink Moon entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
An der Rezeption von Island Records in London steht ein junger Mann mit einer großen Bandbox unter dem Arm. Er sagt kaum etwas, verschwindet kurz in ein Büro und geht wieder. Erst als die Empfangsdame eine Stunde später anruft und meldet, jemand habe seine Bänder liegen lassen, findet der Pressesprecher David Sandison die Box: das fertige Masterband von Nick Drakes drittem Album. Er hat den Moment später erzählt, mit einem Detail, das die Anekdote von der bloßen Legende unterscheidet – er kannte den Titel nicht: „Ich dachte: das ist kein Album, das ich kenne.“
Die Einzelheiten dieser Geschichte werden nicht überall gleich wiedergegeben: Manche Quellen sprechen von einem Fünfzehn-Zoll-Band, andere nennen ein Sechzehnspur-Master, manche lassen Drake das Paket direkt am Tresen abgeben, andere ihn erst ein Büro betreten und die Bänder danach vergessen. Im Kern stimmen die Berichte überein: Es gab keine Ankündigung, kein Treffen mit einem Produzenten, keine Präsentation. Ein fertiges Album kam an, ohne dass jemand bei der Plattenfirma es hatte kommen sehen.
Ohne Joe Boyd
Das passt zu allem, was diese Platte ausmacht. Pink Moon ist mit niemandem außer einem Toningenieur besprochen worden, bevor es fertig war. Es ist das einzige der drei Alben, das Drake ohne seinen bisherigen Produzenten Joe Boyd aufgenommen hat – und die Art, wie es bei der Plattenfirma ankam, war so unauffällig wie die Aufnahmen selbst.
Wie genau Drake sich dabei gefühlt hat, ist nicht überliefert. Er hat dazu kein Interview gegeben; sein einziges veröffentlichtes Gespräch stammt aus dem Jahr zuvor. Was bleibt, ist die Beobachtung eines Außenstehenden an einem Nachmittag in einem Büro in London.
02Wie Pink Moon entstand
Nach zwei Alben mit Streicherarrangements, Studiomusikern und einem Produzenten, der die Aufnahmen organisierte, zog sich Nick Drake 1971 in seine Londoner Wohnung zurück. Er verließ sie kaum noch, rauchte nach Schilderungen aus seinem Umfeld sehr viel Cannabis und nahm, zögernd und mit Vorbehalten, verschriebene Antidepressiva. Joe Boyd, der Produzent der ersten beiden Platten, hatte seine Firma an Island verkauft und war nach Los Angeles gezogen, um für Warner Brothers an Filmmusik zu arbeiten. Für das dritte Album stand er nicht zur Verfügung.
Was blieb, war John Wood, der Toningenieur, der beide Vorgängeralben mitaufgenommen hatte und Drake seit Jahren kannte. In seinem einzigen veröffentlichten Interview, das die Zeitschrift Sounds im März 1971 führte, hatte Drake bereits angedeutet, wie es weitergehen sollte: Er wolle „einfach etwas mit John Wood machen, dem Toningenieur bei Sound Techniques“. Ein eigener Produzent war darin nicht vorgesehen.
Aufgenommen wurde an zwei Abenden im Oktober 1971 im Studio Sound Techniques in Chelsea, den Sitzungen begannen nach den überlieferten Angaben spät am Abend. Anwesend waren nur Drake und Wood. Wood hat die Stimmung dieser Sessions rückblickend so beschrieben: „Es fühlte sich an, als hätte das eine Art Dringlichkeit.“ Wie viele Songs an wie vielen einzelnen Abenden genau entstanden, wird in den Quellen nicht einheitlich beziffert; sicher ist nur die Größenordnung: sehr wenige, sehr kurze Sitzungen.
Cally Callomons Widerspruch
Über Drakes psychische Verfassung in dieser Zeit gehen die Einschätzungen auseinander. Biografische Darstellungen beschreiben einen jungen Mann in tiefer Depression, mit ersten Anzeichen dessen, was manche Quellen vorsichtig als beginnende Psychose bezeichnen. Cally Callomon, der den Nachlass Drakes verwaltet, widerspricht dieser Lesart in Bezug auf die Aufnahmezeit ausdrücklich: „Nick war nicht in der Lage zu schreiben und aufzunehmen, wenn er unter Phasen von Depression litt. Während des Schreibens und Aufnehmens von Pink Moon war er nicht depressiv, und er war ausgesprochen stolz auf das Album.“ Beide Sichtweisen sind belegt; welche der Wahrheit näherkommt, lässt sich aus der Ferne nicht entscheiden.
Erschienen ist Pink Moon am 25. Februar 1972 bei Island Records, mit elf Tracks und einer Gesamtlaufzeit von rund achtundzwanzig Minuten – die kürzeste und am wenigsten instrumentierte der drei Platten, die Drake zu Lebzeiten veröffentlichte.
03Der Klang
Was auf den ersten beiden Alben an Arrangement da war – Streicher, gelegentlich Bläser, ein Ensemble aus Studiomusikern – fehlt hier fast vollständig. Bis auf einen einzigen Overdub besteht Pink Moon aus Akustikgitarre und Gesang, beides von Drake selbst und beides in derselben Aufnahme eingefangen. Die eine Ausnahme ist das Klavier auf dem Titeltrack: Drake spielte die Melodie selbst ein, nachträglich über die bereits aufgenommene Gitarrenspur.
Dass es so karg wurde, war keine Notlösung, sondern eine Entscheidung. Wood beschreibt Drake als „sehr entschlossen, eine sehr karge, nackte Platte zu machen“ – eine bewusste Abkehr von den Arrangements der Vorgängeralben, nicht deren Fortsetzung in kleinerem Rahmen. Auf ein Streicherarrangement, wie es Robert Kirby für die ersten beiden Platten geschrieben hatte, wurde diesmal verzichtet.
Joe Boyds Blick auf die Gitarre
Joe Boyd, der an diesen Aufnahmen selbst nicht beteiligt war, hat Drakes Spiel im Rückblick auf das Gesamtwerk hervorgehoben: „Wenn man sich die Aufnahmen im Nachhinein anhört, ist eines der bemerkenswertesten Dinge die Gitarre. Weil sie so klar und so kräftig ist und alle Töne so gleichmäßig ausbalanciert sind.“ Auf Pink Moon, wo nichts diese Gitarre verdeckt, wird dieser Satz zur Beschreibung fast des gesamten Albums.
Zur Aufnahmetechnik selbst ist im Vergleich zu Woods Arbeit an anderen Platten wenig im Detail dokumentiert – keine geprüfte Quelle nennt Mikrofontypen oder Pultkonfiguration für diese beiden Nächte. Was sich aus dem Ergebnis hören lässt: sehr direkte, trockene Aufnahmen, wenig Hall, eine Gitarre, die nah am Mikrofon sitzt, und eine Stimme, die nicht darüber, sondern mittendrin liegt.
Hörmoment
Pink Moon
Achten Sie auf den Einsatz des Klaviers. Es ist der einzige Ton auf dem gesamten Album, der nicht aus Drakes Gitarre oder Stimme stammt – von ihm selbst nachträglich über die fertige Gitarrenspur gespielt.
Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Man erkennt die Stelle ohnehin: Der Titeltrack ist der einzige, auf dem überhaupt ein zweites Instrument zu hören ist.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Elf Stücke, keines länger als vier Minuten, keines mit einem zweiten Instrument außer dem einen Klavier-Overdub. Die Kürze ist hier kein Zufall der Songauswahl, sondern die logische Folge der Aufnahmebedingungen: In zwei Nächten mit nur einer Gitarre lässt sich kein aufwendig gestuftes Album anlegen. Was entstand, ist stattdessen eine sehr gleichmäßige Reihe, in der kein Track aus dem Rahmen fällt, weil keiner mehr Mittel bekommt als der nächste.
Diese Gleichmäßigkeit ist der Grund, warum sich das Album schwer in Einzeltitel zerlegen lässt. Es gibt keinen Hit im herkömmlichen Sinn, keinen Track, der auf einer Single funktioniert hätte, und – anders als bei den Vorgängeralben – auch keinen, der durch ein Arrangement heraussticht. Was bleibt, ist eine Stimme und eine Gitarre über achtundzwanzig Minuten, die man entweder ganz hört oder gar nicht.
Der Verriss von Jerry Gilbert
Kritisch angemerkt werden muss dabei, dass genau diese Reduktion beim Erscheinen nicht nur Zustimmung fand. Der Kritiker Jerry Gilbert schrieb im Fachblatt Sounds, Drakes „Songs sind nicht stark genug, um völlig ohne Verzierung zu bestehen“ – ein Einwand, der sich direkt gegen das Konzept des Albums richtet, nicht nur gegen einzelne Tracks. Andere zeitgenössische Kritiken, etwa von Mark Plummer im Melody Maker, lobten die Musik, beschrieben sie aber zugleich als schwer greifbar: Sie „versteckt sich vor einem“, während man ihr zuhört. Entkräften lässt sich dieser Einwand nicht vollständig – er trifft einen realen Zug des Albums, den spätere Hörerinnen und Hörer nur anders bewertet haben.
05Warum es einen Abend trägt
Achtundzwanzig Minuten sind kurz für einen Hörabend – und genau deshalb eine eigene Herausforderung. Es gibt hier keine große Dynamikspanne, keinen Moment, an dem die Platte laut wird, keinen Bruch, der einen Raum wechselt wie bei anderen Alben. Was Pink Moon stattdessen bietet, ist Konzentration: eine Stimme, eine Gitarre, ein Klavierton, und sonst nichts, was ablenkt.
Ehrlich muss man sagen, dass das eine Zumutung sein kann. Wer Abwechslung erwartet, wird sie hier nicht finden. Die Kürze der Stücke – „Horn“ dauert unter eineinhalb Minuten, kein Track überschreitet vier – erzeugt eine Dichte, die manche Hörerinnen und Hörer als eindringlich, andere als monoton empfinden. Beides ist eine berechtigte Reaktion auf dasselbe Material.
Drakes Tod im November 1974
Zu Lebzeiten Drakes hat das kaum jemand gehört. Alle drei seiner Alben verkauften sich schlecht, Island war nach den enttäuschenden Verkäufen der Vorgänger zurückhaltend, und Drake selbst spielte praktisch keine Promotionkonzerte. Nick Drake starb im November 1974 im Alter von sechsundzwanzig Jahren an einer Überdosis des Antidepressivums Amitriptylin. Ein Gerichtsverfahren stufte den Tod als Suizid infolge einer depressiven Erkrankung ein; ob es sich tatsächlich um eine bewusste Entscheidung oder um einen Unfall handelte, wird in Biografien bis heute unterschiedlich eingeschätzt, und ein eindeutiger Abschiedsbrief existiert nicht. Diese Unklarheit lässt sich an dieser Stelle nur benennen, nicht auflösen.
Wiederentdeckt wurde das Album erst Jahrzehnte später, vor allem durch einen Fernsehspot: 1999 setzte Volkswagen „Pink Moon“ als Musik für einen Werbefilm für den Cabrio ein. Die amerikanischen Verkaufszahlen des Albums stiegen danach von rund sechstausend Exemplaren im Jahr davor auf rund vierundsiebzigtausend im Jahr 2000. Ein Album, das 1972 kaum wahrgenommen wurde, füllt seither regelmäßig einen ganzen Abend – nicht, weil es lauter geworden wäre, sondern weil es endlich in Ruhe gehört wird.
Wie klingt ein Album, das seine Plattenfirma nur deshalb kennt, weil jemand die Bänder am Empfang vergessen hat?
Weiterhören
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Joni Mitchell
Blue
1971
Fast im selben Jahr entstanden: eine ebenso karge, unmittelbare Aufnahme, in der eine einzelne Stimme trägt, was sonst ein Arrangement tragen müsste.
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Leonard Cohen
Songs of Leonard Cohen
1967
Ein anderer leiser Anfang: eine Stimme, die man erst gewöhnt sein muss, um zu hören, was sie trägt.
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Harvest
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Im selben Jahr erschienen, mit demselben Vertrauen in die einfache Aufnahme – nur mit deutlich mehr Erfolg zu Lebzeiten des Künstlers.
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