1996Albumvorschlag
Endtroducing.....
DJ Shadow
Ein Freund riet ihm zu einem Sampler, den er sich kaum leisten konnte. Josh Davis kaufte ihn trotzdem auf Kredit – und brachte sich die Bedienung in einer einzigen durchwachten Nacht selbst bei, „wie in einem endlosen Fiebertraum, sich durch das Handbuch zu kämpfen“.
Kein einziger Ton auf diesem Album wurde eingespielt. Dreizehn Tracks, gebaut aus Schallplatten, die andere Menschen Jahrzehnte zuvor aufgenommen hatten, zusammengesetzt an einem einzigen Sampler in einem geliehenen Studio und einem Heimstudio. Guinness World Records führt es als erstes Album, das vollständig aus Samples besteht.
- Laufzeitrund 63 Minuten
- Titel13
- Jahr1996
- AufgenommenThe Glue Factory (Dan the Automators Heimstudio), San Francisco, sowie Josh Davis' eigenes Heimstudio in Davis, Kalifornien
Tracklist
- Best Foot Forward0:49
- Building Steam with a Grain of Salt6:40
- The Number Song4:40
- Changeling/Transmission 17:51
- What Does Your Soul Look Like, Pt. 45:08
- Untitled0:24
- Stem/Long Stem/Transmission 29:21
- Mutual Slump4:02
- Organ Donor1:57
- Why Hip-Hop Sucks in '960:43
- Midnight in a Perfect World4:57
- Napalm Brain/Scatter Brain9:23
- What Does Your Soul Look Like, Pt. 1 (Blue Sky Revisit)/Transmission 37:28
Zum Cover
Ein Plattenladen in Sacramento, drei Freunde zwischen den Regalen: Tom Shimura, später als Rapper Lyrics Born bekannt, mit weißer Perücke; Xavier Mosley, als Chief Xcel eine Hälfte von Blackalicious, mit Platten im Arm; Beni B, Gründer des Labels ABB Records, mit Baseballkappe im Hintergrund. Fotografiert hat Brian Cross, der unter dem Namen B+ arbeitet.
Dass der Vordergrund unscharf ist, war kein Konzept, sondern ein Missgeschick. Cross hat es später selbst erklärt: „We measured the focus really quickly because of the cat and we measured in feet when it's set for metres. That's why the foreground is out of focus. It was honestly a total mistake.“ Statt das Bild zu verwerfen, wurde die verwackelte Aufnahme zum Cover – ein Schnappschuss aus dem Alltag der Sample-Suche, in dem DJ Shadow selbst nicht als Person, sondern nur über die durchwühlten Kisten vorkommt.
Fotografie: Brian Cross (B+)
Label: Mo Wax, 1996
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„It was kind of this endless fever dream of trying to get through the manual.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Endtroducing..... entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Sechs Schallplatten, die nichts miteinander zu tun haben, ergeben ein Stück. Für „Midnight in a Perfect World“ nahm Josh Davis die Klaviermelodie aus David Axelrods „The Human Abstract“ von 1969, legte darunter einen verlangsamten Break von Rotary Connection, schob phasierte Fender-Rhodes-Akkorde aus Pekka Pohjolas „The Madness Subsides“ darüber, holte sich unheimliche Streicher aus Meredith Monks „Dolmen Music“, nahm das Wort „midnight“ aus einer Zeile von Akinyeles „Outta State“ und legte am Ende noch entrückten Gesang aus Barakas „Sower of Seeds“ darunter. Keine dieser sechs Platten hat mit den anderen etwas zu tun. Zusammen ergeben sie einen der bekanntesten Tracks der neunziger Jahre.
Drei bis vier Stunden Schlagzeug
Am Schlagzeugtrack allein saß Davis nach eigener Auskunft drei oder vier Stunden – nicht am ganzen Stück, nur an der Rhythmusspur. Der Grund war eine bewusste Entscheidung gegen die Monotonie, die viele Sampler-Beats hatten: Fast jede Kick, jede Snare und jede Hi-Hat im Track blendet ein und aus, sagt er selbst, „it's almost like every kick and hat and snare in that drum track is fading in and fading out“. Nichts sollte klingen, als würde derselbe Takt einfach nur wiederholt.
Was diese Szene über das ganze Album verrät, ist das Verhältnis von Material und Arbeit. Sechs fremde Aufnahmen, respektvoll auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, bis daraus etwas Eigenes wird, das nach keiner der Quellen mehr klingt. Genau das ist Endtroducing..... im Kleinen: eine Collage, die ihre Nähte versteckt.
Die Angaben zu den sechs Quellplatten stammen aus einer ausführlichen technischen Nachbetrachtung des Tracks; eine unabhängige zweite Bestätigung für jede einzelne Sample-Quelle liegt hier nicht vor. Die Zeitangabe „drei oder vier Stunden“ stammt von Davis selbst.
02Wie Endtroducing..... entstand
Vor dem Sampler kam die Platte, die er sich nicht leisten konnte. Im Oktober 1992, auf Empfehlung des DJs Stretch Armstrong, kaufte Davis geliehenes Geld in einen Akai MPC60 um – statt des damals unter Produzenten üblichen E-mu SP-1200. Die Nacht danach verbrachte er komplett mit der Bedienungsanleitung. Zwei Jahre später, 1994, begann die eigentliche Arbeit an dem, was Endtroducing..... werden sollte; fertig war es Anfang 1996.
Aufgenommen wurde an zwei Orten. Einen Teil erledigte Davis in The Glue Factory, dem Heimstudio des Produzenten Dan „The Automator“ Nakamura in San Francisco, ausgestattet mit einem 16-Kanal-Pult von Mackie und einem Achtspur-ADAT von Alesis. Dan the Automator hielt sich dabei zurück, wie Davis es beschreibt: „Mostly he would show up and he'd basically switch everything on and be like, 'OK, have fun.'“ Den Rest nahm Davis in seinem eigenen, deutlich kleineren Heimstudio auf, ebenfalls mit einem ADAT – „because that was all that we could afford back then“, wie er später sagte.
Mit dem Mischen hielt er sich bewusst nicht lange auf. Sein eigener Anspruch war bescheiden: „My concept of mixing at that time was basically volume, pan, reverb, delay. That was pretty much all I knew how to do.“ Digital bearbeitet wurde nur das Nötigste, vor allem Schnitt und Reihenfolge; ein Computer kam laut Davis „only for the editing and sequencing of the album“ zum Einsatz.
Der Guinness-Weltrekord-Eintrag
Signiert war er zu diesem Zeitpunkt bereits beim Londoner Label Mo Wax von James Lavelle, das ihm einen Vorschuss für die Aufnahmen gab. Veröffentlicht wurde das fertige Album am 16. September 1996 in Großbritannien, in den USA folgte es am 19. November 1996 über Mo Wax und FFRR. Guinness World Records führt es seither als „the first album made completely from samples“. Die Formulierung wird vereinzelt relativiert, weil auch Turntables und Effektgeräte im Spiel waren; als Meilenstein der reinen Sample-Collage gilt das Album unabhängig davon.
03Der Klang
Das Material kam aus Kisten, nicht aus Kabeln. Einen großen Teil seiner Samples zog Davis aus dem Keller von Rare Records in Sacramento, wo er nach eigener Auskunft „hundreds of samples“ zusammentrug. Über den Laden selbst hat er gesagt: „It's an incredible archive of music culture, and there's the promise in these stacks of finding something that you're going to use.“ Gesucht hat er dabei gezielt nach freistehenden, klar isolierten Elementen – „isolated conga drums“, eine einzelne Flötenlinie –, die sich ohne Überlagerung mit anderem Material einschichten ließen.
Der Speicher des MPC60
Der Akai MPC60 setzte dabei enge Grenzen: Sein Speicher war klein, deshalb sampelte Davis nach Möglichkeit in Mono, um Platz zu sparen. Diese technische Beschränkung wurde zum Klangmerkmal des Albums: das leichte Rauschen und Knistern der Ursprungsplatten blieb hörbar, statt weggerechnet zu werden. Kritiker und Fans haben dafür später den Begriff „urbane Archäologie“ verwendet – Musik, die ihre eigene Herkunft nicht versteckt, sondern ausstellt.
Ob Endtroducing..... tatsächlich das allererste Album ist, das ausschließlich aus Samples besteht, lässt sich im Nachhinein kaum lückenlos beweisen; die Aussage stammt von Guinness World Records, nicht von Davis selbst, der in Interviews zurückhaltender formuliert. Unstrittig ist, dass kein einziges Instrument auf der Platte neu eingespielt wurde – jeder Ton kam von einer bereits existierenden Aufnahme.
Hörmoment
Stem/Long Stem/Transmission 2
Der Track beginnt mit einer bedrohlich kreisenden Schleife und kippt im Verlauf in eine warme, streicherartige Passage – einer der größten Stimmungswechsel des Albums, und einer, den man ohne Vorwarnung kommen sieht.
Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Der Wechsel ist trotzdem unüberhörbar: Man merkt förmlich, wie sich der Raum im Kopfhörer verändert.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Dreizehn Tracks, aber kein Album aus dreizehn Einzelstücken. Kurze, unbetitelte Zwischenspiele wie „Untitled“ oder „Why Hip-Hop Sucks in '96“ funktionieren wie Übergänge in einem DJ-Set, nicht wie eigenständige Songs. Drei Tracks tragen sogar den Namenszusatz „Transmission“ und markieren so selbst, dass sie Verbindungsstücke sind, keine Endpunkte. Wer das Album von vorn bis hinten hört, hört eine durchgehende Bewegung, keine Playlist.
Das ist der ungewöhnliche Punkt an dieser Platte: Sie hat keinen Text, an dem sich ein roter Faden festmachen ließe, und trotzdem wirkt sie wie eine Erzählung. Die Klammer ist die Machart selbst – ein Sampler, eine Handschrift, dieselbe Art, Platten auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen, quer durch alle dreizehn Tracks.
One of the Loveliest
Kritikerinnen und Kritiker haben genau das hervorgehoben. Die britische Zeitung The Guardian beschrieb das Album rückblickend als „not only one of the most daring and original albums of recent times, but also one of the loveliest“ – ein Lob, das sich weniger auf einzelne Tracks bezieht als auf die Platte als Ganzes.
Vor Endtroducing.....
What Does Your Soul Look Like
Zwei der bekanntesten Tracks des Albums gab es schon vorher. 1995 erschien bei Mo Wax die EP What Does Your Soul Look Like, in vier Titeln. Der vierte Titel davon öffnet Endtroducing..... direkt nach dem Intro, der erste Titel in einer überarbeiteten Fassung namens „Blue Sky Revisit“ beschließt es.
Das Album war also kein plötzlicher Wurf, sondern die Fortsetzung von Ideen, an denen Davis schon ein Jahr zuvor öffentlich gearbeitet hatte – nur eben eingebettet in ein größeres, durchkomponiertes Ganzes.
05Warum es einen Abend trägt
Ein Album ganz ohne Gesangsstimme im Zentrum verlangt etwas anderes von einer Runde: kein Text zum Mitsprechen, keine Zeile, an der sich ein Gespräch entzündet. Dafür bekommt man Stimmungen, die sich über mehrere Minuten hinweg verändern, ohne dass ein Wort erklären müsste, warum. In einem ruhigen Raum, über eine gute Anlage gehört, wird aus dem, was auf dem Papier nach Beats klingt, ein Klangraum, durch den man sich bewegt.
Christgaus A+
Der Erfolg kam nicht sofort und nicht überall gleich. In Großbritannien erreichte das Album Platz 17 der Albumcharts und wurde dort 1998 mit Platin ausgezeichnet; in Kanada gab es Gold. In den USA blieb es zunächst ein Geheimtipp unter Kennerinnen und Kennern, bevor sein Ruf über die Jahre wuchs. Die Fachpresse war sich seinerzeit über weite Strecken einig: Rolling Stone, AllMusic und Pitchfork vergaben jeweils die Höchstwertung, Robert Christgau in seinem Consumer Guide ein A+.
Was bleibt, ist ein Album, das nie erklärt, was es meint, und das trotzdem oder gerade deshalb funktioniert, wenn man ihm die volle Aufmerksamkeit eines Abends gibt. Nach dem letzten Track, „What Does Your Soul Look Like, Pt. 1 (Blue Sky Revisit)/Transmission 3“, muss niemand sofort etwas sagen.
Eine gemeinsame Geschichte
Aufgenommen wurde über zwei Jahre hinweg, 1994 bis 1996, mit einem einzigen Sampler und geliehener Studiozeit. Die Formulierung „erstes Album komplett aus Samples“ stammt nicht von Davis, sondern von Guinness World Records – er selbst hat sich dazu in Interviews eher zurückhaltend geäußert.
Was unabhängig von diesem Titel bleibt, ist die Wirkung: eine Platte, die zeigte, dass ein Sampler-Album ohne einzige eigene Gesangs- oder Instrumentalaufnahme trotzdem wie ein in sich geschlossenes Werk klingen kann – und nicht wie eine Ansammlung von Fundstücken.
Wie klingt ein Album, das aus lauter fremden Aufnahmen besteht und trotzdem wie eine einzige, eigene Stimme klingt?
Weiterhören
-
Massive Attack
Mezzanine
1998
Zwei Jahre später, in derselben Sample-Ästhetik zu Hause, aber düsterer und klaustrophobischer – wenn Sie hören möchten, wohin sich diese Klangwelt weiterentwickelt hat.
Zur Album-Story → -
Portishead
Dummy
1994
Zwei Jahre vor Endtroducing..... entstanden, im selben Feld zwischen Trip-Hop und Sample-Kunst – nur mit einer Stimme im Zentrum, wo Shadow keine braucht.
Zur Album-Story → -
Nas
Illmatic
1994
Dieselbe Sample-Handschrift aus Jazz- und Soul-Platten, nur mit einem Mikrofon davor statt einem Sampler allein im Mittelpunkt.
Zur Album-Story →
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