1998Albumvorschlag
Mezzanine
Massive Attack
Während Elizabeth Fraser allein im Studio ihren Gesang für „Teardrop“ aufnimmt, erfährt sie vom Tod des Musikers Jeff Buckley.
Ein Trio, das sich beim Aufnehmen bereits auseinanderlebte, arbeitete monatelang in getrennten Räumen an einem einzigen Album – und das Ergebnis klingt geschlossener als vieles, was unter besseren Bedingungen entstand. Was man von diesem Album kennt, ist „Teardrop“. Was man seltener hört, ist der Rest.
- Laufzeitrund 63 Minuten
- Titel11
- Jahr1998
- AufgenommenChristchurch Studio, Bristol; Mischung Olympic Studios, London
Tracklist
- Angel6:19
- Risingson4:58
- Teardrop5:30
- Inertia Creeps5:57
- Exchange4:11
- Dissolved Girl6:06
- Man Next Door5:56
- Black Milk6:21
- Mezzanine5:56
- Group Four8:12
- (Exchange)4:14
„Mezzanine is that place in between, when you're not sure if it's yesterday or today. That little space where it's quite scary and erotic.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Mezzanine entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Elizabeth Fraser nimmt ihren Gesang für „Teardrop“ allein auf. Massive Attack hatten sich mit ihr auf ein Verfahren geeinigt, das ihre Konzentration schützen sollte: Die Band spielte ihr sechzehn Takte in einer Schleife vor und verließ dann den Raum, während sie sang. Fraser war zu diesem Zeitpunkt bereits als Sängerin der Cocteau Twins bekannt; für Massive Attack war sie nach einer abgelehnten Alternative – dazu gleich mehr – die zweite Wahl gewesen, künstlerisch aber die naheliegendste.
Während dieser Aufnahmen, im Jahr 1997, erfährt Fraser vom Tod des Musikers Jeff Buckley. Buckley war am 29. Mai 1997 beim Schwimmen in einem Nebenarm des Mississippi in Memphis ertrunken. Die Quellen beschreiben Frasers Verhältnis zu ihm an dieser Stelle nicht ganz einheitlich – die eine spricht von einem „ehemaligen romantischen Partner“, die andere von einem „engen Freund“ –, aber beide sind sich einig, dass Buckley ihr nahestand und dass sie von seinem Tod erfuhr, während sie an genau diesem Song arbeitete.
Was daraus wurde, ist bis heute eines der bekanntesten Stücke der Band. Fraser selbst hat 2009 im Rückblick beschrieben, wie sehr der Song mit dieser Zeit verbunden blieb: „I'd got letters out and I was thinking about him. That song's kind of about him – that's how it feels to me anyway.“ Es ist kein Statement über eine bewusste Widmung, sondern die vorsichtigere Aussage einer Sängerin, die selbst erst im Nachhinein bemerkt, wovon sie gesungen hat.
Man sollte diese Szene nicht überzeichnen. Die Band war während der Aufnahme nicht im Raum – es ist eine Solo-Situation, keine gemeinsame. Ein genaues Datum für diese eine Session ist nirgends dokumentiert, nur der grobe Zeitraum „während der Aufnahmen 1997“. Was bleibt, ist trotzdem stark genug, um ohne Übertreibung erzählt zu werden: eine Sängerin, allein vor dem Mikrofon, die einen der bekanntesten Songs der Neunziger einsingt, während irgendwo ein Telefon geklingelt oder eine Nachricht sie erreicht haben muss – und die Jahre später selbst sagt, dass dieser Song von genau diesem Moment handelt.
Madonna hätte fast gesungen
Zur Randnotiz gehört, wer fast an Frasers Stelle gesungen hätte. Andrew „Mushroom“ Vowles hatte die Demo zunächst an Madonna geschickt, mit der die Band 1995 bei „I Want You“ zusammengearbeitet hatte. Madonna zeigte deutliches Interesse – die Band entschied sich in einer 2:1-Abstimmung dennoch für Fraser, was Madonna enttäuschte. Ein Musikjournalist von Billboard hat diese Volte später „one of ['90s pop]'s great what-ifs“ genannt. Details zu Datum und Ort dieser Abstimmung sind nicht überliefert, das Ergebnis ist es: Ohne diese Entscheidung gäbe es die Szene mit Fraser und Buckley in dieser Form nicht.
02Wie Mezzanine entstand
Nach zwei Alben und ausgedehntem Touring hatten sich die künstlerischen Vorstellungen innerhalb des Trios auseinanderentwickelt. Robert „3D“ Del Naja beschreibt den Kern der Differenz nüchtern: „He had a clear idea of what he wanted to do and I think myself particularly and G to a certain extent wanted to experiment.“ Gemeint ist Andrew „Mushroom“ Vowles, dessen Vorstellung von der Musik mit der von Del Naja und Grant „Daddy G“ Marshall zunehmend auseinanderlief.
Die Konsequenz war eine Arbeitsweise, die der Produzent Neil Davidge später als chaotisch beschrieben hat: „I'd be in the studio working with one of the members and someone else would come in, then the person I had been working with would leave.“ An anderer Stelle nennt er es knapper: „It was a pretty messy way to work.“ Vowles selbst bestätigt das aus eigener Sicht: „When we got together to record, we realized the amount of creative friction between us. In fact, we wound up recording in separate studios.“ Aufgenommen wurde im Christchurch Studio in Bristol, laut Discografie-Angaben, über weite Strecken jedoch getrennt voneinander – drei Musiker, die an einem gemeinsamen Album arbeiteten, ohne gemeinsam im Raum zu sein.
Wie stark diese Spannung im Studioalltag spürbar war, bestätigt auch Sarah Jay Hawley, die Gastgesang zu „Dissolved Girl“ beisteuerte: „They weren't in a good place as a band, as Mushroom was on his way out. There was often tension and they'd argue a lot about what they wanted my voice to sound like.“ Sie erinnert sich an einen konkreten Streit um ihren Gesangsstil: Vowles habe gewollt, dass sie „belt it out like Alanis Morissette“, während Del Naja eher gedämpfte Kompression und Spannung bevorzugte.
Der Arbeitstitel „Damaged Goods“
Produktionsseitig ging die Band ungewöhnlich vor: Zunächst wurden laut DJ Mag elf Songs als Live-Band-Aufnahmen eingespielt, anschließend in Loops zerschnitten – die Rockinstrumentierung diente also als Rohmaterial für hiphop-typische Schnitt- und Sampling-Techniken. Das Album trug lange den Arbeitstitel „Damaged Goods“, eine Anspielung auf die gleichnamige Debütsingle von Gang of Four aus dem Jahr 1978. Ursprünglich für Dezember 1997 geplant, verzögerte sich die Veröffentlichung um vier Monate; laut einer Quelle verbrachte Del Naja die Zeit damit, Tracks zu bauen, wieder auseinanderzunehmen und von vorn zu beginnen – ob dies ein wörtliches Zitat von ihm ist oder eine journalistische Zusammenfassung, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.
Die Trennung, die sich während der Aufnahmen ankündigte, wurde nach der Veröffentlichung Realität: Mushroom verließ die Band kurz danach. Del Naja begründete das später so: „We want to continue doing Massive Attack and experimenting, you want to do your thing. What's the point of us working together?“ Daddy G zog sich anschließend bis zum Nachfolgealbum „100th Window“ (2003) zurück, das Del Naja de facto allein fertigstellte – laut 3D aus familiären Gründen: „G's motivation is to be a father, so there's no point in us forcing it. It would be conflict, it'd be silly.“ Mezzanine ist damit das letzte Album, das die drei Gründungsmitglieder gemeinsam – wenn auch getrennt voneinander – aufgenommen haben.
03Der Klang
Am deutlichsten hörbar ist der Bruch mit den Vorgängeralben in der Gitarre. Angelo Bruschini beschreibt seine eigene Arbeitsweise so: „I fed the guitar straight into the computer and then cut it about. It was a case of trying to make it not like a guitar; use the sounds and the feedback and choppy chords, but cut it up so it didn't sound normal or traditional.“ Das Ergebnis machte seine eigenen Aufnahmen für ihn selbst kaum wiedererkennbar: „I'd go in and record all night and then go in the next day to listen to the track and say 'who played that', and they'd say 'you did'. They cut it up so much that I didn't even recognise my own playing!“
Dieselbe Haltung galt für die gesamte Produktion: bewusster Widerstand gegen digitale Glätte. Bruschini dazu: „While we were doing the album, we were sticking stuff through my amps all the time just to mess it up; one problem with the digital domain is that it's too clean – even the bass.“ Mehrere Quellen beschreiben den Gesamtklang übereinstimmend als Abkehr von der „jazzy and laidback“ Anmutung der Vorgängeralben hin zu einem dunkleren, gitarrenlastigeren, von Post-Punk-Bands wie Gang of Four und Siouxsie and the Banshees sowie von Industrial beeinflussten Sound.
Gemischt hat Mark „Spike“ Stent in den Olympic Studios in London, wobei laut Neil Davidge selbst während der Mischsession noch an den Songs weitergeschrieben wurde: „with that album we were literally re-writing songs while we mixing it.“ Stent selbst soll darauf so reagiert haben: „well, now I've seen it all – I just don't know what to expect with you guys!“ Bei „Angel“ etwa wurden laut dieser Quelle noch während des Mischens neue Basslinien und veränderte Rhythmusmuster eingebaut.
Ein Sample aus Istanbul
Auch die Samples tragen zum unruhigen Charakter bei. „Inertia Creeps“ enthält ein türkisches Çiftetelli-Sample, das Del Naja nach eigenen, schwach belegten Angaben nach einer Partynacht in Istanbul aufgenommen haben soll; beschrieben wird der Song mit „pulsating synths, warbling Middle Eastern style strings, the guitars (jangly on the left and heavily distorted on the right)“. „Man Next Door“ wiederum verwendet das Drum-Break aus Led Zeppelins „When the Levee Breaks“ und ein Sample aus The Cures „10:15 Saturday Night“ – der Song selbst ist eine Version von John Holts „Man Next Door“ (1968), das seinerseits stark von Garnet Mimms & The Enchanters' „Quiet Place“ (1963) beeinflusst war. Zu konkreten Mastering-Details der Originalveröffentlichung von 1998 – welches Studio, welche Geräte – liegen keine belastbaren Quellen vor; das wird hier bewusst offengelassen, statt es zu behaupten.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Nach Kritikerdarstellung eröffnet „Angel“ das Album mit „deep, rumbling bass and crisp drums shrouded in layers of synths“ und etabliert damit von der ersten Minute an eine bedrohliche, dystopische Grundstimmung. Von dort aus wird die Reihenfolge als Wechsel von Spannungsaufbau über kurze Verschnaufpausen wie „Exchange“ bis zu erneuter Verdunklung beschrieben, mit einem als „bleakly nightmarish“ charakterisierten Ausklang in den letzten beiden Titeln „Mezzanine“ und „Group Four“. Das ist an dieser Stelle ausdrücklich Kritikerdeutung, keine belegte Aussage der Band zur Songreihenfolge – es gibt keine dokumentierte Äußerung eines Mitglieds, die diese Dramaturgie als bewusst geplant bestätigt.
Übergreifend wird das Album mehrfach unabhängig als durchgehend paranoide, klaustrophobische Klangwelt beschrieben – „moods of dark claustrophobia“ –, im deutlichen Gegensatz zur entspannteren Anmutung der beiden Vorgängeralben. Diese Geschlossenheit ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen sie entstand: Drei Musiker, die kaum noch gemeinsam im selben Raum arbeiteten, ergaben ein Album, das klingt, als sei es aus einem Guss.
Barney Hoskyns' Kritik
Die Gegenstimme gehört dazu. Der Rolling-Stone-Kritiker Barney Hoskyns schrieb zur Veröffentlichung: „Sometimes rhythm and texture are explored at the expense of memorable tunes, and the absence of Tricky only highlights the flat, monotonous rapping of the group's 3-D.“ Tricky, der auf den ersten beiden Alben maßgeblich beteiligt gewesen war, fehlt hier tatsächlich vollständig – ob das ein Verlust ist oder gerade die Geschlossenheit des Albums ermöglicht hat, bleibt Ansichtssache.
05Warum es einen Abend trägt
Mezzanine ist mit gut einer Stunde eines der längeren Alben in dieser Reihe, und genau das macht es für einen Abend geeignet: Es verlangt Zeit, um seine Wirkung zu entfalten, und wehrt sich gegen das Herausgreifen einzelner Songs. Wer nur „Teardrop“ kennt, kennt einen hellen, fast zärtlichen Moment inmitten eines Albums, das drumherum überwiegend dunkel, dicht und unruhig bleibt. Im Zusammenhang gehört ergibt gerade dieser Kontrast Sinn: Der bekannteste Song der Platte ist nicht ihr repräsentativster.
Die Trennung im Klang
Dazu kommt die Geschichte der Aufnahme selbst. Ein Album, das entstand, während sich seine Urheber innerlich schon trennten, lädt dazu ein, genauer hinzuhören, wo sich diese Reibung im Klang niederschlägt – im geschnittenen, kaum wiedererkennbaren Gitarrenspiel, in den mehrfach umgeschriebenen Rhythmen, in der Distanz zwischen den einzelnen Beiträgen. Nichts davon muss erzählt werden, damit die Musik wirkt, aber es erklärt, warum sie so wirkt, wie sie wirkt.
Eine gemeinsame Geschichte
In Großbritannien stieg das Album direkt auf Platz eins ein und erreichte dieselbe Position auch in Australien, Irland und Neuseeland. In den USA blieb der Erfolg deutlich kleiner: Platz 60 der Billboard 200. Bis April 2000 verkaufte sich das Album weltweit rund 2,5 Millionen Mal, in Großbritannien wurde es zweifach mit Platin ausgezeichnet.
„Teardrop“ wurde zur einzigen Top-10-Single der Band in Großbritannien (Platz 10) und zählt heute laut DJ Mag rund 250 Millionen Streams auf Spotify. Kurz nach der Veröffentlichung verließ Mushroom die Band – der kommerzielle Erfolg und der interne Bruch fielen zeitlich zusammen.
Wie hört sich ein Album an, das seine Spannungen nicht versteckt, sondern in jede Gitarrenspur eingearbeitet hat?
Weiterhören
-
Jeff Buckley
Grace
1994
Die naheliegendste Verbindung dieses Abends: der Musiker, dessen Tod Elizabeth Fraser während der Aufnahme von „Teardrop“ erreichte.
Zur Album-Story → -
Portishead
Dummy
1994
Dieselbe Stadt, dieselbe Szene, verwandte Dunkelheit – Bristol als Ursprung eines Klangs, der beide Alben prägt.
Zur Album-Story → -
Radiohead
OK Computer
1997
Ein Jahr vor Mezzanine erschienen, ähnlich klaustrophobisch in der Grundstimmung, ähnlich schwer in einzelne Songs zu zerlegen.
Zur Album-Story →
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