1972Albumvorschlag
Harvest
Neil Young
Kurz bevor die entscheidenden Aufnahmen begannen, konnte Neil Young kaum noch stehen: Ein Bandscheibenschaden zwang ihn in ein Stützkorsett und fast vollständig auf die Akustikgitarre.
Zehn Tracks, aufgenommen an drei sehr unterschiedlichen Orten – einem Nashville-Studio, einer Scheune auf der eigenen Ranch, einem Konzertsaal in London mit vollem Orchester. Was daraus wurde, ist Youngs meistverkauftes Album und, seinen eigenen späteren Worten nach, nicht unbedingt sein liebstes.
- Laufzeitrund 37 Minuten
- Titel10
- Jahr1972
- AufgenommenQuadrafonic Sound Nashville, Scheune der Broken-Arrow-Ranch Woodside/Kalifornien, Barking Town Hall London, Royce Hall UCLA
Tracklist
- Out on the Weekend4:35
- Harvest3:03
- A Man Needs a Maid4:00
- Heart of Gold3:05
- Are You Ready for the Country?3:21
- Old Man3:22
- There's a World3:00
- Alabama4:02
- The Needle and the Damage Done2:00
- Words (Between the Lines of Age)6:42
„I was in and out of hospitals for the two years between After the Gold Rush and Harvest. My discs slipped. I couldn't hold my guitar up.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Der Klang
- 03Warum es einen Abend trägt
- 04Wie Harvest entstand
- 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
01Der besondere Moment
Im Kontrollraum von Quadrafonic Sound in Nashville sitzen im Februar 1971 zwei Männer und hören sich gerade eine frische Aufnahme an. Neil Young hat einen Track soeben mit seiner Begleitband eingespielt, in zwei Durchgängen, in weniger als zwei Stunden. Toningenieur und Produzent Elliot Mazer sitzt neben Schlagzeuger Kenny Buttrey. Über diesen Moment wird später gesagt: „Kenny and I looked at each other, and we both knew it was a number one record.“ Der Track heißt „Heart of Gold“.
Der Bandscheibenschaden
Die Ruhe dieser Szene täuscht über die Umstände hinweg, unter denen sie zustande kam. Young konnte zu diesem Zeitpunkt kaum eine elektrische Gitarre halten. Ein Bandscheibenschaden, der sich Berichten zufolge im Jahr davor bei Arbeiten auf seiner kalifornischen Ranch verschlimmert hatte, zwang ihn in ein Stützkorsett und weitgehend zum Sitzen oder Stehen mit gestrecktem Rücken. Operiert wurde erst im August 1971, Monate nach diesen Sessions. Die Nashville-Aufnahmen entstanden also fast vollständig, bevor die eigentliche Behandlung überhaupt stattfand.
Dass ausgerechnet unter diesen Bedingungen der kommerziell erfolgreichste Track seiner Karriere entsteht, ist die eigentliche Pointe der Szene. Young konnte kaum anders, als leiser, akustischer und langsamer zu spielen, als es sein Material aus den Jahren zuvor vermuten ließ. Was als Einschränkung begann, wurde zum Klangbild eines ganzen Albums.
Belegt ist der Kern dieser Szene – Ort, Zeitrahmen, Mazers Reaktion – durch mehrere unabhängige Darstellungen. Wie genau sich Young in diesem Moment selbst gefühlt hat, ist naturgemäß nur aus seinen eigenen, deutlich späteren Aussagen zu erschließen.
04Wie Harvest entstand
Die Grundlage legte eine kleine, kurzfristig zusammengestellte Band. Mazer hatte Young bei einem privaten Anlass kennengelernt und brachte ihn mit Musikern zusammen, die er selbst engagierte: Kenny Buttrey am Schlagzeug, Tim Drummond am Bass, Ben Keith an der Pedal-Steel-Gitarre und zeitweise Teddy Irwin an der Akustikgitarre. Unter dem Namen The Stray Gators spielten sie im Februar und, für Nachaufnahmen, im April 1971 in Mazers Quadrafonic Sound ein, einem in ein umgebautes Haus an der Music Row eingebauten Studio.
Das London Symphony Orchestra
Parallel dazu entstand in London ein völlig anderer Teil des Albums. Am 1. März 1971 nahm Young in der Barking Town Hall zwei Tracks mit dem London Symphony Orchestra auf, „A Man Needs a Maid“ und „There's a World“. Arrangiert und dirigiert hat sie Jack Nitzsche, der die Streicherfassungen von Youngs Klavierskizzen ausgearbeitet hatte. Aufnahmen mit einem vollen Orchester und die kleine, akustisch geprägte Band aus Nashville liegen klanglich weit auseinander – auf dem fertigen Album stehen sie nur wenige Tracks entfernt.
Einen dritten Schauplatz lieferte Youngs eigene Ranch bei Woodside, Kalifornien. Ende September 1971 wurde eine Scheune dort kurzerhand zum Aufnahmeort: Eine mobile Aufnahmeanlage, ausgestattet unter anderem mit einem Mischpult, wie es auch in Nashville zum Einsatz kam, wurde in das Gebäude gebracht, PA-Boxen dienten statt Kopfhörern als Abhöre. Wer die Einrichtung im Einzelnen verantwortete, wird in den Quellen nicht einheitlich benannt – genannt werden sowohl Mazer als auch Nitzsche. Hier entstanden unter anderem „Old Man“ und „Are You Ready for the Country?“ Einen vierten, kleineren Baustein bildet „The Needle and the Damage Done“: Der Track wurde bereits im Januar 1971 live und solo während eines Konzerts in der Royce Hall der UCLA mitgeschnitten.
Erschienen ist Harvest am 14. oder 15. Februar 1972 bei Reprise Records – die genaue Tagesangabe schwankt zwischen den Quellen um einen Tag. Als Produzenten firmieren Young, Mazer und Nitzsche, mit Henry Lewy als weiterem beteiligten Toningenieur.
02Der Klang
Der Nashville-Anteil des Albums ist bewusst wenig geglättet. Statt einzelne Instrumente sauber voneinander zu trennen, ließ Mazer die Musiker eng beieinander im selben Raum spielen und nahm dabei Übersprechen zwischen den Mikrofonen in Kauf. Diese Entscheidung kostet technische Präzision, gewinnt dafür aber das Gefühl einer Band, die tatsächlich gemeinsam im Raum steht – ein Effekt, der sich am deutlichsten dort zeigt, wo Youngs durch den Rücken bedingtes, reduziertes Spiel ohnehin schon eine gewisse Zurückhaltung vorgab.
In der Scheune der Ranch wurde dieses Prinzip fortgesetzt, mit denselben Mitteln: ein vergleichbares Mischpult wie in Nashville, PA-Lautsprecher als Monitore anstelle von Kopfhörern, entsprechend viel Raumklang auf den Aufnahmen. Wie sehr Young diesem unperfekten, aber lebendigen Klangbild vertraute, zeigt eine oft erzählte Anekdote: Bei einem Probehören der fertigen Mischung ließ er einen Gast mit ihm auf den See vor der Ranch hinausrudern, während die Musik über Außenlautsprecher aus Wohnhaus und Scheune lief. Auf die Frage, wie es klinge, soll Young geantwortet haben: „More barn!“ – mehr Scheune. Belegt ist diese Szene über die Erinnerung eines Gastes, nicht über eine unabhängige zweite Quelle.
Reibung mit dem Orchester
Der Kontrast dazu ist der Londoner Anteil. Bei „A Man Needs a Maid“ und „There's a World“ tritt an die Stelle von Zurückhaltung ein volles Orchester, arrangiert von Nitzsche für ein Ensemble, das nicht in derselben Weise improvisieren konnte oder sollte wie die Stray Gators. Dass diese Zusammenarbeit nicht spannungsfrei verlief, zeigt eine überlieferte Äußerung Youngs während der Sessions, das Orchester habe „a beat behind“ ihm gespielt. Der hörbare Bruch zwischen intimer Ranch-Aufnahme und orchestraler Fülle ist damit kein Zufall der Postproduktion, sondern Ergebnis zweier grundverschiedener Aufnahmesituationen, die bewusst nebeneinander bestehen blieben, statt einander angeglichen zu werden.
05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Was diese drei bis vier Aufnahmeorte zusammenhält, ist weniger ein einheitlicher Klang als eine durchgehende Erzählhaltung: Young singt fast überall aus der Position von jemandem, der körperlich eingeschränkt und persönlich verunsichert ist, ob es nun um eine gescheiterte Beziehung geht, um das eigene Altern oder um die eigene Sucht. „The Needle and the Damage Done“, live und ohne Band aufgenommen, benennt das direkt und handelt von Drogenkonsum in seinem Umfeld. „Old Man“, in der Scheune entstanden, richtet sich an einen Angestellten von Youngs Ranch, den er nach eigener Aussage mit seinem eigenen Vater verglich.
Die Reihenfolge der Tracks verstärkt diesen Eindruck, indem sie die beiden Orchesterstücke nicht isoliert, sondern eingebettet zwischen den akustischeren Nummern platziert: „A Man Needs a Maid“ folgt auf den Titeltrack, „There's a World“ steht zwischen „Old Man“ und „Alabama“. Das Album wechselt damit wiederholt zwischen kleiner und großer Besetzung, ohne die beiden Pole in getrennte Blöcke zu sortieren.
Der Weg in den Straßengraben
Kritisch anmerken muss man, dass diese Geschlossenheit kein reiner Zufall der Kunst, sondern auch ein Ergebnis des kommerziellen Erfolgs war, der sich erst im Nachhinein einstellte. Young selbst hat den daraus resultierenden Status des Albums später mit spürbarer Distanz kommentiert: „'Heart of Gold' put me in the middle of the road. Traveling there soon became a bore so I headed for the ditch. A rougher ride but I saw more interesting people there.“ Diese Bemerkung, 1977 in den Liner Notes zur Kompilation Decade veröffentlicht, richtet sich zwar in erster Linie gegen die Erwartungshaltung, die der Erfolg auslöste, wirft aber ein Schlaglicht darauf, wie ambivalent der Urheber selbst auf sein meistverkauftes Werk zurückblickte.
Eine Randnotiz
The Needle and the Damage Done
Als einziger Track des Albums ist dieser live vor Publikum entstanden, am 30. Januar 1971 während eines Solokonzerts in der Royce Hall der UCLA – Monate vor den ersten Nashville-Sessions und ohne jede Studioüberarbeitung. Auf einem Album, das sonst zwischen Studio, Scheune und Konzertsaal mit Orchester wechselt, ist das die unmittelbarste Aufnahme überhaupt.
03Warum es einen Abend trägt
Rund siebenunddreißig Minuten, zehn Tracks, keiner davon überproduziert im Sinne vielschichtiger Studioarbeit – selbst die beiden Orchesterstücke wurden in vergleichsweise wenigen Sitzungen eingespielt. Wer sich auf einen ganzen Durchlauf einlässt, hört dabei tatsächlich drei unterschiedliche Räume: das enge, warme Nashville-Studio, die noch rauere Scheune und, zweimal, einen Konzertsaal mit vollem Orchesterklang.
Diese Wechsel sind der Grund, warum sich das Album nicht wie eine bloße Liedersammlung anhört, sondern wie eine Abfolge von Zuständen. Man hört einem Mann zu, der kaum stehen konnte und trotzdem in kürzester Zeit einen seiner bekanntesten Tracks einspielte, der sich wenig später von einem vollen Orchester begleiten ließ und der schließlich in einer selbst gebauten Scheunen-Anlage genau jenen unperfekten, raumfüllenden Klang suchte, den er später scherzhaft mit „mehr Scheune“ zusammenfasste.
Vier Platin-Auszeichnungen in den USA
Kommerziell war Harvest, mit vier Platin-Auszeichnungen in den USA und Platz eins in mehreren Ländern, das erfolgreichste Album seiner Karriere – und blieb es bis heute. Die zeitgenössische Kritik war zunächst gespalten: Der Rezensent John Mendelsohn nannte es im Rolling Stone ein „disappointing retread“, während spätere Einordnungen deutlich wohlwollender ausfielen. Dass ausgerechnet dieses, von Young selbst später relativierte Album bis heute als Einstieg in sein Werk gilt, muss man nicht auflösen, um einen Abend lang zuzuhören. Es reicht, offen zu lassen, was von einem Musiker zu erwarten ist, der sein erfolgreichstes Album mit gebrochenem Rücken aufnahm und es Jahrzehnte später bloß „just another record“ nannte.
Zahlen zur Wirkung
Harvest erreichte in den USA Platz eins der Albumcharts und gilt dort als meistverkauftes Album des Jahres 1972; in mehreren weiteren Ländern, darunter Großbritannien, Kanada und Australien, stand es ebenfalls an der Spitze. In den USA wurde es vierfach mit Platin ausgezeichnet. Es blieb Youngs einziges Nummer-eins-Album in den amerikanischen Charts.
Wie klingt ein Album, das ein Mann mit kaum belastbarem Rücken zwischen Studio, Scheune und Konzertsaal zusammentrug?
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