1971Albumvorschlag
Tapestry
Carole King
Für drei Wochen ließ der Produzent die Neonröhren im Studio abschalten und stellte Kerzen auf, damit eine Songschreiberin, die zwölf Jahre lang für andere geschrieben hatte, zum ersten Mal für sich selbst singen konnte.
Zwölf Tracks, ein Klavier, ein Kreis befreundeter Musiker aus derselben Straße in Laurel Canyon. Was von diesem Album bleibt, sind die Einzeltitel, die bis heute im Radio laufen. Was man seltener hört, ist die Geschichte einer Frau, die sich zum ersten Mal traute, die eigene Stimme in den Vordergrund zu stellen.
- Laufzeitrund 44 Minuten
- Titel12
- Jahr1971
- AufgenommenA&M Studios, Studio B, Hollywood, Januar 1971
Tracklist
- I Feel the Earth Move3:00
- So Far Away3:54
- It's Too Late3:51
- Home Again2:29
- Beautiful3:08
- Way Over Yonder4:49
- You've Got a Friend5:09
- Where You Lead3:20
- Will You Love Me Tomorrow4:13
- Smackwater Jack3:42
- Tapestry3:15
- (You Make Me Feel Like) A Natural Woman3:59
„Das Erste, was ich mir bei Carole vorstellte, war eine Solokünstlerin. Man sollte immer das Gefühl haben, sie sitzt am Klavier und singt für einen selbst.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Tapestry entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Januar 1971, Studio B von A&M Records auf dem Sunset Boulevard. In einem Raum entsteht Carole Kings eigenes Album, im Nachbarraum arbeitet zur selben Zeit James Taylor an seinem Mud Slide Slim and the Blue Horizon. Die beiden kennen sich vom gemeinsamen Tourleben des Vorjahrs, dieselben Musiker spielen bei beiden mit. In diesen Wochen setzt sich King ans Klavier und schreibt „You've Got a Friend“ – nach eigener Beschreibung fast ohne eigenes Zutun: „The song was as close to pure inspiration as I've ever experienced. The song wrote itself. It was written by something outside myself, through me.“
James Taylor will den Song sofort
Taylor hört den Track, kaum dass er fertig ist, und will ihn sofort selbst aufnehmen. King hat später klargestellt, dass sie beim Schreiben nicht gezielt an ihn gedacht habe: „I didn't write it with James or anybody really specifically in mind. But when James heard it he really liked it and wanted to record it.“ Beide Fassungen entstehen praktisch parallel, mit überschneidender Besetzung – unter anderem spielt Danny Kortchmar auf beiden Aufnahmen Gitarre. Ende 1971 steht Taylors Version auf Platz eins der US-Charts, Kings eigene Fassung wird als Song des Jahres ausgezeichnet.
Was diese Szene über das ganze Album sagt, steht in der Beiläufigkeit. Ein Song, der einer der meistgecoverten der amerikanischen Popmusik werden sollte, entstand nebenbei, während zwei befreundete Musiker im selben Gebäude an zwei verschiedenen Platten arbeiteten und sich gegenseitig zuhörten. Genau dieses Zuhören – nicht Konzept, nicht Kalkül – ist das Prinzip, nach dem Tapestry entstanden ist.
02Wie Tapestry entstand
Vor Tapestry war Carole King vor allem eine Stimme im Hintergrund. In den sechziger Jahren schrieb sie im Brill Building in New York gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Gerry Goffin Songs für andere – darunter „Will You Love Me Tomorrow“ für die Shirelles und „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ für Aretha Franklin. Beide Tracks nimmt sie auf Tapestry noch einmal selbst auf, diesmal in eigener Fassung und mit eigener Stimme.
Nach der Trennung von Goffin zog King nach Los Angeles, ins locker organisierte Musikerviertel Laurel Canyon, wo sie mit Danny Kortchmar und ihrem zweiten Mann Charles Larkey in der Band The City spielte und später ein wenig beachtetes Soloalbum namens Writer veröffentlichte. Erst mit Tapestry und Produzent Lou Adler gelang der Schritt vom Songwriting in den Hintergrund zur Künstlerin im Vordergrund. Berichten zufolge kostete die Produktion rund 22.000 US-Dollar und war nach drei Wochen abgeschlossen.
Kerzen statt Neonlicht
Aufgenommen wurde in Studio B von A&M an der La Brea Avenue, mit Toningenieur Hank Cicalo. Um die für ein Studio ungewöhnliche Nähe zu erzeugen, ließ man dem Bericht zufolge das grelle Deckenlicht aus und stellte stattdessen Kerzen auf – eine Geste, die zum Konzept passte: Statt einer großen Band sollte man das Gefühl haben, in Kings Wohnzimmer zu sitzen. Mit im Raum: James Taylor an der Akustikgitarre, Danny Kortchmar an der E-Gitarre, Charles Larkey am Bass, Ralph Schuckett am elektrischen Klavier, dazu Schlagzeug von Joel O'Brien und Russ Kunkel. Für den Backgroundgesang holte man unter anderem Merry Clayton, Julia Tillman und Joni Mitchell dazu – eine weitere Songschreiberin aus derselben Szene, die zur selben Zeit an ihrem eigenen Album Blue arbeitete.
James Taylor hat den Effekt der schnellen, unaufgeregten Produktion später so beschrieben: Sie habe verhindert, dass jemand vorschnell urteilte, King habe „keine richtige Sängerstimme“. King selbst hat den eigenen Anteil an dieser Ermutigung offen benannt: „I have James Taylor to thank for sort of nudging me out in front and teaching me by example that all you have to do is go out there to be yourself, sing the songs and everything will be fine.“
03Der Klang
Adlers Ziel für die Produktion war denkbar knapp formuliert: „The first thing I envisioned with Carole is that she was a solo artist. You always felt she was sitting at the piano and singing to you.“ Alles auf der Platte ordnet sich diesem Bild unter. Kings Klavier steht im Zentrum jedes Tracks, die übrige Band spielt zurückhaltend darum herum, Streicher und Bläser – Violine, Viola, Cello, Flöte, Saxofon – tauchen nur einzeln auf und nie, um die Stimme zu überdecken.
Hank Cicalos Studioregel
Toningenieur Hank Cicalo hat die Absicht dahinter so zusammengefasst: „Records like Tapestry can be overproduced in a minute. Lou and Carole wanted that simplicity. They wanted it to be nice and warm, and a very comfortable record for people to enjoy.“ Das Ergebnis klingt streckenweise, als sei die Aufnahme live im Raum entstanden, mit Freunden, die einander zuhören, statt mit einer Band, die einen Take nach dem nächsten abarbeitet.
Diese Zurückhaltung ist eine bewusste Entscheidung und kein Zufall der kurzen Produktionszeit. King hatte zuvor jahrelang in fremden Aufnahmen mitgespielt und wusste genau, wie viel Arrangement ein Song verträgt, bevor die Stimme darin verschwindet. Auf Tapestry bleibt praktisch immer Platz um sie herum – ein Klang, der eher nach einem Zimmer klingt als nach einem Studio.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Tapestry trägt zwei Songs, die es eigentlich schon gab, bevor King sie selbst aufnahm: „Will You Love Me Tomorrow“ und „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ hatte sie Jahre zuvor für die Shirelles beziehungsweise für Aretha Franklin geschrieben. Dass sie beide auf diesem Album noch einmal auftauchen, ist mehr als eine Setlist-Entscheidung: Es ist eine Rückeroberung des eigenen Katalogs. Wer diese beiden Tracks neben den zehn neu geschriebenen hört, hört eine Songwriterin, die ihr eigenes Lebenswerk noch einmal durch die eigene Stimme laufen lässt.
Toni Sterns Beitrag
Genau darin liegt die Klammer der Platte. Zwölf Tracks unterschiedlichster Herkunft – alte Auftragsarbeiten, brandneue Kompositionen, eine gemeinsam mit Toni Stern geschriebene Nummer, mehrere mit Goffin – werden durch dieselbe Stimme, dasselbe Klavier und dieselbe kleine Band zu einem einzigen Werk zusammengezogen. Wo andere Alben ihre Einheit über ein durchgehendes Thema herstellen, stellt Tapestry sie über eine Person her: King singt jeden dieser Songs, als hätte sie ihn gerade eben erst geschrieben.
Was man nicht behaupten sollte: dass die Platte ein durchdachtes Konzeptalbum gewesen sei. Nichts in den geprüften Quellen deutet auf eine vorab geplante Dramaturgie hin – die Wirkung entsteht aus der Konsequenz der Produktion, nicht aus einem Konzept, das King oder Adler vorher formuliert hätten.
05Warum es einen Abend trägt
Rund vierundvierzig Minuten, zwölf Tracks, kein einziger davon lärmend oder überlang. Das Album öffnet mit dem unbeschwerten „I Feel the Earth Move“ und schließt mit „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ – einem Bogen von der jungen, tastenden Energie zur souveränen, gereiften Stimme. Dazwischen liegt mit „You've Got a Friend“ ein ruhiger Mittelpunkt, an dem sich das Tempo eines Abends fast von selbst reguliert.
Was diese Platte für einen gemeinsamen Abend trägt, ist gerade das Fehlen von Effekten. Kein Song verlangt nach voller Lautstärke, keiner drängt sich in den Vordergrund. Man kann ihr über die gesamte Länge zuhören, ohne dass die Aufmerksamkeit ermüdet – genau das war, glaubt man Adler und Cicalo, die Absicht: eine Platte, die man sich bequem anhören kann, wie ein Gespräch am Küchentisch.
„Who knew?“
Zurück gibt das Album eine Geschichte, die man normalerweise nicht hört, wenn man nur die Einzeltitel im Radio kennt: die einer Frau, die zwölf Jahre für andere geschrieben hatte und sich in drei Wochen traute, selbst die Bühne zu betreten. „Who knew?“, hat King rückblickend zum Erfolg der Platte gesagt – zwei Worte, die zur Bescheidenheit passen, mit der das Album gemacht wurde.
Eine gemeinsame Geschichte
In den USA stand Tapestry fünfzehn aufeinanderfolgende Wochen auf Platz eins der Billboard 200 – ein Rekord für eine Solokünstlerin, der lange Bestand hatte. Insgesamt blieb das Album 313 Wochen in den Charts. Bei den Grammys 1972 gewann King in einer einzigen Nacht Album des Jahres, Song des Jahres für „You've Got a Friend“, Aufnahme des Jahres für „It's Too Late“ und den Preis für die beste weibliche Pop-Gesangsleistung – als erste Frau, die Song und Aufnahme des Jahres gewann.
Was blieb, ist nicht nur die Chartstatistik. 2021 nahm Taylor Swift Carole King in die Rock and Roll Hall of Fame auf und beschrieb Tapestry als ein Album, das sich anfühle, „als würde einem eine enge Freundin ganz nah die Wahrheiten ihres Lebens erzählen“. Fünfzig Jahre nach der Aufnahme hört man der Platte noch an, wie ungewöhnlich nah sie war, als sie entstand.
Wie klingt ein Album, das eine Songschreiberin erst zur Sängerin machte, weil ihre Freunde ihr im Studio zuhörten?
Weiterhören
-
Joni Mitchell
Blue
1971
Im selben Jahr, in derselben Szene entstanden: Mitchell singt auf Tapestry im Background mit, und beide Platten zeigen 1971 dieselbe Wendung – von der Songschreiberin zur singenden Erzählerin.
Zur Album-Story → -
Marvin Gaye
What's Going On
1971
Erschien im selben Jahr wie Tapestry und zeigt, wie unterschiedlich der Rückzug ins eigene Studio klingen kann – Soul mit sozialer Anklage statt Klavier und Kerzenlicht.
Zur Album-Story → -
Taylor Swift
folklore
2020
Taylor Swift nahm Carole King 2021 in die Rock and Roll Hall of Fame auf und beschrieb Tapestry als Blick in eine enge Freundschaft – folklore sucht fast fünfzig Jahre später dieselbe Nähe mit anderen Mitteln.
Zur Album-Story →
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