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1989Albumvorschlag

Hats

The Blue Nile

Sieben Songs, achtunddreißig Minuten, fast fünf Jahre Arbeit. Hats klingt, als hätte jemand einer Nacht in Glasgow so lange zugehört, bis nur noch das Wesentliche übrig war.

The Blue Nile brauchten nach ihrem Debüt fast fünf Jahre für ihr zweites Album. Die ersten Aufnahmen verwarfen sie, ein Rechtsstreit kostete sie ihr Studio, erst zu Hause in Glasgow fanden sie die Songs. Das Ergebnis ist eines der stillsten und genauesten Popalben der Achtziger.

  • Laufzeitrund 38 Minuten
  • Titel7
  • Jahr1989
  • AufgenommenCastlesound Studios, Pencaitland, Schottland (1985–1988)
Das Albumcover von Hats: die schwarze Silhouette eines Mannes mit Hut vor tiefblauem Grund, auf seiner Schulter ein roter Lichtbogen, oben rechts der Titel Hats, unten der Bandname in gesperrter Schreibschrift.
The Blue Nile, Hats, Linn Records 1989. Gestaltung Marr Associates. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Over the Hillside5:03
  2. The Downtown Lights6:26
  3. Let's Go Out Tonight5:12
  4. Headlights on the Parade6:11
  5. From a Late Night Train3:59
  6. Seven A.M.5:09
  7. Saturday Night6:26

Zum Cover

Eine Silhouette mit Hut, fast ganz im Schatten, vor einem tiefen, leuchtenden Blau. Das Gesicht ist nicht zu erkennen. Nur ein blauer Lichtschimmer am Hals und ein roter Bogen auf der Schulter, wie der Schein einer Leuchtreklame. Oben rechts steht klein „Hats“, am unteren Rand der Bandname in weit gesperrter Schreibschrift.

Die Gestaltung stammt laut den Angaben auf der Platte von Marr Associates. Ein Fotograf ist nicht genannt. Für die amerikanische Ausgabe bei A&M wurde der Bandname größer gesetzt, weil The Blue Nile in den USA kaum jemand kannte.

Darüber hinaus ist über das Bild nichts dokumentiert: wer darauf zu sehen ist, wie es entstand, ob Foto oder Illustration. Bei dieser Band wirkt das fast folgerichtig. Ein Mann ohne Gesicht, nachts, im Licht der Stadt – genau so tauchen die Menschen in ihren Songs auf: beobachtet, nie erklärt.

Gestaltung: Marr Associates
Label: Linn Records (UK), A&M Records (USA), 1989
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„The important thing for us when we were making the record was to stay out of the way of the music.“

Paul Buchanan Sänger und Songschreiber, 2018 im Rückblick auf die Aufnahmen

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Hats entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Die Geschichte von The Blue Nile beginnt mit einem Lautsprechertest. Mitarbeiter der schottischen Hi-Fi-Firma Linn probierten neue Boxen im Studio Castlesound aus. Der Toningenieur Calum Malcolm spielte ihnen ein Demo einer jungen Band aus Glasgow vor. Linn bot der Band daraufhin einen Plattenvertrag an.

Sänger Paul Buchanan hat erzählt, Linn habe eine Platte machen wollen, mit der man in den Hi-Fi-Läden die eigenen Geräte vorführen konnte, eine sehr rein klingende Aufnahme, die zeigen sollte, was analoge Technik kann.

Keine Hi-Fi-Band

Die Band selbst wollte davon nicht viel wissen. Keyboarder Paul Joseph Moore nannte es einen Mythos, sie seien eine Hi-Fi-Band bei einer Hi-Fi-Firma gewesen. Linn habe sie schlicht arbeiten lassen. Für einen Hörabend auf einer analogen Anlage ist die Geschichte trotzdem schön: Kaum eine Popband ist enger mit gutem Klang verbunden.

02Wie Hats entstand

Nach dem Debüt A Walk Across the Rooftops von 1984 drängte Linn auf einen Nachfolger. Anfang 1985 zog die Band in ein Haus in Gullane nahe dem Studio. Es fehlten Songs, das enge Zusammenleben machte die drei unglücklich. Sie nahmen auf, aber glaubten nicht an das, was sie aufnahmen: „We recorded but we just didn't believe in what we'd recorded.“

Virgin, das die Aufnahmen lizenziert hatte, verklagte die Band auf neues Material. Das Studio mussten sie für eine andere Band räumen. Erst zu Hause in Glasgow löste sich die Blockade. Man traf sich wieder in den kleinen Wohnungen, spielte, redete. „We should have done that to begin with, really“, sagte Buchanan später.

Der Tiefpunkt

Buchanan hat diese Jahre ohne Beschönigung beschrieben: weit weg von zu Hause, kein Geld, unglücklich, verklagt – „We were absolutely zonked.“ 1988 ging die Band zurück nach Castlesound, und nun ging es schnell. Im Oktober 1989 erschien Hats.

03Der Klang

Hats besteht aus Synthesizern, programmierten Rhythmen, Klavier und Buchanans Stimme, aufgenommen von Calum Malcolm, der oft als viertes Bandmitglied bezeichnet wird. Das Album klingt wärmer und weicher als das Debüt. Am Anfang von „Over the Hillside“ schweben Synthesizer, die ein Kritiker mit Nebel über einem schottischen Moor verglichen hat.

Simon Reynolds schrieb im Melody Maker, nur ein sehr träges Ohr könne diese kristalline Perfektion mit der Glätte von Plastikpop verwechseln. Das ist der Kern dieses Klangs: Alles ist sauber, nichts ist steril.

Ein Vorwurf

Zu perfekt?

Das Magazin Q gab dem Album die Höchstwertung, damals eine Seltenheit. Der Kritiker Johnny Black fand nur einen möglichen Fehler: Das Album sei vielleicht zu perfekt, zu durchdacht. Wer es an einem ruhigen Abend hört, wird diesen Einwand verstehen – und ihn vermutlich trotzdem nicht teilen.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Buchanan hat Hats als Geschichte in Kapiteln beschrieben. Man kann die Titel lesen wie den Verlauf einer Nacht: „Let's Go Out Tonight“, „The Downtown Lights“, „From a Late Night Train“, „Seven A.M.“, „Saturday Night“. Es geht um Liebe, Sehnsucht und Verlust, erzählt von jemandem, der durch die Stadt geht und in jedem Fenster etwas von sich selbst sieht.

Klein und groß zugleich

In Großbritannien erreichte das Album Platz 12, der größte Erfolg der Band. Viel wichtiger war, was danach kam: Annie Lennox und Rod Stewart nahmen „The Downtown Lights“ auf, Musikerinnen und Musiker verschiedener Generationen nennen Hats bis heute als Lieblingsplatte. 2018 wählten Leserinnen und Leser des Glasgower Herald es zum schottischen Lieblingsalbum.

05Warum es einen Abend trägt

Achtunddreißig Minuten sind kurz. Aber Hats ist eine Platte, nach der man nichts mehr hören möchte, und deshalb eignet sie sich wunderbar als letztes Album eines Abends. Drei Songs auf der ersten Seite, vier auf der zweiten, keiner zu viel.

Die Stadt als Spiegel

Buchanan hat über Glasgow gesagt, welches Glück oder welche Traurigkeit man auch fühle, man projiziere sie auf die Straßen. Genau das passiert beim Hören: Die Songs sind so offen, dass jeder seine eigene Nacht in sie hineinlegt. Wenn am Ende „Saturday Night“ verklingt, ist es im Raum sehr still.

Wie klingt eine Stadt, wenn man ihr nachts nur zuhört?