2019Albumvorschlag
IGOR
Tyler, the Creator
Der Künstler hat vorab genau aufgeschrieben, wie man dieses Album zu hören hat: von vorne bis hinten, ohne Telefon, ohne Gespräch.
Mitte Mai 2019 schickte Tyler, the Creator seinem Album eine Gebrauchsanweisung voraus: kein Überspringen, keine Ablenkung, volle Aufmerksamkeit. Zwölf Tracks, knapp vierzig Minuten, alles allein produziert – und beim Erscheinen kein einziger Gast auf der Titelliste, obwohl das halbe Adressbuch mitsingt.
- Laufzeitknapp 40 Minuten
- Titel12
- Jahr2019
- AufgenommenAcht Studios in Los Angeles, Hollywood, Malibu, Atlanta und am Comer See
Hörprobe · 32 Sekunden
Telefon weg. Fernseher aus. Kein Gespräch nebenher. Diese Anweisungen standen im Mai 2019 in den sozialen Netzwerken, und sie kamen nicht von einem HiFi-Verein, sondern von dem Mann, dessen Album in derselben Nacht erschien. Tyler, the Creator schrieb: Der erste Durchgang funktioniert am besten ganz durch, ohne Überspringen, von vorn bis hinten. Und dann: Ich könnte euch meine Lieblingsstellen nennen – aber mir wäre lieber, ihr findet eure eigenen.
Tracklist
- IGOR'S THEME3:20
- EARFQUAKE3:10
- I THINK3:32
- EXACTLY WHAT YOU RUN FROM YOU END UP CHASING0:14
- RUNNING OUT OF TIME2:57
- NEW MAGIC WAND3:15
- A BOY IS A GUN*3:30
- PUPPET2:59
- WHAT'S GOOD3:25
- GONE, GONE / THANK YOU6:15
- I DON'T LOVE YOU ANYMORE2:41
- ARE WE STILL FRIENDS?4:25
Zum Cover
Zum Cover von „IGOR“ gibt es eine ungewöhnlich ehrliche Auskunft zu geben: Wie das Bild entstand, ist nirgends dokumentiert. Kein Interview mit den Fotografen, keine Angabe zu Ort, Zeit oder Idee. Dieser Text beschreibt deshalb nicht, was auf dem Bild zu sehen ist, als wäre das eine Quelle.
Belegt sind nur die Namen, und die stehen im Kleingedruckten einer europäischen Pressung: Fotografie von Luis „Panch“ Perez und Sam Rock, Gestaltung von Tyler Okonma zusammen mit Darren Vongphakdy und Phil Toselli. Einen Art Director weist keine geprüfte Quelle aus.
Das Cover existiert in mehreren Fassungen. CD-Ausgaben erschienen mit gelbem, blauem und grünem Hintergrund, dazu kamen farbige Ausgaben und Bildplatten. Die europäische Schallplatte steckt in einem Klappcover mit Poster. Ein Album, das seine Gäste nicht auswies, hat sich bei der Verpackung also keineswegs zurückgehalten.
Prägend ist ohnehin nicht das Cover, sondern die Figur: platinblonde Perücke, farbiger Anzug, eckige schwarze Brille. grammy.com schreibt, Tyler habe diese Figur drei Jahre lang gezeichnet, bevor das Album erschien – die Angabe steht nur dort und ist auf kein Zitat zurückgeführt. Wer Igor sein soll, hat Tyler selbst in keiner geprüften Quelle je erklärt.
Fotografie: Luis „Panch“ Perez, Sam Rock
Gestaltung: Tyler Okonma, Darren Vongphakdy, Phil Toselli
Label: Columbia Records, 2019
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Erwarten Sie kein Rap-Album. Erwarten Sie überhaupt kein Album. Springen Sie einfach hinein. Ich glaube, das erste Hören funktioniert am besten ganz durch, ohne Überspringen. Von vorn bis hinten.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie IGOR entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Telefon weg. Fernseher aus. Kein Gespräch nebenher. Diese Anweisungen standen Mitte Mai 2019 in den sozialen Netzwerken, durchgehend in Großbuchstaben gesetzt, und sie kamen weder von einem Hi-Fi-Verein noch von einem Kritiker. Sie kamen von dem Mann, dessen Album in derselben Nacht erschien.
Fünf Alben, alle verneint
Tyler Okonma, der als Tyler, the Creator auftritt, hatte das Album Anfang Mai angekündigt und schickte ihm nun einen Text hinterher, der mit einer Reihe von Verneinungen beginnt: „This is not Bastard. This is not Goblin. This is not Wolf. This is not Cherry Bomb. This is not Flower Boy. This is IGOR.“ Fünf eigene Veröffentlichungen, alle abgeräumt, bevor das neue Album überhaupt läuft.
Dann folgt die eigentliche Anweisung, und sie ist erstaunlich präzise: „Don't go into this expecting a rap album. Don't go into this expecting any album. Just go, jump into it.“ Und unmittelbar danach: „I believe the first listen works best all the way through, no skips. Front to back.“ Kein Überspringen. Von vorn bis hinten.
In der vollständigen, nur an einer einzigen Stelle dokumentierten Fassung wird der Text zur Hausordnung: kein Blick aufs Telefon, kein Fernsehen, kein Reden. Und dann der Satz, der alles Weitere offenlässt: „AS MUCH AS I WOULD LIKE TO PAINT A PICTURE AND TELL YOU MY FAVORITE MOMENTS, I WOULD RATHER YOU FORM YOUR OWN.“
Über den Beitrag selbst ist weniger bekannt, als man denkt. Ob er bei Instagram oder bei X stand, geben die Quellen unterschiedlich an, ein datierter Primärnachweis fehlt. Die vier zitierten Kernsätze sind dagegen unabhängig doppelt belegt. Bleibt dies: Ein Musiker, dessen Publikum 2019 vor allem streamte, verlangte für sein eigenes Album genau das, was nach landläufiger Meinung mit den Siebzigern aufgehört hat.
02Wie IGOR entstand
Der Vorgänger hieß „Flower Boy“ und erschien 2017. Es war das erste Album, mit dem Tyler von der Kritik breit angenommen wurde. Unmittelbar danach begann die Arbeit am nächsten; fertig wurde es 2019. Genauere Daten nennt keine geprüfte Quelle. Ob „IGOR“ dabei das fünfte oder das sechste Studioalbum ist, hängt daran, ob man das Mixtape von 2009 mitzählt – die Nachschlagewerke sind sich uneins, und die Zahl ist ohnehin die uninteressanteste Angabe zu dieser Platte.
Die entscheidende Weichenstellung steht in den Credits, nicht in einem Interview: Tyler hat geschrieben, produziert und arrangiert, und auf keinem einzigen Track steht ein Ko-Produzent. Das amerikanische Fachblatt Analog Planet hält das für einen Rekord – er sei „the first solo rapper ever to have a self-produced and arranged #1 album with no co-producer credits at all“. Diese Behauptung steht allerdings nur dort und ist nirgends unabhängig nachgeprüft.
Gearbeitet wurde an acht Orten: vier Studios in Los Angeles, eines in Hollywood, eines in Malibu, eines in Atlanta – und der Villa Batell am Comer See. Welcher Track wo entstand, ist nur einmal dokumentiert: „I THINK“ wurde 2018 in Italien aufgenommen, unter Mitwirkung von Solange.
Die Melodie für Lil Uzi Vert
Über seine Arbeitsreihenfolge hat Tyler später im Podcast Broken Record bei Rick Rubin einen Satz gesagt, der die Platte gut erklärt: „I like beat first, then melody, then lyrics.“ Der Text kommt zuletzt. Wie beiläufig so etwas entstehen kann, zeigt die Geschichte des Eröffnungsstücks: Er habe mit Lil Uzi Vert im Studio gesessen, keine Worte gefunden und stattdessen eine Melodie am Klavier gespielt; Uzi habe die Melodie übernommen und Gesang daraufgesetzt. Tylers Kommentar dazu: „It's nothing deep.“
Ein Album war ohnehin fällig: Ein Finanzbericht von Sony hatte im April 2018 eines bis Juni 2019 in Aussicht gestellt. Ende 2018 wich Tyler im Gespräch mit Fantastic Man einer Frage nach der Liebe aus – mit der Bemerkung, darüber wolle er nicht reden, das sei die nächste Platte.
03Der Klang
Hier muss der Artikel etwas zugeben. Zu „IGOR“ gibt es keine Produktionsreportage. Kein Fachmagazin hat den Mischtoningenieur zu diesem Album befragt, keine Studiodokumentation ist öffentlich, und was über die verwendeten Synthesizer kursiert, stammt aus Nachbau-Analysen von Blogs, die selbst schreiben, dass sie raten. Es steht deshalb kein einziger Gerätename in diesem Text. Bei einem Album von 2019 ist die Quellenlage schlechter als bei manchem Studioalbum von 1973.
Belegt sind die Namen am Ende der Kette: Gemischt hat Neal H Pogue im The Mix Room, gemastert Mike Bozzi bei Bernie Grundman Mastering. Aufgenommen hat überwiegend Vic Wainstein, an vielen Tracks Tyler selbst. Gesagt hat zu diesem Album keiner von ihnen etwas, das zitierfähig wäre.
Der Bound-2-Sample
Was sich stattdessen beschreiben lässt, ist das Verfahren, und das ist ein altes: Die Platte ist aus fremden Aufnahmen gebaut. Der Schlagzeugbruch des Eröffnungsstücks stammt aus „Attention“ von Bob Welch with Head West von 1970 und läuft mit neunundsiebzig Schlägen in der Minute. „I THINK“ nimmt seinen Refrain aus Bibi Mascels „Special Lady“ und seine Schlagzeugschleife aus Nkono Teles' „Get Down“, zwei nigerianische Funk-Platten von 1982. „A BOY IS A GUN*“ benutzt „Bound“ von den Ponderosa Twins Plus One – derselbe Track, den Tyler Jahre zuvor schon für Kanye Wests „Bound 2“ mitverwendet hatte. Wer auf einer guten Anlage hört, hört diese Herkunft: Die Quellen sind nicht geglättet, sie bringen ihre eigene Enge und ihr eigenes Rauschen mit.
Das zweite hörbare Prinzip ist die Behandlung der Stimmen. Tylers Gesang ist über weite Strecken verzerrt und in der Tonhöhe verschoben, dazwischen steht er ungefiltert da. Analog Planet beschreibt, dass Lil Uzi Vert im Eröffnungsstück ohne Autotune zu hören sei und Kanye Wests Strophe auf „PUPPET“ klinge, als wäre sie durch ein Telefonmikrofon aufgenommen – eine Hörbeschreibung, kein Produktionsbeleg. Der Effekt ist derselbe: Die Stimmen sind unterschiedlich weit weg. Über eine Anlage im Raum fällt das stärker auf als über Kopfhörer.
Zu einer amerikanischen Pressung melden Käufer auf Discogs, der erste Track laufe zu langsam und breche am Ende ab. Ein Labelbeleg dafür existiert nicht – aber es ist eine Pointe, dass ausgerechnet hier der Track betroffen ist, mit dem man nach Anweisung des Urhebers hineinspringen soll.
Hörmoment
IGOR'S THEME
bei 0:24
Das Album beginnt mit dreiundzwanzig Sekunden Synthesizer und sonst nichts. Kein Takt, keine Stimme, kein Ziel. Bei 0:24 setzt das Schlagzeug ein, und erst dort entscheidet sich, dass es sich um Musik mit Puls handelt.
Es ist die einzige Zeitangabe, die zu diesem Album überhaupt in einer Quelle ausgewiesen ist. Alle anderen Stellen dieses Textes sind deshalb beschrieben und nicht gezählt.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Als das Album erschien, stand auf der Titelliste kein einziges „feat.“. Zwölf Tracks, keine Namen. Das Publikum hörte trotzdem sofort, dass da andere Leute sangen, und riet falsch: Das Magazin i-D meldete am Tag darauf Beteiligungen von Frank Ocean, King Krule und A$AP Rocky, die auf der Platte gar nicht vorkommen. Tyler korrigierte das gelassen: „yeah, idk where they got this info from. someone said it and they ran with it.“
Seine Antwort auf die Frage, wer nun mitgemacht habe, war kein Presseschreiben, sondern ein Kleidungsstück. Am 19. Mai 2019 zeigte er unter der Überschrift „IGOR HELPING HANDS“ ein mit Anstecknadeln besetztes Sakko, auf dem die Beteiligten abzulesen waren. Die vollständigen Credits kamen erst später, nach einigen Berichten am 19., nach anderen am 28. Mai – also Tage bis Wochen nach dem Erscheinen und nachdem das Album schon auf Platz eins der amerikanischen Charts eingestiegen war. Erst da erfuhr man öffentlich, dass Solange und Santigold auf je drei Tracks zu hören sind, dass Kanye West eine Strophe beisteuert und Pharrell Williams das Schlussstück mitsingt. Verkauft wurde kein einziger Name.
Jerrod Carmichaels Kommentarspur
Der einzige formal belegte durchgehende Faden ist eine Stimme: Der Komiker Jerrod Carmichael spricht über fünf bis sechs Tracks hinweg Kommentare, die die Handlung begleiten. Der vierte Track besteht nur daraus – vierzehn Sekunden, ein Satz als Titel. Alles Weitere über den Bogen dieser Platte ist Deutung, und das ist kein Versehen: Tyler hat die Auflösung verweigert. Ein wiederkehrendes musikalisches Leitmotiv, eine Reprise des Anfangs am Schluss – nichts davon ist belegt. Ablesbar ist nur die Klammer der Titel: Das Album heißt nach seinem ersten Track und endet mit einer Frage.
Wer streamt, hört zwölf Tracks und knapp vierzig Minuten. Auf den physischen Ausgaben liegt ein zusätzlicher Track, „BOYFRIEND“, dafür fehlt dort das vierzehnsekündige Zwischenstück. Das ist mehr als eine Fußnote: Zwei Leute, die über dieses Album reden, haben womöglich nicht dasselbe gehört.
Gejubelt haben nicht alle. Die härteste dokumentierte Wertung kam von The Wire, fünfzig von hundert: Die Stärken der Platte seien kaum zu hören über „the pitiable ‚Puppet' and ‚Earfquake', functional pop wisely rejected by Justin Bieber and Rihanna“. Ausführlicher schrieb Aaron Skates im Quietus: „‚EARFQUAKE' feels long even at 3:10 as it peddles out a single idea that feels aimless.“ Sein Schlusssatz ist der ehrlichste der ganzen Rezeption: „IGOR remains ambiguous and uncertain, however. Or maybe I'm just projecting my nostalgia for an artist that defined a period of time in my life.“ Ein vollständiger Verriss existiert nicht.
Fast auf diesem Album
Ein Refrain für Justin Bieber
„EARFQUAKE“ schrieb Tyler nicht für sich. Es war für Justin Bieber gedacht, der ablehnte. Danach ging er damit zu Rihanna und bat sie um den Refrain; auch sie lehnte ab.
Also sang er ihn selbst, mit ungeschliffener Stimme. Der Track wurde mit Platz dreizehn seine bis dahin höchste Singleplatzierung. The Wire fand, die beiden hätten recht gehabt.
05Warum es einen Abend trägt
Knapp vierzig Minuten, zwölf Tracks. Das kürzeste dauert vierzehn Sekunden, das längste sechs Minuten fünfzehn. Eine bequeme Länge und eine unbequeme Platte.
Unbequem zuerst am Anfang: dreiundzwanzig Sekunden, in denen nichts passiert als ein Synthesizer. Wer gewohnt ist, dass ein Track gleich sagt, was er sein will, sitzt hier kurz im Leeren. Unbequem ein zweites Mal bei „NEW MAGIC WAND“, das hart und tief ist und einen Beat-Wechsel enthält, den ein Kritiker von Paste für einen der besten des Jahrzehnts hält. Unbequem ein drittes Mal bei „GONE, GONE / THANK YOU“, dem längsten Track, der in zwei Hälften zerfällt: erst die Klage und die Selbstbeschuldigung, dann ein Dank an den, der gegangen ist, verbunden mit der Ankündigung, nie wieder zu lieben – in auffallend guter Laune vorgetragen. Wo genau der Bruch liegt, sagt keine Quelle.
Das Album gibt dafür etwas zurück, was in einer Runde selten vorkommt: Gesprächsstoff, über den niemand im Voraus recht hat. Weil Tyler die Deutung verweigert hat, gibt es keine offizielle Lesart, gegen die man verlieren könnte. Die Kritik hat daraus eine Geschichte von unerwiderter Liebe innerhalb eines Dreiecks gelesen. Wer im Raum etwas anderes hört, hat dieselben Rechte wie NME.
Der Grammy vom 26. Januar 2020
Ein Nachsatz zur Frage, wohin diese Platte gehört. Am 26. Januar 2020 bekam „IGOR“ den Grammy für das beste Rap-Album – Tylers ersten Grammy überhaupt. Er nahm ihn an und bedankte sich: „I never fully felt accepted in rap. So for y'all to always stand by me and get me here, I really appreciate that.“ Hinter der Bühne sagte er im selben Atemzug: „Half of me feels like the rap nomination was a backhanded compliment.“ Es störe ihn, dass Leute, die aussähen wie er, mit genreüberschreitender Arbeit immer in der Rap- oder Urban-Schublade landeten; den Begriff „urban“ nannte er nach der Wiedergabe von Rolling Stone „a politically correct way to say the n-word to me“. Und: „I'm half and half on it.“ Ein Album, dessen Urheber vorab geschrieben hatte, man solle es nicht für ein Rap-Album halten, gewann den Preis für das beste Rap-Album.
Eine gemeinsame Geschichte
Ab dem 24. Oktober 2019 verkaufte Tylers Marke Golf Wang das Kostüm zum Album: zweiteilige Anzüge in Pastellblau, Neongrün und einer rot-rosa Kombination, jeweils mit platinblonder Perücke. Die eckige schwarze Brille war nicht dabei und musste einzeln besorgt werden.
Wer sich ein halbes Jahr nach Erscheinen als Igor verkleidete, musste also einen Teil selbst beibringen. Für eine Figur, über die Tyler selbst nie erklärt hat, wer sie sein soll, ist das ein passender Vertrieb.
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