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1977Albumvorschlag

Trans-Europa Express

Kraftwerk

Der berühmteste Maschinenklang dieser Platte wurde mit einem Hammer erzeugt.

Vier Männer horchen an einer Eisenbahnbrücke, stellen fest, dass ein echter Zug nicht tanzbar klingt, und bauen sich einen falschen. Das Album gibt es in zwei getrennten Mischungen mit unterschiedlicher Titelzahl – acht auf Deutsch, sieben auf Englisch. Von den beiden Produzenten existiert kein einziger Satz dazu.

  • Laufzeitrund 42 Minuten
  • Titel8
  • Jahr1977
  • AufgenommenKling Klang Studio, Düsseldorf

Hörprobe · 30 Sekunden

Das Albumcover: vier Männer in Anzügen, frontal und studioartig ausgeleuchtet, unbewegt wie Schaufensterpuppen posierend.
Kraftwerk, Trans Europa Express, Kling Klang / EMI Electrola 1977. Fotografie Maurice Seymour und J. Stara. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Europa Endlos9:35
  2. Spiegelsaal7:50
  3. Schaufensterpuppen6:10
  4. Trans Europa Express6:40
  5. Metall auf Metall2:10
  6. Abzug4:42
  7. Franz Schubert4:25
  8. Endlos Endlos0:45

Zum Cover

Vier Männer in Anzügen, frontal, ausgeleuchtet wie für ein Porträtatelier der dreißiger Jahre. Keine Instrumente, keine Bühne, kein Zug. Die Pose ist die von Schaufensterpuppen – was für ein Album, das einen Track mit diesem Titel enthält, kaum ein Zufall sein dürfte.

In den Credits stehen zwei Fotografen nebeneinander: Maurice Seymour, ein in New York ansässiger Porträtfotograf, und J. Stara. Welcher Name zu welchem Motiv gehört, sagen die Plattenhüllen nicht. Nur eine Buchquelle, referiert über eine einzige Enzyklopädie, ordnet Seymour das Motiv der internationalen Ausgabe zu und Stara eine stark retuschierte, in Paris entstandene Fotomontage für die englische Ausgabe. Die Typografie stammt von Ink Studios, Düsseldorf.

Über die Entstehung des Bildes ist nichts dokumentiert: kein Aufnahmedatum, keine Kamera, kein Licht, keine Retuschetechnik, und keine Angabe dazu, wessen Idee die Pose war. Das ist wenig für ein Bild, das mit dieser Platte zum Inbegriff einer Haltung geworden ist – und es passt zu einer Gruppe, die über sich nichts mitteilt.

Belegt ist dagegen, was es nicht wurde: Vorgesehen war ein Schwarzweißbild der Gruppe, in einer Reihe von Spiegeln vervielfacht. Auf der Innenhülle findet sich eine Farbcollage von Emil Schult, die vier an einem Cafétisch; das zugrunde liegende Foto stammt aus der Seymour-Sitzung während der Amerikatournee. Die Neuausgabe von 2009 ersetzte alles durch einen schwarzen Grund mit einem weißen Zug in der Mitte.

Fotografie: Maurice Seymour
Fotografie: J. Stara
Typografie: Ink Studios, Düsseldorf
Innenhülle: Emil Schult
Label: Kling Klang / EMI Electrola, 1977
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Mit einem Hammer! Auf Rohre. Es war sehr einfach.“

Karl Bartos elektronische Perkussion bei Kraftwerk, auf die Frage, wie der metallische Rhythmus von „Metall auf Metall“ entstanden sei, in The Quietus, 2009

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Trans-Europa Express entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Vier Männer stehen unter einer Eisenbahnbrücke und warten auf einen Zug. Sie wollen hören, wie ein Zug wirklich klingt, weil sie an einem Track darüber arbeiten und wissen wollen, ob ihr Rhythmus stimmt.

Er stimmte nicht. Karl Bartos, damals seit kurzem für die elektronische Perkussion bei Kraftwerk zuständig, hat das zweiunddreißig Jahre später in einem Gespräch mit John Doran so geschildert: „Eventually we went to train bridges and were listening to the sound the train would actually produce and by using the final rhythm it was just a little faint because a train doesn't actually sound like this!“ Ein Zug, erklärt er, habe zwei Räder, dann komme der nächste Wagen mit den nächsten zwei Rädern, und über der Lücke in den Schienen entstehe ein „‚da-dum-da-dum Da-dum-da-dum‘“. Dann: „but of course you wouldn't be able to dance to that! So we changed it slightly.“

Das ist die kürzeste Beschreibung dessen, was auf dieser Platte passiert. Die Wirklichkeit wurde nachgehört, für ungenügend befunden und korrigiert – nicht, um echter zu werden, sondern um tanzbar zu sein. Der Zug auf „Trans Europa Express“ ist kein Mitschnitt, sondern eine absichtlich falsche Nachbildung.

Pierre Schaeffers Musique Concrète

Bartos ordnet das selbst ein: „In a way it was a repetition of Autobahn. But on the other hand by using the train motif we were following the path of someone like Pierre Schaeffer who made the first piece of musique concrète by only using the sounds of trains.“

Diese Szene steht auf einem einzigen Bein: ein Interview, geführt 2009. Alles, was über die Arbeit an dieser Platte bekannt ist, stammt von Bartos. Von Ralf Hütter und Florian Schneider, die das Album produziert haben, war kein einziger Satz dazu zu beschaffen, weder von damals noch von später. Eine Band, deren Thema die Auslöschung des Persönlichen ist, schweigt über sich. Das ist kein Loch in der Recherche, das ist der Befund.

02Wie Trans-Europa Express entstand

Vor dem Album stand „Radio-Aktivität“ von 1975 und ein Besetzungswechsel: Karl Bartos trat einer Darstellung zufolge an die Stelle des Gitarristen und Geigers Klaus Roeder, der auf dieser Platte nicht mehr spielt. Damit war das Quartett beisammen: Hütter und Schneider an Stimmen, Tasten und Elektronik, Bartos und Wolfgang Flür an der elektronischen Perkussion. Die Texte schrieb Hütter mit Emil Schult.

Aufgenommen wurde 1976 im Kling Klang Studio an der Mintropstraße 16 in Düsseldorf. Das war kein gemietetes Studio, sondern das eigene: keine Stundensätze, keine fremden Produzenten, keine Termine. Die Bänder gingen erst für die Endmischung nach außen. Das Studio lag in einem Gewerbeviertel nahe dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Dass die Gleise die Musik beeinflusst hätten, behauptet keine Quelle – es ist nur eine Tatsache, die schwer zu übersehen ist.

Die eine Entscheidung, die alles Weitere prägt, fiel nicht am Instrument. Das Album erschien in zwei vollständig getrennten Mischungen, einer deutschen und einer englischen. Keine nachträglich übersetzte Zweitfassung, sondern zwei eigene Abmischungen – bei Kraftwerk zum ersten Mal, unabhängig belegt durch die Pressungsdaten. Das hat Folgen bis in die Tracklist.

Der Umweg über Los Angeles

Danach kam ein Umweg, der heute unwahrscheinlich klingt. Hütter und Schneider reisten nach Los Angeles und mischten im Record Plant, unter anderem mit lauteren, weiter vorn stehenden Stimmen. Diese Mischungen wurden anschließend wieder verworfen; nachgearbeitet wurde in Düsseldorf und Hamburg. Die Gruppe fuhr also nach Amerika, um amerikanischer zu klingen, und nahm es zurück. Diese Darstellung geht auf die Monografie von Pascal Bussy zurück, die selbst nicht einzusehen war. Fest stehen die Credits: drei Studios, drei Toningenieure – Peter Bollig in Düsseldorf, Thomas Kukuck im Rüssl Studio Hamburg, Bill Halverson im Record Plant.

Erschienen ist die Platte im März 1977 auf dem eigenen Label Kling Klang über EMI Electrola; ein taggenaues Datum nennt keine geprüfte Quelle. Der Erfolg war überschaubar: Platz zweiunddreißig in Deutschland, Platz hundertneunzehn in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien eine Albumnotierung überhaupt erst 1982 beim Wiedereinstieg. Was diese Platte ausgelöst hat, hat sie nicht 1977 ausgelöst.

03Der Klang

Das technisch Wichtigste an diesem Album ist ein Gerät, das es vorher nicht gab. Hütter und Schneider ließen beim Synthesizerstudio Bonn, bei Matten & Wiechers, einen Sequenzer bauen: Synthanorma, zweiunddreißig Schritte, sechzehn Kanäle, maßgefertigt. Ein Sequenzer speichert eine Folge von Tonhöhen und Einsätzen und spielt sie selbst, immer gleich. Er befreite den Spieler von der Mühe, dieselbe Figur hundertmal von Hand zu greifen. Hörbar wird das einer Quelle zufolge vor allem in „Franz Schubert“ und „Endlos Endlos“: Linien, die sich nicht verschieben, weil sie niemand mehr spielt.

Was sonst im Raum stand, ist nur einfach belegt und deshalb hier mit Vorbehalt: ein Minimoog, ein EMS Synthi AKS, ein Echolette-Bandecho, Stereobandmaschinen und Kassettenrekorder, das selbstgebaute elektronische Schlagwerk, das Flür bediente, und eine Lautsprecheranlage aus Sperrholz und Aluminiumguss, ebenfalls selbst gebaut. Welches Mischpult, welche Mikrofone, welcher Hall, welches Bandmaterial: dazu sagt keine geprüfte Quelle ein Wort. Für ein Album, das als Gründungsurkunde der elektronischen Musik gehandelt wird, ist das bemerkenswert wenig.

Ein Hammer auf Rohren

Der berühmteste Klang der Platte dagegen ist aufgeklärt. Gefragt, wie der metallische Rhythmus von „Metall auf Metall“ entstanden sei, antwortete Bartos: „With a hammer! On pipes. It was very easy.“ Kein Synthesizer, keine Klangbibliothek, kein aufgenommener Güterzug. Welche Rohre, wo sie standen, wer schlug, was danach mit der Aufnahme geschah: nichts davon ist dokumentiert.

Ein hartnäckiger Satz gehört korrigiert: In Los Angeles wurde nicht gemastert, sondern gemischt. Der Record Plant steht in den Credits als Studio, Halverson als dortiger Toningenieur. Einen Mastering-Ingenieur der Erstausgabe nennt keine Quelle; auf der britischen Pressung ist nur Harry Moss als Schneider der Lackfolie geführt. Von keinem der drei Toningenieure ist eine Äußerung zu dieser Arbeit auffindbar.

Was daraus folgt, hört man sofort: eine Musik ohne Schwankung, in der die Stimmen nicht vorn stehen, sondern eingeordnet sind wie ein weiteres Instrument – genau das, was die verworfene Los-Angeles-Mischung anders wollte. Der Raum um die Töne ist leer. Auf einer Anlage, die das aushält, wird die Präzision nicht kalt, sondern körperlich.

Hörmoment

Metall auf Metall

In der zweiten Hälfte, wenn der Titeltrack ohne Pause in den metallischen Teil übergeht: der Schlag, der wie eine Maschine klingt und ein Hammer auf Rohren ist. Achten Sie darauf, wie wenig Hall darauf liegt.

Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil es keine belegte gibt – und weil die Spielzeiten je nach Ausgabe ohnehin um mehrere Sekunden abweichen.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Wer diese Platte auflegen will, muss vorher entscheiden, welche es sein soll. Die deutsche Ausgabe weist acht Titel aus, die englische sieben. Der Unterschied liegt an einer einzigen Stelle: Was auf der deutschen Pressung als „Metall auf Metall“ (2:10) und „Abzug“ (4:42) getrennt steht, läuft auf der englischen als ein Titel, „Metal On Metal“ (6:52). Die Musik ist dieselbe, die Rechnung geht auf. Wer die englische Fassung zur Grundlage nimmt, verliert ohne Not einen Track mit eigenem Namen – „Abzug“ heißt auch in englischen Ausgaben so.

Daraus folgt der stärkste Befund zur Form dieses Albums, und er ist keine Rezensentenbehauptung, sondern eine Ableitung aus dem Pressungsvergleich: In der zweiten Hälfte wird durchgespielt. Dieselbe Musik lässt sich als ein Track oder als zwei ausweisen, weil an dieser Stelle nichts aufhört. Wer nur den Titeltrack kennt, hat den Moment nicht gehört, in dem er sich in seine eigene Mechanik auflöst.

Vorn steht der mit Abstand längste Track, „Europa Endlos“, gut neuneinhalb Minuten. Dass das bewusste Dramaturgie sei, sagt keine Quelle. Ähnlich verlockend und ähnlich unbelegt ist der Gedanke, das fünfundvierzig Sekunden kurze „Endlos Endlos“ am Schluss sei ein Echo auf den Anfang. Die Titel legen es nahe. Gesagt hat es niemand.

„Nobody pointed this out!“

Von einem Beteiligten überliefert ist nur eine einzige konzeptionelle Absicht: „In a way it was a repetition of Autobahn“, sagt Bartos. Auf die Transportklammer im Gesamtwerk angesprochen, antwortet er: „This is very, very funny! Nobody pointed this out!“ Die Klammer, die jede Kraftwerk-Deutung seit Jahrzehnten benutzt, war den Beteiligten offenbar kein Programm. Auch die Lesart, das Album handle vom Auseinanderfallen von Wirklichkeit und Abbild, stammt von Kritikern, nicht von der Band.

Überzeugt hat das nicht alle. Robert Christgau schrieb 1977, das Album teile mit „Autobahn“ eine „simple-minded air of mock-serious fascination with melody and repetition“, und seine Klangwirkungen klängen wie „parodies by some cosmic schoolboy of every lush synthesizer surge that's ever stuck in your gullet“. Dazu gehört, dass er A− vergab: spitz formuliert, positiv gemeint. Ein echter Verriss aus dem Erscheinungsjahr war in keinem zugänglichen Archiv zu finden. Schärfer als jeder Kritiker war David Bowie, der Kraftwerks Verfahren später „a controlled, robotic, extremely measured series of compositions, almost a parody of minimalism“ nannte – obwohl er die beiden persönlich schätzte.

Fast auf diesem Album

Die Gruppe in den Spiegeln

Zuerst war ein anderes Titelbild vorgesehen: die vier in Schwarzweiß, in einer Reihe von Spiegeln vervielfacht – ein Verweis auf „Spiegelsaal“. Der Entwurf wurde verworfen.

Übrig blieb das Gegenteil: kein Spiegelkabinett, sondern vier Porträtierte, die aussehen, als stünden sie im Schaufenster. Der Hinweis stammt aus einer einzigen Buchquelle.

05Warum es einen Abend trägt

Gut vierzig Minuten, und in den ersten neuneinhalb passiert fast nichts, was als Ereignis durchginge. „Europa Endlos“ stellt eine Figur auf und lässt sie laufen. Das ist die erste Zumutung des Abends und die entscheidende: Die Platte belohnt nicht Aufmerksamkeit für Wendepunkte, sondern Aushalten.

Die zweite kommt später. Wenn der Zug in den metallischen Teil übergeht, wird die Musik hart und stumpf, und sie bleibt es länger, als angenehm ist. Auf einer guten Anlage tut das im Brustkorb weh. Manchen im Raum ist das zu viel. Dass es ein Hammer auf Rohren ist, macht es nicht harmloser, sondern unheimlicher.

Der Mythos um Planet Rock

Für das Gespräch danach gibt es einen Satz, der fast immer fällt und falsch ist: Afrika Bambaataa habe für „Planet Rock“ diese Platte gesampelt. Der Produzent Arthur Baker hat es einem Fachblatt anders erzählt. Er hörte den Track ständig auf der Straße: „I'd always hear ‚Trans–Europe Express‘. Its melody was more eerie than usual in that setting, reverberating off the buildings.“ Aber: „the beat on ‚Trans–Europe Express‘ was too slow.“ Der Takt kam deshalb von einem anderen Kraftwerk-Track, „Numbers“, gespielt auf einem angemieteten Drumcomputer, und die Melodie wurde eigens neu erfunden – aus Sorge, Kraftwerk könnte klagen. Nachgespielt und kombiniert, nicht gesampelt.

Die Sorge war nicht unbegründet. Zwei Sekunden aus „Metall auf Metall“ landeten 1997 in einer deutschen Produktion und lösten den längsten Sampling-Prozess der deutschen Rechtsgeschichte aus, mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs 2019; abgeschlossen ist er bis heute nicht. Das stützt sich auf eine einzige geprüfte Quelle, bleibt aber erzählenswert: Über einen Hammerschlag von 1976 wird noch immer vor Gericht verhandelt.

Was das Album zurückgibt, zeigt sich am Ende, bei „Franz Schubert“ und dem kaum begonnenen „Endlos Endlos“. Nach der Härte davor wirken sie wie ein geöffnetes Fenster, und an dieser Stelle wird es im Raum meist von selbst still. Es ist eine Platte, die niemanden anspricht und niemanden mitnimmt. Genau deshalb funktioniert sie in einer Runde, in der ohnehin niemand redet.

Eine gemeinsame Geschichte

Joy Division spielten dieses Album vor jedem Auftritt über die Saalanlage, auf Bestehen von Ian Curtis. Peter Hook erinnert sich: „The tape was played at the venue over the PA system, to be heard by everyone.“

Stephen Morris begründet es nüchtern: „It worked because it gets up a lot of momentum.“ Beide Zitate sind nur in zweiter Hand greifbar. Ein ganzer Saal hörte also mit, was der Band galt.

Welche Aufnahme halten Sie für eine Maschine, obwohl sie von Hand gemacht ist?