2007Albumvorschlag
In Rainbows
Radiohead
Ihr Produzent nannte das Studio, in dem dieses Album entstand, ein „Scooby Doo mansion“ – ein leerstehendes, buchstäblich bröckelndes Herrenhaus in der englischen Grafschaft Wiltshire.
Zwei Jahre unproduktive Sessions, drei Wochen in einem improvisierten Landhaus-Studio, und am Ende eine Veröffentlichung ohne Label und ohne festen Preis. Was von diesem Album bekannt ist, ist meist das Geschäftsmodell. Was dahintersteht, ist eine Band, die laut eigener Aussage fast daran zerbrochen wäre.
- Laufzeitrund 42 Minuten
- Titel10
- Jahr2007
- AufgenommenTottenham House Wiltshire, Halswell House Somerset, The Hospital Club London, bandeigenes Studio Oxfordshire
Tracklist
- 15 Step3:58
- Bodysnatchers4:02
- Nude4:15
- Weird Fishes/Arpeggi5:18
- All I Need3:48
- Faust Arp2:09
- Reckoner4:50
- House of Cards5:28
- Jigsaw Falling into Place4:09
- Videotape4:42
„It was really old and literally crumbling. Like a Scooby Doo mansion.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie In Rainbows entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Tottenham House bei Marlborough in Wiltshire steht seit Jahrzehnten weitgehend leer, ein herrschaftliches Anwesen mit kaputten Fenstern und maroden Decken. Im Herbst 2006 zieht dort für rund drei Wochen eine Band ein, die aus diesem Verfall ein Tonstudio baut: eigene Stromversorgung, Generatoren, ein Kontrollraum, ein Live-Room, eine „Library“ für Gesangsaufnahmen, ein „Green Room“ und ein Schlagzeugraum, der nur über eine als Geheimtür getarnte Bücherwand zu erreichen ist.
Nigel Godrich, seit „OK Computer“ der feste Produzent der Band, hat den Zustand des Gebäudes später in einem Satz zusammengefasst, der seither zum festen Bestandteil jeder Erzählung über dieses Album gehört: „It was really old and literally crumbling. Like a Scooby Doo mansion.“ Kein Studio im herkömmlichen Sinn also, sondern ein Haus, das erst zu einem gemacht werden musste – mit allem, was das an Improvisation verlangt.
Die Live-Aufnahme von „Bodysnatchers“
Wie improvisiert die Bedingungen tatsächlich waren, wird in mehreren Berichten übereinstimmend beschrieben: Die Band schlief zeitweise in Wohnwagen auf dem Gelände, während einzelne Mitglieder erkrankten. Unter diesen Umständen entstand ausgerechnet einer der energiegeladensten Tracks des Albums, „Bodysnatchers“ – laut Thom Yorke der einzige Song, der als reiner Live-Take mit der gesamten Band gleichzeitig eingespielt wurde. Eine Quelle beschreibt die Session als „12-hour hyperactive mania“, aufgenommen trotz Yorkes Krankheit, mit Gesang, der in der Nachbearbeitung weitgehend unangetastet blieb, um die aufgewühlte Energie zu erhalten. Dieses Detail stützt sich allerdings nur auf eine einzelne Quelle und sollte entsprechend vorsichtig gelesen werden.
Der Umbau eines maroden Landhauses in ein funktionierendes Studio ist dagegen durch mehrere unabhängige Quellen bestätigt – eine Session-Dokumentation, Godrichs Zitat, weitere Presseberichte. Was diese Episode über das ganze Album verrät, ist die Bereitschaft der Band, sich absichtlich aus vertrauten, bequemen Bedingungen herauszubewegen, um überhaupt wieder etwas Neues zu finden.
Wie hoch der Preis dieser Suche war, hat Gitarrist Ed O'Brien Jahre später offen benannt: „The recording of the album took three years. Which is a long time by anybody's standards. It' pretty much half killed us.“ Ein Landhaus, ein selbstgebautes Studio hinter einer Geheimtür, eine Band an der eigenen Belastungsgrenze – das ist der Ausgangspunkt, aus dem In Rainbows hervorging.
Erzählt wird diese Szene über mehrere voneinander unabhängige Quellen, was sie zu einem der am besten abgesicherten Ausgangspunkte für dieses Album macht. Einzelne Ausschmückungen, etwa die genaue Dauer der „Bodysnatchers“-Session, sind dagegen nur schwach belegt und werden hier entsprechend zurückhaltend wiedergegeben.
02Wie In Rainbows entstand
Nach „Hail to the Thief“ (2003) und dem Auslaufen des EMI-Vertrags legte Radiohead eine Pause ein. Thom Yorke hat den Zustand der Band rückblickend so beschrieben: „Everyone had lost…not interest, but momentum. We'd all stopped to have kids.“ Die ersten Aufnahmeversuche 2005 fanden im bandeigenen Studio in Oxfordshire statt – zunächst ohne Nigel Godrich, mit dem Produzenten Mark „Spike“ Stent, der rund sechs Wochen arbeitete, ohne dass brauchbares Material entstand. Gitarrist Ed O'Brien erklärte später, warum die Band es zunächst ohne ihren langjährigen Produzenten versuchte: „We were a little bit in the comfort zone … We've been working together for 10 years.“ Yorke selbst beschrieb die Frustration dieser Monate unumwunden: „We spent a long time in the studio just not going anywhere, wasting our time, and that was really, really frustrating.“
Den Wendepunkt brachte, laut übereinstimmenden Berichten, eine Tournee im Sommer 2006, auf der neues Material live erprobt wurde – darunter frühe Fassungen von „Bodysnatchers“, „Videotape“ noch als Bandnummer mit Schlagzeug, und „Jigsaw Falling into Place“ unter dem Arbeitstitel „Open Pick“. Yorke erinnerte sich: „It felt like being 16 again.“ Im Anschluss kehrte Nigel Godrich als Produzent zurück und brachte, in Yorkes Worten, „a walloping kick up the arse“ in den Prozess. Godrich selbst beschrieb die Zusammenarbeit mit der Band als eine Art Wiederannäherung: „It was an opportunity to reconnect. Most people are not really friends with the people they went to school with by this point in their lives, you know? But they have a particular kind of chemistry.“
Die intensive Hauptaufnahmephase im Oktober 2006 fand dann, wie im vorigen Kapitel beschrieben, in Tottenham House statt, gefolgt von Anschluss-Sessions in Halswell House in Somerset sowie ergänzenden Overdubs im Hospital Club in Covent Garden, London – unter anderem für „Nude“. Dieser Song stammt ursprünglich aus den „OK Computer“-Sessions von 1997 und wurde über Jahre live gespielt, ohne dass die Band je eine für sie befriedigende Studioversion fand, bis Bassist Colin Greenwood eine neue Basslinie beisteuerte. Godrich beschrieb den Effekt: „This transformed it from something very straight into something that had much more of a rhythmic flow.“ Fertiggestellt wurde das Album im Frühsommer 2007, gemastert im Juli desselben Jahres von Bob Ludwig in den Gateway Mastering Studios in New York.
Die Ankündigung vom 1. Oktober 2007
Was dann folgte, war für die Musikindustrie beispiellos: Am 1. Oktober 2007 kündigte die Band über ihren Blog an, dass das fertige Album in zehn Tagen erscheinen werde – ohne Label, im Eigenvertrieb. Am 10. Oktober 2007 stand In Rainbows dann tatsächlich als Download bereit, mit einem Bezahlmodell, das den Käuferinnen und Käufern die Preisentscheidung selbst überließ, einschließlich der Option, gar nichts zu zahlen. Zu den tatsächlichen Zahlungszahlen widersprechen sich die verfügbaren Erhebungen deutlich: Eine comScore-Studie ermittelte einen weltweiten Durchschnittspreis von 2,26 US-Dollar bei 62 Prozent Nichtzahlern, eine Erhebung von Record of the Day dagegen einen Durchschnitt von 3,88 britischen Pfund bei nur 28,5 Prozent Nichtzahlern. Beide Zahlen stammen aus unterschiedlichen Erhebungsmethoden und lassen sich nicht ohne Weiteres in Einklang bringen. Unstrittig ist dagegen, dass der Musikverlag Warner Chappell später erklärte, die Band habe allein mit dem Download mehr verdient als mit dem gesamten Vorgängeralbum „Hail to the Thief“ – ohne konkrete Summen zu nennen. Zur physischen Sonderedition, der sogenannten Discbox, liegen leicht unterschiedliche Zeitangaben vor; sie wurde jedenfalls ab Anfang Dezember 2007 zum Preis von 40 britischen Pfund ausgeliefert, der reguläre Handelsrelease über XL Recordings folgte zum Jahreswechsel 2007/2008.
03Der Klang
In Tottenham House arbeitete die Band einer Quelle zufolge an einer 24-Kanal-Konsole des Herstellers Audiotronix, die ursprünglich aus einem Studio in Los Angeles stammen und angeblich für Motown-Aufnahmen genutzt worden sein soll. Diese Motown-Verbindung stützt sich nur auf eine einzelne Quelle und sollte mit Vorsicht behandelt werden; unabhängig davon ist aber gut dokumentiert, wie unkonventionell Godrich mit dem vorhandenen Equipment umging.
Bei „Reckoner“ etwa ließ er mehrere Bandmitglieder gleichzeitig durch das ganze Haus verteilt Rhythmuselemente erzeugen. Godrich beschrieb die Methode so: „People [were] all over the house, shaking things and getting this groove going, then chopping it up into little pieces and putting it back together. It was a lot of fun.“ Ein ähnliches Prinzip – Rhythmusspuren bewusst zusammenführen, um eine endgültige Entscheidung zu erzwingen – beschrieb Bassist Colin Greenwood mit Blick auf den allgemeinen Produktionsansatz: „when you mash sounds together like that they cross-pollinate.“
Videotape
„Videotape“ zeigt diesen Ansatz am deutlichsten. Live 2006 noch als klassischer Rocksong mit Schlagzeug gespielt, reduzierten Godrich und Jonny Greenwood den Track für die Albumversion auf eine minimalistische Klavierballade mit einer Spur eines Roland-TR-909-Drumcomputers, deren Synkopierung bewusst die Wahrnehmung des Taktschwerpunkts verschiebt. Eine Quelle beschreibt, wie die Band ausführlich darüber diskutierte, wo genau „die Eins“ in diesem synkopierten Klaviereinstieg liegt – ein Detail, das nur schwach belegt ist, das aber zu der insgesamt gut dokumentierten Grundtatsache passt: Aus einer Bandnummer wurde ein reduziertes Klavierstück.
Zur konkreten Aufnahmetechnik einzelner weiterer Tracks liegen vereinzelte, jeweils nur schwach belegte Angaben vor – etwa eine direkte Gitarre-zu-Konsole-Verkabelung bei „Bodysnatchers“ für einen warmen Verzerrungssound, oder eine aus vier verschiedenen Take-Versionen zusammengesetzte Fassung von „All I Need“ mit Streicherpassagen, die ganze Tonleitern durchlaufen. Zu konkreten Mastering- oder Lautheitswerten – etwa Unterschieden zwischen der Vinyl- und der CD-Fassung – ließ sich in dieser Recherche keine belastbare Quelle finden; solche Angaben bleiben ausdrücklich unbelegt. Die Streicherarrangements, unter anderem bei „Nude“, „Faust Arp“ und „Reckoner“, stammen von Jonny Greenwood und wurden vom Millennia Ensemble unter der Leitung von Sally Herbert eingespielt.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Mehrere Kritiker beschreiben In Rainbows als bewusste Rückkehr zu einer klassischen, in sich geschlossenen Albumform, nach den fragmentierteren, elektronisch geprägten Vorgängern „Kid A“, „Amnesiac“ und „Hail to the Thief“. Thom Yorke selbst soll dazu gesagt haben: „I believe in the rock album as an artistic form of expression. In Rainbows is a conscious return to this form of 45-minute statement.“ Dieses Zitat liegt nur über eine Sekundärquelle vor, passt aber zu einer wiederkehrenden Beobachtung in der zeitgenössischen Kritik.
Der Bogen des Albums führt von rhythmisch-unruhigem, fast tänzerischem Beginn („15 Step“, „Bodysnatchers“) über introspektive, emotional zentrale Stücke („Nude“, „Weird Fishes/Arpeggi“) zu einer zunehmend reduzierten, ruhigeren zweiten Hälfte („Faust Arp“, „Reckoner“, „House of Cards“) und einem kammermusikalisch schlichten Schluss („Jigsaw Falling into Place“, „Videotape“). Yorke selbst benannte den lyrischen Kern des Albums in einer Zeile zu „Reckoner“, die sich auch als Beschreibung der gesamten Dramaturgie lesen lässt: „everything's leading to that point and then going away from that point.“ Dass sich diese Formulierung auf das ganze Album übertragen lässt, ist eine Interpretation dieses Textes und keine von Kritikern explizit so formulierte Analyse – die Grundbeobachtung, dass das Album von dichterer Bandarbeit zu kammermusikalischer Reduktion hin abklingt, stützt sich aber auf belegte Einzelfakten zur Produktion von „Videotape“.
101 Dumbest Moments in Business
Eine Gegenstimme sollte dabei nicht unterschlagen werden: Die konkreten Verkaufs- und Zahlungszahlen des Pay-what-you-want-Modells widersprechen sich je nach Erhebung erheblich, und der britische Musiker Nicky Wire von den Manic Street Preachers äußerte damals öffentlich, das Angebot „demeans music“. Fortune Magazine zählte das Experiment sogar zu den „101 Dumbest Moments in Business“, während die New York Times es als „the most audacious experiment in years“ lobte. Diese drei Reaktionen zusammen zeigen: Der geschäftliche Rahmen des Albums war zum Erscheinungszeitpunkt höchst umstritten, was die Musik selbst davon unabhängig zu betrachten die Kritik überwiegend nicht daran hinderte, das Album einhellig zu loben.
05Warum es einen Abend trägt
Rund 42 Minuten, zehn Tracks, keiner davon länger als gut fünfeinhalb Minuten – In Rainbows ist knapp genug bemessen, um an einem Abend als Ganzes zu funktionieren, ohne dass die Aufmerksamkeit zwischendurch nachlassen müsste. Anders als bei manchen früheren Radiohead-Alben verlangt es dem Publikum keine sperrigen elektronischen Passagen ab, sondern bewegt sich, wie im vorigen Kapitel beschrieben, bewusst zwischen rhythmischer Dichte und kammermusikalischer Reduktion.
Zwei Grammys 2009
Dass dieses vergleichsweise zugängliche Album zugleich eines der am meisten diskutierten Alben des Jahrzehnts wurde, spricht dafür, dass es sich auch als gemeinsames Hörerlebnis eignet: Kritiker vergaben durchweg Bestnoten, das Album erreichte Platz eins der Charts in Großbritannien, den USA, Kanada, Frankreich und Irland, und bei den Grammy Awards 2009 gewann es „Best Alternative Music Album“ sowie „Best Boxed or Special Limited Edition Package“, bei einer Nominierung als „Album of the Year“. AllMusic-Kritiker Andy Kellman brachte die Balance des Albums auf den Punkt, als er hoffte, es werde „remembered as Radiohead's most stimulating synthesis of accessible songs and abstract sounds“.
Eine kontroverse Geschichte
Trotz des freiwilligen Zahlungsmodells wurde In Rainbows nach einer wissenschaftlichen Studie in großem Umfang illegal heruntergeladen: In der ersten Woche sollen rund 400.000 Kopien über Filesharing-Netzwerke kursiert sein, bis Monatsende mehr als zwei Millionen – nach dieser Quelle rund zehnmal so viel wie bei vergleichbaren Top-Veröffentlichungen anderer Künstler.
Parallel dazu verkaufte sich die physische Discbox-Sonderedition rund 100.000 Mal, und das Album kam bis Oktober 2008 weltweit auf rund drei Millionen verkaufte Exemplare über alle Formate. Ein Album also, das gleichzeitig verschenkt, gekauft und kopiert wurde – und trotzdem, oder gerade deswegen, im Gespräch blieb.
Wie klingt ein Album, das eine Band nach eigener Aussage fast zerbrochen hätte – und das die Musikwelt trotzdem im Sturm nahm?
Weiterhören
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Radiohead
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1997
Zehn Jahre vorher, dieselbe Band: Wer hören will, wie sich Radiohead von hier aus zurückentwickelt haben, findet im Vorgänger-Meilenstein den naheliegendsten Vergleich – und mit „Nude“ sogar einen direkten Songursprung.
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Ähnlich introspektive, klanglich sorgfältig gebaute britische Musik, die von Reduktion und Raum lebt statt von Lautstärke.
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