Künstlerporträt
Radiohead
Eine Band aus Oxfordshire, die nach ihrem größten Erfolg alles anders gemacht hat – und genau dadurch zur wichtigsten Rockband ihrer Generation wurde.
Radiohead haben mehrmals das getan, wovor jede Plattenfirma Angst hat: Sie haben nach einem Erfolg die Richtung gewechselt. Aus einer Gitarrenband mit einem Hit wurde eine Gruppe, die Elektronik, Jazz und Klassik in den Rock holte und dabei die Frage stellte, wie Menschen in einer Welt voller Technik leben. Ihre Alben gehören zu den wenigen der letzten dreißig Jahre, die fast alle Kritiker für Meisterwerke halten.
In diesem Porträt
1985–1991
01 On a Friday
Thom Yorke, Jonny und Colin Greenwood, Ed O’Brien und Philip Selway lernten sich an der Abingdon School kennen, einer Privatschule südlich von Oxford. Weil sie freitags probten, nannten sie ihre Band On a Friday.
Nach dem Studium fanden die fünf 1991 wieder zusammen und unterschrieben bei EMI. Die Plattenfirma wollte einen neuen Namen, und sie wählten Radiohead, nach einem Song der Talking Heads.
Jonny Greenwood, der Jüngste, stieß zunächst mit der Mundharmonika dazu, bevor er Gitarre und Keyboards übernahm. Nach der Schule gingen die Musiker an verschiedene Universitäten und trafen sich an Wochenenden und in den Ferien weiter zum Proben.
1992–1996
02 Creep und The Bends
Die Single „Creep“ erschien 1992 und wurde zunächst kaum beachtet. Erst als ein Radiosender in Israel und dann amerikanische Sender den Song spielten, wurde er 1993 zum weltweiten Hit. Die Band spielte ihn so oft, dass sie ihn bald nicht mehr hören konnte, und stand in Gefahr, als Band mit nur einem Lied zu gelten.
The Bends von 1995 bewies das Gegenteil. Songs wie „Fake Plastic Trees“ und „Street Spirit (Fade Out)“ waren größer, trauriger und reicher. Bei den Aufnahmen lernten sie den Toningenieur Nigel Godrich kennen, der seitdem ihr Produzent ist und oft als sechstes Bandmitglied bezeichnet wird.
1996–1998
03 OK Computer
Für das dritte Album zog die Band mit Godrich in ein altes Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert bei Bath, St Catherine’s Court. Sie nahmen in verschiedenen Räumen auf, im Treppenhaus, in der Bibliothek, und nutzten den Hall der alten Mauern. Die Songs handelten von Entfremdung, Autos, Flugzeugen, Computern und der Angst, im Tempo der Welt verloren zu gehen.
OK Computer erschien 1997, mit „Paranoid Android“ als über sechsminütiger Single und „Karma Police“ und „No Surprises“. Die Kritik feierte es als Meisterwerk, es gewann einen Grammy. Die anschließende Welttournee erschöpfte die Band so sehr, dass der Dokumentarfilm darüber, Meeting People Is Easy von 1998, eher wie ein Bericht über Überforderung wirkt.
1999–2001
04 Kid A
Thom Yorke konnte keine Gitarrensongs mehr hören. Er hörte elektronische Musik vom Label Warp, Aphex Twin, Autechre, dazu Jazz von Charles Mingus. In Paris, Kopenhagen und Gloucestershire suchte die Band monatelang nach einem neuen Klang, oft ohne zu wissen, wohin. Einige Texte setzte Yorke aus Wortschnipseln zusammen, die er aus einem Hut zog.
Kid A erschien im Oktober 2000, ohne Singles und ohne klassische Videos, und stieg trotzdem auf Platz eins der amerikanischen Charts ein. Viele Fans waren ratlos, Kritiker gespalten. Heute gilt es als eines der einflussreichsten Alben der Jahrtausendwende. 2001 folgte Amnesiac, aus denselben Sessions.
2003–2008
05 In Rainbows
Mit Hail to the Thief von 2003 endete der Vertrag mit EMI. Radiohead waren nun frei – und nutzten das auf eine Weise, über die die ganze Musikbranche sprach.
Am 1. Oktober 2007 kündigten sie an, dass ihr neues Album in zehn Tagen erscheine, als Download auf ihrer Website. Den Preis durfte jeder selbst bestimmen, auch null. In Rainbows klang wärmer und körperlicher als alles davor, mit „Nude“, „Reckoner“ und „Weird Fishes/Arpeggi“. Als die CD und die Schallplatte wenig später erschienen, gingen sie trotzdem auf Platz eins.
2011–heute
06 Weiter, anders
The King of Limbs von 2011 war rhythmisch und schwebend, A Moon Shaped Pool von 2016 von Streichern getragen und still. Darauf steht endlich eine Studioversion von „True Love Waits“, einem Lied, das die Band seit über zwanzig Jahren live spielte.
2019 wurden Radiohead in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Jonny Greenwood schreibt gefeierte Filmmusiken, und mit Thom Yorke und dem Schlagzeuger Tom Skinner gründete er 2021 die Band The Smile.
Radiohead haben nie aufgehört, ihre Musik als Ganzes zu denken: Alben, die man von vorne bis hinten hört, mit einer eigenen Bildwelt des Künstlers Stanley Donwood, der seit Mitte der Neunziger ihre Cover gestaltet.
Womit anfangen?
OK Computer: noch mit Gitarren und Songstrukturen, aber schon voller Ideen, die auf den späteren Alben weitergehen. Wer Wärme sucht, nimmt In Rainbows, wer sich traut, Kid A. Zur Album-Story →
Die Alben bei Musik Ungestört
-
Radiohead
OK Computer
199753 Minuten
Zwölf Tracks, fünf Aufnahmeorte, kein Studio im üblichen Sinn. In der Mitte spricht anderthalb Minuten lang ein Computer.
Zur Album-Story → -
Radiohead
Kid A
2000rund 47 Minuten
Zehn Stücke, fünfzehn Monate Arbeit, kaum Gitarren. Radiohead erfanden sich neu, und das Album stieg in Großbritannien und den USA auf Platz eins ein.
Zur Album-Story → -
Radiohead
In Rainbows
2007rund 42 Minuten
In einem verfallenden Herrenhaus gebaut, ohne Label veröffentlicht, zum Wunschpreis verkauft.
Zur Album-Story →
Weiterhören
-
Aphex Twin
Selected Ambient Works 85–92
1992rund 75 Minuten
Für Kid A hörte Thom Yorke viel elektronische Musik vom Label Warp, darunter Aphex Twin.
Zur Album-Story → -
Talking Heads
Remain in Light
1980rund 40 Minuten
Ihren Namen verdanken Radiohead einem Song der Talking Heads.
Zur Album-Story →
Radiohead gemeinsam hören
Ein Album am Stück, vom Tonband, ohne Ablenkung – bei Ihnen vor Ort. Sagen Sie mir einfach, welches Album es sein soll.
Ihnen ist ein Fehler in diesem Text aufgefallen? Melden Sie es mir – ich freue mich über jeden Hinweis.