1988Albumvorschlag
It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back
Public Enemy
Das Album beginnt mit einer Sirene und einer Konzertansage aus London – und hört dann eine knappe Stunde lang nicht mehr auf, Lärm in Musik zu verwandeln.
Public Enemy wollten nach ihrem Debüt eine Platte machen, die niemand überhören kann. Chuck D, Flavor Flav, Terminator X und die Produzenten der Bomb Squad bauten sie 1987 und 1988 in New York aus Hunderten Schnipseln fremder Platten, von Hand gemischt auf analogem Band.
- Laufzeitrund 58 Minuten
- Titel16
- Jahr1988
- AufgenommenChung King und Greene St. Recording, New York (1987–1988)
Tracklist
- Countdown to Armageddon1:41
- Bring the Noise3:47
- Don't Believe the Hype5:20
- Cold Lampin' with Flavor4:13
- Terminator X to the Edge of Panic4:30
- Mind Terrorist1:18
- Louder Than a Bomb3:37
- Caught, Can We Get a Witness?5:03
- Show 'Em Whatcha Got1:57
- She Watch Channel Zero?!3:50
- Night of the Living Baseheads3:16
- Black Steel in the Hour of Chaos6:25
- Security of the First World1:22
- Rebel Without a Pause5:05
- Prophets of Rage3:15
- Party for Your Right to Fight3:27
Zum Cover
Chuck D und Flavor Flav stehen hinter den Gitterstäben einer Zelle. Chuck D mit Kappe und Kapuzenjacke, ernst, den Blick knapp an der Kamera vorbei. Flavor Flav dahinter mit Sonnenbrille und der großen Uhr um den Hals, seinem Markenzeichen. Oben der Bandname in Gelb neben dem Logo, einem Mann im Fadenkreuz. Rechts laufen die Wörter des Titels in Rot die Gitterstäbe hinab.
Fotografiert hat Glen E. Friedman, der mit Bildern aus der Skateboard-, Punk- und Hip-Hop-Szene bekannt wurde. Das Motiv hat einen Bezug zu einem Song: In „Black Steel in the Hour of Chaos“ erzählt Chuck D von einem Mann, der den Wehrdienst verweigert, im Gefängnis landet und ausbricht. Am unteren Rand läuft klein ein Satz über das Cover: „Freedom is a road seldom traveled by the multitude.“
Nicht dokumentiert ist, wo die Zelle stand, ob sie echt war und wann das Bild entstand. Auch einen Credit für die Gestaltung nennt die Erstausgabe nicht. Die Aussage des Covers braucht diese Angaben nicht: Die Band zeigt sich an dem Ort, gegen den ihre Platte anschreit.
Fotografie: Glen E. Friedman
Label: Def Jam Recordings, 1988
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„We believed that music is nothing but organized noise.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie It Takes a Nation of Millions entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
London, Hammersmith Odeon, 1987. Public Enemy sind zum ersten Mal in England auf Tour, und der DJ Dave Pearce kündigt sie an, begleitet von Sirenen. Diese Ansage eröffnet das Album. Aus demselben Konzert stammen mehrere der kurzen Zwischenstücke, die die Platte gliedern.
Die Begeisterung des Publikums in London und Philadelphia hatte Folgen für die Musik. Die neuen Songs sollten schneller werden als auf dem Debüt, gemacht für die Bühne.
Ein paar Schläge mehr
Hank Shocklee hat erzählt, dass die meisten Rap-Platten damals bei etwa 107 oder 108 Schlägen pro Minute lagen. „Bring the Noise“ brachte er auf etwa 109, fast 110. Das klingt nach wenig. Beim Hören wirkt es, als laufe die ganze Platte einen Schritt schneller als die Welt um sie herum.
02Wie It Takes a Nation of Millions entstand
Das Debüt Yo! Bum Rush the Show von 1987 war in der Hip-Hop-Szene gefeiert worden, außerhalb aber kaum aufgefallen. Für die zweite Platte hatte Chuck D ein klares Ziel: „I wanted to make the record our What's Going On.“ Ein Album mit Haltung, das man als Ganzes begreift, wie Marvin Gayes Platte von 1971.
Die Band begann bei Chung King in New York und zog dann zu Greene St. Recording um, wo sie sich wohler fühlte. „Rebel Without a Pause“ erschien schon im Sommer 1987 als Single, das Album folgte im Sommer 1988.
Drei Versuche, ein Reim
Für „Bring the Noise“ schrieb Chuck D seinen Text in drei verschiedenen Rhythmen und hielt alle drei für misslungen. Hank Shocklee schlug vor, einfach alle drei zu nehmen. So entstand eine der bekanntesten Strophen des Hip-Hop. Der Albumtitel stammt übrigens aus einer Zeile des Debüts, gearbeitet wurde lange unter dem Namen „Countdown to Armageddon“.
03Der Klang
Die Bomb Squad behandelte Samples wie Instrumente. Viele Schnipsel wurden auf Tonart und Songstruktur abgestimmt und einzeln eingespielt, als würde eine Band sie spielen. Shocklee: „Each sample represents a different instrument being played.“ Klassische Basslinien gibt es kaum, stattdessen die tiefe Bassdrum des Drumcomputers, die lange nachklingt.
Gemischt wurde von Hand auf analogem Band, ohne automatisierte Regler. In „Rebel Without a Pause“ liegt das berühmte Schlagzeug aus James Browns „Funky Drummer“ unter einem kreischenden Bläsersample der J.B.'s. Es ist kein angenehmer Klang. Es ist ein Klang, den man nicht vergisst.
Die Produzenten
The Bomb Squad
Hinter dem Sound stehen Hank und Keith Shocklee, Eric Sadler und Chuck D selbst, der als Produzent unter dem Namen Carl Ryder auftritt. Chuck D hat die Rollen so beschrieben: Sadler sei der Musiker gewesen, Hank der Antimusiker, Keith habe das Gefühl beigesteuert. Über Hank sagte er: „Hank is the Phil Spector of hip-hop.“
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Das Album ist wie ein Konzert gebaut. Die Liveansage am Anfang und die kurzen Mitschnitte zwischen den Songs geben ihm einen Rahmen, der von der ersten bis zur letzten Minute trägt. Die beiden Seiten heißen „Side Silver“ und „Side Black“. Kurz vor dem Mastering tauschte Hank Shocklee sie: Ursprünglich sollte die Platte mit „Show 'Em Whatcha Got“ beginnen.
Gemacht für die Kassette
Chuck D hat erzählt, das Album sei für Kassetten gedacht gewesen. Beide Seiten sollten gleich lang sein, damit das Autoradio ohne lange Pause auf die andere Seite umschaltet. Der Rolling Stone nannte es später das erste und größte Konzeptalbum des Rap, in seiner Liste der besten Alben aller Zeiten steht es heute auf Platz 15.
Zur Geschichte gehört auch ein Bruch: 1989 machte Professor Griff, dessen Stimme in der Liveansage zu hören ist, in einem Interview antisemitische Äußerungen. Chuck D entschuldigte sich und trennte sich von ihm.
05Warum es einen Abend trägt
Dies ist keine Musik für den Hintergrund. Wer It Takes a Nation of Millions auf einer guten Anlage hört, entdeckt, wie viele Schichten übereinanderliegen: Stimmen, Sirenen, Bläser, Scratches, Fetzen aus Soul und Funk, die sich gegenseitig ins Wort fallen und trotzdem nie auseinanderfallen.
Ein Band, das nicht anhält
Für einen Hörabend auf Tonband passt die Platte fast zu gut: zwei gleich lange Seiten, von Anfang an als durchlaufendes Programm gedacht. Man drückt auf Start und ist eine knappe Stunde lang in einem Konzert, das 1988 stattfand und immer noch nach Gegenwart klingt.
Wann wird aus Lärm eine Botschaft – und wann aus einer Botschaft Musik?
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