2009Albumvorschlag
Lungs
Zwei Frauen in einem Studio, kaum größer als eine Toilette, schlagen mit den Händen gegen die Wand, weil kein Schlagzeug da ist. Aus dem Zufallsbeat wird „Dog Days Are Over“, der Song, mit dem später ihr erstes Album beginnt.
Als Lungs im Juli 2009 erschien, hatte Florence Welch zwei Singles auf einem Indie-Label und den Kritikerpreis der BRIT Awards hinter sich, aber noch keinen Top-10-Hit. Das Album mit fünf Produzenten, Harfe, Chor und viel Trommeln stieg auf Platz 2 ein, blieb monatelang in den Charts und stand im Januar 2010 ganz oben.
- Laufzeitrund 46 Minuten
- Titel13
- Jahr2009
- AufgenommenMehrere Londoner Studios, u. a. The Garden, The Pool und The Dairy (2007–2009)
Tracklist
- Dog Days Are Over4:13
- Rabbit Heart (Raise It Up)3:52
- I'm Not Calling You a Liar3:05
- Howl3:34
- Kiss With a Fist2:04
- Girl With One Eye3:39
- Drumming Song3:44
- Between Two Lungs4:09
- Cosmic Love4:16
- My Boy Builds Coffins2:57
- Hurricane Drunk3:13
- Blinding4:40
- You've Got the Love2:49
Gesamtlänge rund 46 Minuten46:15
Zum Cover
Florence Welch steht auf dem Cover in einem Kettenkleid vor einem Hintergrund aus Blüten und Vögeln. Das Bild wirkt wie ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, mit Anklängen an die Präraffaeliten, jene englischen Maler, die Frauen mit langem Haar gern als Figuren aus Sagen und Balladen zeigten.
Fotografiert hat Tom Beard, die Art Direction übernahm Tabitha Denholm gemeinsam mit Welch selbst. Denholms Idee für das Shooting kreiste um ein Paar Lungenflügel, das Welch sichtbar auf der Brust tragen sollte – den Albumtitel als Schmuckstück. Die Nachbildung baute Orlando Weeks, Sänger der Band The Maccabees. Er wollte ihr, so wird er zitiert, etwas Viktorianisches geben und zugleich das Aussehen eines Boxsacks aus der Fabrikhalle.
Das Kleid, ein Kettenkleid im Stil der Zwanzigerjahre von der Designerin Emma Cook, suchte die Stylistin Aldene Johnson aus. Zusammen ergibt das eine Bildwelt, die zur Musik passt: ein bisschen Märchen, ein bisschen Horror, und mittendrin das Organ, ohne das man nicht singen kann.
Foto: Tom Beard
Art Direction: Tabitha Denholm, Florence Welch
Lungen-Objekt: Orlando Weeks
Label: Island/Moshi Moshi, 2009
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Das Schlagzeug ist für mich wie der Herzschlag der Musik, und die Stimme sehe ich als die Lunge.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Lungs entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Crystal Palace, im Süden Londons. Isabella Summers hat sich ein kleines Studio eingerichtet, so eng, dass Florence Welch es später mit einer Toilette verglich. Die beiden haben sich vorgenommen, Songs ohne Gitarre und ohne Bass zu schreiben. Welch hat nie richtig Gitarre gelernt, Summers hat ein kleines Keyboard von Yamaha. Ein Schlagzeug gibt es nicht.
Also schlagen sie mit den Händen gegen die Wand und gleichzeitig auf eine Trommel darunter. Der Rhythmus entsteht, wie Welch erzählte, eher aus Versehen. Darüber legen sie Klavierakkorde, Handklatschen und eine Harfe. So beginnt „Dog Days Are Over“, der Song, der später das Album eröffnet.
Ein Satz auf der Brücke
Den Titel hatte Welch jeden Tag vor Augen. Auf ihrem Weg in die Innenstadt fuhr sie mit dem Fahrrad über die Waterloo Bridge und sah am Südufer der Themse eine Installation des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone: vier Wörter in Regenbogenfarben, „Dog Days Are Over“. Die Hundstage, die heißen Wochen im Hochsommer, benannt nach dem Stern Sirius, sind vorbei. Aus dem Satz wurde ein Lied über den Moment, in dem man aufwacht und losrennen muss.
02Wie Lungs entstand
Bevor Florence + the Machine eine Band war, hatte Welch vieles ausprobiert: Country, Folk, sogar eine Hip-Hop-Gruppe namens Ashok, mit der sie 2007 eine frühe Fassung von „Kiss With a Fist“ aufnahm. Richtig passte nichts. Erst mit ihrer Freundin Isabella Summers fand sie ihren Ton. Die beiden traten zuerst als „Florence Robot/Isa Machine“ in kleinen Londoner Clubs auf, dann kamen Harfe, Gitarre, Bass und Schlagzeug dazu.
Die Managerin Mairead Nash hatte Welch der Legende nach auf der Toilette eines Clubs singen hören. 2008 erschien auf dem Indie-Label Moshi Moshi die erste Single, „Kiss With a Fist“, ein ruppiger Garagenrock-Song, den Welch mit 16 oder 17 geschrieben hatte. Im Dezember folgte „Dog Days Are Over“; noch im selben Jahr unterschrieb Welch bei Island Records.
Fünf Produzenten, ein Album
Aufgenommen wurde zwischen 2007 und 2009 in mehreren Londoner Studios. James Ford von Simian Mobile Disco betreute mit Summers „Dog Days Are Over“ und „Between Two Lungs“, allein „Drumming Song“. Paul Epworth, bekannt durch Bloc Party, produzierte „Rabbit Heart (Raise It Up)“, „Howl“, „Cosmic Love“ und „Blinding“. Steve Mackey, früher Bassist bei Pulp, übernahm „Kiss With a Fist“ und „Girl With One Eye“, Charlie Hugall „You've Got the Love“, Eg White zusammen mit Epworth „Hurricane Drunk“. Den Großteil gemischt hat Cenzo Townshend.
Welch nannte das Album ein Sammelalbum der vorangegangenen fünf Jahre, mit Schuld, Angst, Liebe, Tod und Albträumen als Themen. Als Einfluss auf den Klang gilt Arcade Fires Funeral, auch dort treffen Trommeln, Streicher und viel Pathos aufeinander.
03Der Klang
Das Herz von Lungs ist tatsächlich der Rhythmus. Trommeln, Handklatschen, Stampfen, oft mehr als Gitarren. Darüber liegt Welchs Stimme, die selten leise bleibt. Viele Songs beginnen klein und wachsen dann, bis Chor, Streicher und Harfe mitziehen. Welch sagte, sie sei froh, nie richtig Gitarre gelernt zu haben – so habe sie ihre eigene Art zu schreiben finden müssen.
Die Produzenten bringen dabei verschiedene Farben mit. Mackeys Songs klingen roh und nach Proberaum, „Kiss With a Fist“ ist nach gut zwei Minuten vorbei. Epworth baut dagegen große Räume: In „Cosmic Love“ kreist eine Harfe, darüber hallt die Stimme wie in einer Kirche. Welch erzählte, sie habe den Song nach einer Party völlig verkatert in Summers' Studio geschrieben, auf dem Boden liegend; als sie den richtigen Ton am Klavier gefunden hatte, war er in etwa zehn Minuten fertig.
Das Original
You Got the Love, 1986
Der letzte Song ist keine eigene Komposition. „You Got the Love“ sang Candi Staton 1986 ein, ursprünglich für einen Dokumentarfilm. Zum Clubhit wurde es 1991, als The Source ihren Gesang über die Musik von Frankie Knuckles' „Your Love“ legten. Welchs Fassung, produziert von Charlie Hugall, erschien zuerst als B-Seite von „Dog Days Are Over“ und kam im Januar 2010 auf Platz 5 der britischen Singlecharts – ihre bis dahin erfolgreichste Single.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Lungs ist kein Konzeptalbum, aber es hat einen roten Faden: den Körper. Herzen, Lungen, Knochen, Fäuste, ein Kaninchenherz, ein Junge, der Särge baut. Welch schreibt über Liebe, als wäre sie etwas Körperliches und ein bisschen Gefährliches. „Kiss With a Fist“ beschreibt ein Paar, das sich streitet und gerade deshalb aneinander hängt – nach Welchs eigener Aussage geht es dabei nicht um echte Gewalt, sondern um zwei Menschen, die sich gegenseitig an ihre Grenzen treiben. Diese Bilder, halb Schauerroman, halb Kinderlied, halten die Songs vieler Produzenten zusammen.
Ein langsamer Aufstieg
Das Album kam Anfang Juli 2009 heraus und stieg in Großbritannien auf Platz 2 ein. Im Juli stand es auf der Shortlist des Mercury Prize, den dann Speech Debelle gewann. Erst im Januar 2010, gut ein halbes Jahr nach Erscheinen, erreichte Lungs Platz 1 und blieb zwei Wochen dort. Im Februar 2010 gewann es bei den BRIT Awards den Preis für das beste britische Album. In den USA kam der Durchbruch noch später: Nach einem Auftritt mit „Dog Days Are Over“ bei den MTV Video Music Awards im Herbst 2010 kam das Album dort bis auf Platz 14. In Großbritannien erhielt es sechsfach Platin.
05Warum es einen Abend trägt
Rund 46 Minuten, dreizehn Songs. Auf der Schallplatte endet die erste Seite mit „Girl With One Eye“, einem düsteren, fast bluesigen Stück. Nach dem Umdrehen setzt „Drumming Song“ ein, mit Orgel und schweren Trommeln – ein Neuanfang mit fast kirchlichem Klang.
Die zweite Seite ist die dunklere, mit „Between Two Lungs“, „Cosmic Love“ und „Blinding“, dem längsten Stück des Albums. Und dann, als Zugabe, „You've Got the Love“: ein Coversong, der alle Schatten noch einmal wegwischt. Wer das Album am Stück hört, erlebt einen Bogen von der Befreiung in „Dog Days Are Over“ bis zu dieser Liebeserklärung am Schluss.
Eine Stimme im Raum
Für einen gemeinsamen Hörabend eignet sich Lungs, weil es so körperlich ist. Man hört Hände, Füße, Atem. Eine gute Frage für die Pause nach der ersten Seite: Was fehlt einem eigentlich, wenn keine Gitarre spielt? Und wer mag, legt danach Hounds of Love von Kate Bush auf – ein Album, das Welch nach eigener Aussage mit etwa zwanzig für sich entdeckte, kurz bevor diese Songs entstanden.
Was bleibt von einem Popsong, wenn man ihm die Gitarre wegnimmt und nur Trommeln, Hände und eine Stimme übrig lässt?
Weiterhören
-
Kate Bush
Hounds of Love
1985
Kate Bush, Trommeln und Mythen: das Album, das Florence Welch mit etwa zwanzig als Offenbarung erlebte.
Zur Album-Story → -
Arcade Fire
Funeral
2004
Arcade Fires Debüt, das Welch als Einfluss auf ihren Klang nannte – Pathos, Streicher und viel Schlagwerk.
Zur Album-Story → -
Amy Winehouse
Back to Black
2006
Drei Jahre vor Lungs, ebenfalls bei Island: eine junge Londonerin, deren Stimme ein ganzes Album trägt.
Zur Album-Story →
Mehr über Florence + the Machine: Porträt mit Zeitleiste →
Alle Albumvorschläge ansehen → · sortierbar nach Laufzeit, Jahrzehnt und Form
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