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1986Albumvorschlag

Master of Puppets

Metallica

Für den Titeltrack ließ Produzent Flemming Rasmussen James Hetfield seine eigene Rhythmusgitarre und die seines Kollegen Kirk Hammett doppelt einspielen – auf zwei verschiedenen Gitarrenanlagen, je nach Passage sechs bis zwölf Spuren übereinander.

Acht Stücke, ein dänischer Winter in einem kleinen Studio, ein Schlagzeuger und ein Sänger, die minutenlange Tempowechsel wie ein Uhrwerk zusammensetzten. Was von diesem Album bleibt, ist sein Ruf als eines der einflussreichsten Metal-Alben überhaupt. Was man seltener erzählt bekommt, ist die Handarbeit dahinter – und der Schatten, der wenige Monate nach der Veröffentlichung über die Band fiel.

  • Laufzeitrund 55 Minuten
  • Titel8
  • Jahr1986
  • AufgenommenSweet Silence Studios, Kopenhagen
Das Albumcover von Master of Puppets: ein Feld weißer Grabkreuze unter rotem Himmel, über dem Feld zwei Hände, die von oben Fäden zu den Kreuzen spannen.
Metallica, Master of Puppets, Elektra 1986. Gemälde Don Brautigam nach einer Skizze von James Hetfield. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Battery5:13
  2. Master of Puppets8:36
  3. The Thing That Should Not Be6:37
  4. Welcome Home (Sanitarium)6:28
  5. Disposable Heroes8:17
  6. Leper Messiah5:40
  7. Orion8:28
  8. Damage, Inc.5:33

Zum Cover

Ein Feld weißer Kreuze unter rotem Himmel, darüber zwei Hände ohne Fingernägel, die Fäden zu den Kreuzen hinunterspannen wie zu Marionetten. Die Idee stammt einer verbreiteten Überlieferung zufolge nicht vom Plattenlabel, sondern von James Hetfield selbst: Er soll eine grobe Skizze angefertigt und an den amerikanischen Illustrator Don Brautigam geschickt haben, der zuvor unter anderem für die Rolling Stones und AC/DC gearbeitet hatte.

Brautigam übernahm die Skizze fast unverändert, auch die eigenwilligen, leicht kindlich wirkenden Hände oben im Bild sollen so aus der Vorlage stammen. Das Motiv setzt das Thema des Titeltracks bildlich um: Kontrollverlust, Sucht, Fremdbestimmung. Das Originalgemälde maß nur rund 43 mal 43 Zentimeter und ging später über mehrere Versteigerungen an neue Besitzer.

Gemälde: Don Brautigam, nach einer Skizze von James Hetfield
Label: Elektra, 1986
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„I rate James as the best rhythm guitar player on the planet. He's unbelievable.“

Flemming Rasmussen Produzent des Albums, im Gespräch mit MusicRadar über die Aufnahmen in Kopenhagen

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Der Klang
  3. 03Warum es einen Abend trägt
  4. 04Wie Master of Puppets entstand
  5. 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

01Der besondere Moment

Im Regieraum der Sweet Silence Studios in Kopenhagen liegt der Titeltrack schon als Riffgerüst vor, als James Hetfield sich zum wiederholten Mal an seinen Gitarrenverstärker stellt. Produzent Flemming Rasmussen lässt ihn nicht nur seine eigene Rhythmusgitarre einspielen, sondern anschließend, auf einem zweiten Verstärkerstack, auch die Parts, die eigentlich Kirk Hammett zugedacht sind – und das noch einmal auf Hammetts eigener Anlage. Je nach Passage stehen am Ende sechs, acht oder zwölf Gitarrenspuren übereinander, alle von Hetfield gespielt.

„The Best Rhythm Guitar Player“

Rasmussen hat den Aufwand später so beschrieben: „There's a lot of melodies in there, and depending on what we needed we would do six, eight, 12 tracks.“ Über Hetfields Spiel selbst sagt er ohne Umschweife: „I rate James as the best rhythm guitar player on the planet. He's unbelievable.“ Kirk Hammetts eigene Beiträge entstehen währenddessen woanders im Haus: „Kirk would sit in the TV room, composing his solos while we recorded rhythm guitars and drums.“

Was diese Szene über das ganze Album verrät, liegt in der schieren Wiederholung. Ein Riff, das im fertigen Song vielleicht zwanzig Sekunden dauert, wird mehrfach neu eingespielt, bis die Anschläge exakt übereinanderliegen – nicht mit Kopierfunktionen, sondern von Hand, Take für Take, auf einer analogen Vierundzwanzigspurmaschine. Das achteinhalbminütige Titelstück ist damit weniger ein Song, der aufgenommen wurde, als einer, der im Studio noch einmal zusammengebaut wurde.

Erzählt wird der Ablauf im Kern von einem Zeugen, von Rasmussen selbst in späteren Interviews. Wie viele Spuren am Ende tatsächlich in der fertigen Mischung verwendet wurden, ist nicht dokumentiert.

04Wie Master of Puppets entstand

Metallica kannte Flemming Rasmussen und die Sweet Silence Studios bereits vom Vorgängeralbum Ride the Lightning, das die Band 1984 in Kopenhagen aufgenommen hatte. Die Zusammenarbeit funktionierte offenbar gut genug, dass die Band für ihr drittes Album zurückkehrte – inzwischen mit einem Vertrag beim US-Major Elektra Records im Rücken, während die Platte außerhalb der USA weiter über das unabhängige Label Music for Nations lief. Aufgenommen wurde erneut in Kopenhagen, über den Herbst und Winter 1985; die meisten Quellen datieren die Sessions grob auf die Zeit zwischen September und Dezember jenes Jahres, ohne dass sich die genauen Randdaten überall decken.

Musikalisch war das ein Sprung. Wo die beiden Vorgänger bereits mit Tempo und Härte gearbeitet hatten, kamen nun mehrteilige Kompositionen mit Instrumentalpassagen, Tempowechseln und langen Spannungsbögen hinzu – der Titeltrack und „Disposable Heroes“ dauern jeweils über acht Minuten, dazwischen steht mit „Orion“ ein komplett instrumentales Stück, maßgeblich geprägt von Bassist Cliff Burton. Hetfield beschrieb den Ehrgeiz im Songwriting selbst so: „I know that on this album the fast ones are some of the fastest we've ever written“, und ergänzte über die Detailarbeit: „On a lot of numbers there are little things that demand a lot of attention.“ Schlagzeuger Lars Ulrich betonte dagegen, wie wenig strategisch das Ganze angelegt war: „It's never been that pre-planned. We've just been following our own instincts.“

Die letzte gemeinsame Platte

Die Bandbesetzung bestand aus Hetfield an Gesang und Rhythmusgitarre, Hammett an der Leadgitarre, Ulrich am Schlagzeug und Burton am Bass. Es war, wie sich erst im Rückblick zeigen sollte, die letzte Studioplatte in dieser Besetzung. Veröffentlicht wurde Master of Puppets am 3. März 1986.

02Der Klang

Aufgenommen wurde vollständig analog, auf 24-Spur-Bandmaschinen, ohne die Möglichkeit, im heutigen Sinn nachträglich zu schneiden oder zu korrigieren. Rasmussen hat das Jahrzehnte später knapp zusammengefasst: „All the albums I did with Metallica were recorded on 24 track analogue tape. There's not a computer in sight, so there's no editing – everything is played.“ Was man auf der Platte hört, ist also tatsächlich gespielt worden, Take für Take, ohne digitale Nachbearbeitung.

Für die Gitarrensignale setzte Rasmussen an jedem Verstärkercabinet mehrere Mikrofone gleichzeitig ein: zwei Shure SM57 nah an der Lautsprechermembran, dazu Kondensatormikrofone für den Raumklang. Die von der Band neu eingesetzten Mesa/Boogie-Verstärker verhielten sich dabei nicht immer wie erwartet: „You twist the knobs and when you turn up the treble you expect more top, right? But it was more or less the opposite“, erinnerte sich Rasmussen. Das Ergebnis ist ein Gitarrenklang, der eng und trocken zusammenhält, statt sich in Hall zu verlieren – auch dort, wo mehrere Rhythmusspuren übereinandergelegt sind.

Cliff Burtons Bass

Cliff Burtons Bassspiel behandelte Rasmussen bewusst nicht als Rhythmusfundament im herkömmlichen Sinn: „The bass player has to adjust to the riff the guitar is playing – not the other way round.“ Burton selbst spielte einen modifizierten Rickenbacker 4001 mit zusätzlichem Tonabnehmer und arbeitete mit Verzerrer- und Wah-Pedalen, die im Metal seiner Zeit unüblich waren – ein Zugriff, der besonders im Instrumentalstück „Orion“ hörbar wird, das einer Überlieferung zufolge Burtons persönlicher Lieblingsbeitrag zum Metallica-Katalog gewesen sein soll. Das Titelstück selbst bezeichnete er gegenüber Bandkollegen als seine liebste eigene Komposition der Band.

05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Acht Stücke, keines davon unter fünf Minuten, drei davon über acht – und trotzdem wirkt die Platte nicht behäbig, weil sie ihre Länge in ständigen Tempo- und Taktwechseln unterbringt statt in Wiederholung. „Battery“ öffnet mit einer akustischen Gitarrenfigur, die abrupt in Höchsttempo kippt; das Titelstück wechselt mehrfach zwischen Halbzeit-Riffs und schnellen Passagen, bevor ein ruhiger Mittelteil mit Gitarrensolo den Bogen noch einmal öffnet. Diese Struktur wiederholt sich, in Varianten, über das ganze Album.

Auch inhaltlich hält die Platte zusammen. Kontrollverlust und Fremdbestimmung ziehen sich als Motiv durch mehrere Texte: im Titeltrack als Sucht, in „Welcome Home (Sanitarium)“ als Psychiatrieaufenthalt, in „Disposable Heroes“ als Soldatendasein, in „Leper Messiah“ als religiöse Verführung. Das Coverbild mit den Kreuzen und den fadenziehenden Händen darüber nimmt dieses Thema bildlich vorweg, offenbar nach einer eigenen Skizze von Hetfield.

Orion als Atempause

Eine Ausnahme bildet „Orion“ als reines Instrumentalstück mit einem langen, von Burton geprägten Mittelteil – eine bewusste Atempause vor dem abschließenden „Damage, Inc.“, das die Platte wieder auf Höchsttempo zurückbringt. Wer das Album in Einzeltiteln hört, verliert genau diesen Wechsel aus Anspannung und Pause, der im Zusammenhang eine eigene Dramaturgie ergibt.

03Warum es einen Abend trägt

Rund 55 Minuten, acht Stücke, kein Ausklang, der beruhigt: Auch „Orion“ mündet in ein hartes Riff, bevor „Damage, Inc.“ die Platte im Höchsttempo beendet. Wer das Album am Stück hört, bekommt keine Entspannungsphase am Ende, sondern eine Steigerung – eine bewusste Zumutung, die im Konzept der Platte liegt.

Zeitgenössisch wurde das honoriert: Fachpresse wie Kerrang! beschrieb den kommerziellen und künstlerischen Sprung, den die Band mit diesem Album machte, Rezensionen lobten die technische Präzision der vier Musiker. Im Rückblick gilt Master of Puppets vielen Kritikern und Fachmedien als eines der einflussreichsten Thrash-Metal-Alben überhaupt, mitunter sogar als eines der einflussreichsten Metal-Alben insgesamt – eine Einordnung, die naturgemäß von Publikation zu Publikation variiert, aber breit geteilt wird.

Der 27. September 1986

Über diese musikalische Bedeutung legt sich ein Schatten, den man nicht ausblenden sollte, ohne ihn auszuschlachten: Am 27. September 1986, gut ein halbes Jahr nach Erscheinen der Platte, verunglückte der Tourbus der Band in der Nähe von Dörarp in Südschweden. Cliff Burton kam bei dem Unfall ums Leben, die Umstände – der Fahrer sprach von Glatteis, andere Berichte zogen das später in Zweifel – sind bis heute nicht vollständig geklärt. Master of Puppets blieb damit das letzte Studioalbum, auf dem Burton zu hören ist. Die Band brach die Europatournee ab und verpflichtete kurz darauf Jason Newsted als neuen Bassisten.

Das prägt, ob man will oder nicht, wie man diese Platte heute hört. Kein Track handelt vom Tod eines Bandmitglieds, und man sollte dem Album keine Vorahnung andichten, die es nicht hat. Aber ein Abend, der mit dieser Platte beginnt, endet in dem Wissen, dass hier vier Musiker zu hören sind, die wenige Monate später nicht mehr zusammen im Studio stehen würden.

Nach der Veröffentlichung

Master of Puppets war Metallicas erstes Album, das die US-Albumcharts erreichte, und die Band spielte im Anschluss unter anderem als Vorgruppe für Ozzy Osbourne, bevor die eigene Europatournee im Herbst 1986 begann. Diese Tournee wurde durch den Unfall vom 27. September abrupt beendet.

Die Platte selbst blieb im Katalog der Band ungewöhnlich präsent: Sie wird bis heute regelmäßig live gespielt und taucht in Bestenlisten des Genres immer wieder weit oben auf – eine Anerkennung, die zu ihrer Entstehungszeit 1986 noch nicht abzusehen war.

Wie hört man ein Album, das erst im Rückblick zum letzten gemeinsamen Werk einer Besetzung wurde?