1989Albumvorschlag
The Healer
Ein alter Mann mit Hut sitzt im Studio, um ihn herum die Musiker, die mit seinen Platten aufgewachsen sind. Er singt einmal, und alle wissen, dass es kein zweites Mal braucht.
Ende der Achtziger hatte John Lee Hooker vier Jahrzehnte Blues hinter sich und seit Jahren kein Album mehr veröffentlicht. The Healer stellte ihm Freunde und Bewunderer zur Seite, von Carlos Santana bis Bonnie Raitt. Daraus wurde das erfolgreichste Album seiner Laufbahn.
- Laufzeitrund 42 Minuten
- Titel10
- Jahr1989
- AufgenommenRussian Hill Recording, San Francisco, sowie Sausalito und Los Angeles
Tracklist
- The Healer5:41
- I'm in the Mood4:31
- Baby Lee3:45
- Cuttin' Out4:38
- Think Twice Before You Go3:00
- Sally Mae3:19
- That's Alright4:25
- Rockin' Chair4:10
- My Dream4:07
- No Substitute4:07
Gesamtlänge rund 42 Minuten41:43
Zum Cover
Hooker ist auf dem Cover nur als Umriss zu sehen: eine Gestalt mit Hut und erhobenen Händen hinter einer milchig-hellen Fläche, als stünde er hinter Pergament. Die Geste passt zum Titel, sie erinnert an einen Prediger oder eben an einen Heiler. Ein marmorierter Rahmen fasst das Bild ein.
Unten stehen die Namen der Gäste, von Santana bis Los Lobos. Das Cover sagt damit beides zugleich: Im Mittelpunkt steht Hooker, aber diese Platte ist auch ein Treffen.
Das Foto stammt laut den Plattencredits von David Perry, die Gestaltung von Paregrafx. In den USA erschien das Album bei dem kleinen unabhängigen Label Chameleon, in Europa bei Silvertone. 2022 legte Craft Recordings die Platte neu auf, nachdem sie über zehn Jahre vergriffen gewesen war.
Foto: David Perry
Gestaltung: Paregrafx
Label: Chameleon, 1989
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Der Toningenieur fragte: ‚Wollen wir es noch einmal versuchen?‘ Und John Lee sagte: ‚Wozu?‘“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie The Healer entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Die Idee kam nicht von Hooker, sondern von seinem Manager Mike Kappus. Hooker war Ende der Achtziger längst eine Legende, aber eine, die man vor allem von alten Platten kannte. Kappus wollte ihn mit Musikern zusammenbringen, die ihn verehrten und die ein junges Publikum hatten. Stephen Powers, Mitgründer des kleinen Labels Chameleon, gab grünes Licht.
Ein Take mit Santana
Den Anfang macht der Titelsong. Carlos Santana und seine Band legen einen langsamen, schwingenden Groove, mit Congas und Timbales, wie man ihn von Santana kennt. Dann setzt Hooker ein, mit dieser tiefen, ruhigen Stimme, die über den Blues als Heilmittel spricht. Santana erzählt in seiner Autobiografie, dass es beim ersten Durchgang blieb. Hooker sah keinen Grund, es noch einmal zu machen.
02Wie The Healer entstand
Produziert hat das Album Roy Rogers, ein Slidegitarrist, der seit Jahren in Hookers Begleitband, der Coast to Coast Blues Band, spielte. Er kannte Hookers Eigenheiten: den freien Umgang mit Takten und Akkordwechseln, das Spiel nach Gefühl statt nach Schema. Aufgenommen wurde vor allem in den Russian Hill Studios in San Francisco, der Titelsong in Sausalito, das Stück mit Los Lobos in Los Angeles.
Die Gäste
Die Gästeliste liest sich wie ein Querschnitt durch die amerikanische Rootsmusik der Achtziger. Bonnie Raitt singt und spielt Slidegitarre in „I'm in the Mood“, Robert Cray spielt in „Baby Lee“, George Thorogood in „Sally Mae“. Los Lobos bringen Akkordeon und Saxofon in „Think Twice Before You Go“. Canned Heat, mit denen Hooker 1970 schon ein ganzes Doppelalbum aufgenommen hatte, sind in „Cuttin' Out“ dabei, Charlie Musselwhite spielt Mundharmonika in „That's Alright“.
Jeder Gast bekommt ein Stück, keiner mehr. Das hält die Platte zusammen. Man hört nie eine Starparade, sondern immer Hooker mit einem anderen Gegenüber.
03Der Klang
Die Produktion ist klar und warm, für eine Platte von 1989 erstaunlich schlicht. Hookers Gitarre steht oft direkt neben seiner Stimme. Die Gäste passen sich ihm an, nicht umgekehrt. Wer den Rhythmus hält, ist bei Hooker nie ganz sicher, denn er verlängert eine Zeile, wenn ihm danach ist, und die Band muss folgen.
Die zweite Seite wird zum Ende hin immer stiller. „Rockin' Chair“, „My Dream“ und „No Substitute“ spielt Hooker ohne prominente Gäste und sehr sparsam. Hier ist er der Mann aus dem Mississippi-Delta, der vierzig Jahre zuvor in Detroit allein vor einem Mikrofon saß.
Das Original
I'm in the Mood, 1951
Hooker hatte den Song schon 1951 in Detroit aufgenommen. Produzent Bernard Besman legte damals zwei Gesangsspuren übereinander, was dem Stück einen hallenden, fast unheimlichen Klang gab. Die Single kam im November 1951 an die Spitze der amerikanischen R&B-Charts. Bonnie Raitt hatte das Lied selbst im Konzert gespielt und wollte es unbedingt mit ihm aufnehmen. Aus dem einsamen Original wurde 1989 ein Zwiegespräch zwischen zwei Stimmen und zwei Gitarren.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Die Reihenfolge ist klug gebaut. Die erste Seite öffnet mit den großen Namen und dem meisten Klang, die zweite nimmt Schritt für Schritt alles weg, bis nur noch Hooker übrig ist. So erzählt die Platte ihre eigene Geschichte: Die Jüngeren kommen zu Besuch, bringen ihren Sound mit, und am Ende bleibt der Mann, bei dem sie alle gelernt haben.
Ein spätes Comeback
The Healer kam in den USA auf Platz 62 der Albumcharts, für Hooker die höchste Platzierung seiner Laufbahn. Die Angaben zu den Verkäufen schwanken zwischen einer halben und über einer Million Exemplaren, für ein Bluesalbum damals eine ungewöhnliche Zahl. Bei den Grammys im Februar 1990 gewann „I'm in the Mood“ in der Kategorie „Best Traditional Blues Recording“. Es war Hookers erster Grammy, gut vierzig Jahre nach seiner ersten Single.
Mike Kappus fasste die Wirkung später so zusammen: „Hier hatte ein älterer Künstler, einer der Urväter, tatsächlich Erfolg auf dem Niveau eines aktuellen Rockstars.“ Für Hooker bedeutete das auch ganz praktisch etwas: Er konnte seine letzten Jahre ohne Geldsorgen verbringen. Und es folgten weitere Alben in ähnlicher Machart, ebenfalls von Roy Rogers produziert. Mehr über sein Leben steht im Porträt von John Lee Hooker.
05Warum es einen Abend trägt
Rund 42 Minuten, zwei Seiten, zehn Stücke. Die erste Seite ist ein Fest mit wechselnden Gästen, vom Latin-Groove bis zum Tex-Mex mit Akkordeon. Nach dem Umdrehen wird es Stück für Stück ruhiger, und die letzten drei gehören Hooker allein. Wer das Licht in der zweiten Hälfte etwas herunterdreht, macht nichts falsch.
Ein Gespräch zwischen Generationen
In der Runde lässt sich gut darüber reden, was die Gäste mitbringen und was sie zurücklassen. Wo hört man noch Santana, wo nur noch Hooker? Und es lohnt, zum Vergleich an Hooker dreißig Jahre früher zu denken: 1960 spielte er beim Jazzfestival in Newport, begleitet von der Band von Muddy Waters. Die Gitarre, die Muddy auf dem Cover jenes Livealbums hält, gehörte Hooker.
Warum klingt ein Mann jenseits der siebzig neben all den Stars am Ende doch am lautesten, obwohl er am leisesten spielt?
Weiterhören
-
Muddy Waters
At Newport 1960
1960
Muddy Waters in Newport 1960 – am selben Nachmittag spielte Hooker dort mit Muddys Band.
Zur Album-Story → -
Buddy Guy
Damn Right, I've Got the Blues
1991
Zwei Jahre später erlebte auch Buddy Guy mit Gästen aus dem Rock ein spätes Comeback.
Zur Album-Story → -
Gary Moore
Still Got the Blues
1990
1990 kehrte Gary Moore zum Blues zurück und holte sich dafür Altmeister wie Albert King und Albert Collins ins Studio.
Zur Album-Story →
Mehr über John Lee Hooker: Porträt mit Zeitleiste →
Alle Albumvorschläge ansehen → · sortierbar nach Laufzeit, Jahrzehnt und Form
Diesen Abend anfragen
Wenn Sie dieses Album hören möchten, überspiele ich es auf Band und bringe die Anlage zu Ihnen. Sie können auch jedes andere wählen – die Liste ist ein Angebot, keine Auswahl.
Termin für dieses Album buchen Als Gutschein verschenken
Mehr Alben aus 1989 und den Jahren davor und danach: Alben der 80er. Oder im Album-Finder das Album zu einem bestimmten Jahr suchen.
Ihnen ist ein Fehler in diesem Text aufgefallen? Melden Sie es mir – ich freue mich über jeden Hinweis.