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1960Albumvorschlag

At Newport 1960

Muddy Waters

Ein Festival, das nach Krawallen abgebrochen wird. Ein letzter Nachmittag, an dem nur noch der Blues spielen darf. Und eine Band aus Chicago, die ein Jazzpublikum zum Tanzen in den Gängen bringt.

Muddy Waters kam 1960 mit seiner Band nach Newport, als der elektrische Chicago-Blues außerhalb der schwarzen Viertel noch kaum bekannt war. Der Mitschnitt vom 3. Juli ist eines der ersten großen Live-Alben des Blues – und ein Dokument dafür, wie diese Musik ein neues Publikum fand.

  • Laufzeitrund 34 Minuten
  • Titel9
  • Jahr1960
  • AufgenommenNewport Jazz Festival, Newport, Rhode Island (3. Juli 1960)
Das Albumcover von At Newport 1960: ein Foto von Muddy Waters mit einer halbakustischen Gitarre, darüber Name und Titel.
Muddy Waters, At Newport 1960, Chess Records 1960. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. I Got My Brand on You4:32
  2. I'm Your Hoochie Coochie Man3:00
  3. Baby, Please Don't Go3:01
  4. Soon Forgotten4:22
  5. Tiger in Your Tank4:30
  6. I Feel So Good2:55
  7. Got My Mojo Working4:30
  8. Got My Mojo Working, Part 22:48
  9. Goodbye Newport Blues4:50

Zum Cover

Muddy Waters mit einer halbakustischen Gitarre, fotografiert in Newport. Ein schlichtes Bild, das wirkt wie ein Schnappschuss vom Rand des Festivals.

Die Gitarre auf dem Foto gehörte gar nicht ihm, sondern John Lee Hooker, der am selben Tag in Newport auftrat. Seine eigene Telecaster, mit der er das Konzert gespielt hatte, blieb für das Bild auf der Bühne. So zeigt das Cover eines der wichtigsten elektrischen Blues-Alben einen Mann mit einem geliehenen Instrument.

Wer das Foto gemacht hat, ist nicht eindeutig geklärt: In den Quellen werden verschiedene Fotografen genannt, ein Credit auf der Originalhülle ist nicht belegt. Auch wer das Cover gestaltete, ist nicht dokumentiert.

Foto: nicht eindeutig belegt
Label: Chess Records, 1960
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„It always made you feel like you were doin' a good job.“

James Cotton Mundharmonikaspieler der Band, über Muddys Zuruf während seines Solos in Newport

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie At Newport 1960 entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Newport, Sonntag, 3. Juli 1960. Am Abend zuvor hatten Tausende junge Leute die Stadt in Aufruhr versetzt. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, die Nationalgarde wurde gerufen. Das Festival wurde abgebrochen. Nur das Programm des Sonntags durfte noch stattfinden – und der Blues-Block mit Muddy Waters wurde zum letzten Programmpunkt.

Veranstalter George Wein überredete die Musiker zu bleiben. Und so spielte eine Band aus Chicago vor einem Publikum, das eigentlich wegen des Jazz gekommen war.

Tanzen in den Gängen

Muddy trug Schwarz, seine Band helle Anzüge. Bei „Got My Mojo Working“ hielt es das Publikum nicht mehr auf den Stühlen: Die Leute tanzten, klatschten, standen auf. Die Band spielte den Song gleich noch einmal, auf der Platte als „Part 2“ zu hören.

02Wie At Newport 1960 entstand

Muddy Waters war damals längst ein Star des elektrischen Chicago-Blues, aber vor allem in den Clubs und Radiosendern der schwarzen Viertel. Newport war eine andere Welt: ein Jazzfestival an der Ostküste, überwiegend weißes Publikum. Mit ihm auf der Bühne standen Otis Spann am Klavier, James Cotton an der Mundharmonika, Pat Hare an der Gitarre, Andrew Stephenson am Bass und Francis Clay am Schlagzeug.

Chess Records brachte den Mitschnitt im November 1960 heraus. Eröffnet wird das Album mit „I Got My Brand on You“, einem Song, den die Band erst einen Monat vorher im Studio aufgenommen hatte und der noch gar nicht erschienen war.

Ein Abschiedslied vom selben Tag

Das letzte Stück hat eine eigene Geschichte. Der Dichter Langston Hughes, damals im Vorstand des Festivals, schrieb den Text von „Goodbye Newport Blues“ noch am selben Tag, als klar war, dass das Festival vorzeitig endet. Gesungen hat ihn Otis Spann. Es ist ein Abschied von einem Festival, das niemand so beenden wollte.

03Der Klang

Auf der Bühne spielte Muddy eine Fender Telecaster. Das ist elektrischer Chicago-Blues in einem Rahmen, der eigentlich für Jazz gedacht war: harte Gitarren, Spanns rollendes Klavier, Cottons Mundharmonika, die immer wieder nach vorn tritt. Vor Cottons Solo in „Baby, Please Don't Go“ hört man Muddy rufen: „Look out, Sonny Boy!“

Die Aufnahme ist für ihre Zeit erstaunlich klar. Man hört den Raum, das Publikum, die Energie einer Band, die weiß, dass sie gerade etwas Besonderes erlebt.

Live und im Studio

Ein Song, der auf der Bühne erst richtig brennt

„I Got My Brand on You“ gibt es auch als Studioaufnahme. Kritiker haben später geschrieben, die Newport-Fassung lasse die Studioversion geradezu brav wirken. Wer beide nacheinander hört, versteht, warum dieses Album so wichtig wurde: Der Blues von Muddy Waters war eine Bühnenmusik.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Das Album ist ein Konzert mit klarer Dramaturgie. Es beginnt mit einem neuen Song, dann kommen die Klassiker: „I'm Your Hoochie Coochie Man“, „Baby, Please Don't Go“. Der Höhepunkt ist „Got My Mojo Working“, gleich zweimal hintereinander. Und am Ende steht das Abschiedslied, das den ganzen Nachmittag noch einmal zusammenfasst.

Ein Anfang für viele

At Newport 1960 gilt als eines der ersten Live-Alben des Blues. Es wirkte auf die junge Blues-Szene in den USA und in Großbritannien, aus der wenig später Bands wie die Rolling Stones hervorgingen, die sich nach einem Song von Muddy Waters benannt hatten. Der Rolling Stone nahm das Album in seine Liste der 500 besten Alben auf.

05Warum es einen Abend trägt

Gut eine halbe Stunde, ein ganzes Konzert von der ersten Note bis zur Zugabe und zum Abschiedslied. Man hört das Publikum jubeln, man hört eine Band, die sich steigert, und man hört einen Musiker, der ein fremdes Publikum in wenigen Minuten für sich gewinnt.

Ein Sonntag in Newport

Für einen Hörabend bringt die Platte gleich die Geschichte mit, über die man danach reden kann: ein abgebrochenes Festival, ein letzter Nachmittag, ein Gedicht, das zum Lied wurde. Und die Frage, wie es sich angefühlt haben muss, diesen Blues zum ersten Mal zu hören.

Was passiert, wenn eine Musik aus den Clubs von Chicago plötzlich vor einem ganz anderen Publikum steht?