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1965Albumvorschlag

Live at the Regal

B.B. King

Ein kalter Novembertag in Chicago, ein Theater mit dreitausend Plätzen, ein Publikum, das nicht weiß, dass mitgeschnitten wird. Und ein Musiker, der jede Reaktion im Saal in seine Musik zurückholt.

B.B. King spielte seit Jahren fast jeden Abend irgendwo auf dem Chitlin’ Circuit, der Tourneeroute der schwarzen Theater und Clubs. Im Regal Theater in Chicago wurde an einem Samstag im November 1964 mitgeschnitten. Das Ergebnis ist eine der meistgeliebten Live-Aufnahmen des Blues.

  • Laufzeitrund 33 Minuten
  • Titel10
  • Jahr1965
  • AufgenommenRegal Theater, Chicago (21. November 1964)
Das Albumcover von Live at the Regal: B.B. King beim Spielen mit seiner Gitarre, darüber der Titel in bunten, tanzenden Buchstaben.
B.B. King, Live at the Regal, ABC-Paramount 1965. Fotografie Don Bronstein. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Every Day I Have the Blues2:27
  2. Sweet Little Angel4:15
  3. It's My Own Fault3:25
  4. How Blue Can You Get3:00
  5. Please Love Me2:55
  6. You Upset Me Baby2:20
  7. Worry, Worry6:21
  8. Woke Up This Mornin'1:42
  9. You Done Lost Your Good Thing Now4:10
  10. Help the Poor2:35

Zum Cover

B.B. King beim Spielen, die Gitarre vor dem Körper, ganz in der Musik. Darüber steht der Titel in einer verspielten Schrift, deren Buchstaben in wechselnden Farben auf und ab hüpfen, als würden sie mittanzen.

Das Foto stammt von Don Bronstein, gestaltet wurde die Hülle von der Agentur Lee-Myles Associates. Die Schrift ist eine alte deutsche Type, Rudolf Kochs „Neuland“ aus den Zwanzigerjahren – eine überraschende Wahl für ein Blues-Album aus Chicago, die bis heute frisch wirkt.

Wann und wo das Coverfoto entstand, ist nicht dokumentiert, auch nicht, ob es am Abend des Mitschnitts aufgenommen wurde. Das Bild zeigt, worum es auf der Platte geht: einen Musiker, der ganz bei sich ist und trotzdem für den ganzen Saal spielt.

Fotografie: Don Bronstein
Gestaltung: Lee-Myles Associates
Label: ABC-Paramount, 1965
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Find an album called B.B. King Live at the Regal, which is where it all really started for me as a young player.“

Eric Clapton in seiner Videobotschaft nach dem Tod von B.B. King, 2015

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Live at the Regal entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Chicago, 21. November 1964. Draußen ist es bitterkalt, drinnen im Regal Theater sitzen rund dreitausend Menschen. B.B. King spielt an diesem Tag mehrere Sets. Weder das Publikum noch die Band wissen, dass mitgeschnitten wird.

Vor „How Blue Can You Get“ bittet King das Publikum, nicht so sehr auf seinen Gesang zu achten, sondern auf den Text. Dann kommt die Zeile, in der ein Mann alles aufzählt, was er seiner Frau gegeben hat, bis hin zu sieben Kindern, die sie nun zurückgeben will. Der Saal tobt.

Ein Publikum als Mitspieler

Das Regal-Publikum galt als anspruchsvoll. Es wollte für sein Geld etwas geboten bekommen und zeigte laut, was ihm gefiel. Genau das hört man auf der Platte: Zurufe, Jubel, Lachen. King hat seine Beziehung zum Publikum einmal mit Radar verglichen: Man sendet einen Strahl aus, und er kommt mit mehr Energie zurück.

02Wie Live at the Regal entstand

1962 war King zu ABC-Paramount gewechselt, doch seine Singles liefen dort kaum. Produzent Johnny Pate und King entschieden sich deshalb für ein Live-Album statt eines weiteren Studiokonzepts. Das Regal, eine der wichtigsten Bühnen des Chitlin' Circuit, war der naheliegende Ort. King trat dort seit Anfang der Fünfzigerjahre auf.

Mit ihm spielten Kenny Sands an der Trompete, Johnny Board und Bobby Forte am Tenorsaxofon, Duke Jethro am Klavier, Leo Lauchie am Bass und Sonny Freeman am Schlagzeug. Die Ansagen der Radio-DJs Pervis Spann und E. Rodney Jones sind auf der Platte zu hören.

Ein Organist am Klavier

Duke Jethro war eigentlich als Organist gebucht. Als seine Orgel ausfiel, schickte King ihn ans Klavier. Jethro wandte ein, er könne gar nicht Klavier spielen. King soll sinngemäß geantwortet haben, er solle sich einfach hinsetzen und so tun als ob.

03Der Klang

Aufgenommen wurde mit derselben Technik, die das Chicago Symphony Orchestra für seine Einspielungen nutzte. Die Techniker saßen unter der Bühne und hängten Mikrofone hoch über die Sitzreihen, um das Zusammenspiel zwischen King und seinem Publikum einzufangen. So klingt die Platte bis heute: nicht wie ein Studioalbum mit etwas Applaus, sondern wie ein voller Saal.

Kings Gitarre, die er wie alle seine Gitarren „Lucille“ nannte, singt in kurzen, genau gesetzten Phrasen. Dazwischen wechselt seine Stimme vom Falsett zur vollen Kraft. In „Worry, Worry“ spricht er mitten ins Solo hinein, und der Saal antwortet.

Warum „Lucille“

Eine Gitarre aus einem brennenden Club

In einem Tanzlokal in Arkansas stritten zwei Männer um eine Frau namens Lucille. Dabei brach ein Feuer aus. King lief zurück in das brennende Gebäude, um seine Gitarre zu retten. Seitdem hieß jede seiner Gitarren Lucille – als Erinnerung daran, nie wieder so etwas Dummes zu tun.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Die Platte ist wie ein Konzertabend gebaut. Jede Seite beginnt mit der Ansage eines DJs, dann steigert sich die Spannung, bis zu „How Blue Can You Get“ auf der ersten Seite und „Worry, Worry“ auf der zweiten. AllMusic nennt das Album ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man einen Live-Auftritt aufbaut.

Das Album zum Einstimmen

Viele Gitarristen hören Live at the Regal vor ihren eigenen Konzerten, darunter Eric Clapton und Mark Knopfler. Die Library of Congress hat die Aufnahme 2005 in ihr nationales Tonarchiv aufgenommen. King selbst blieb bescheiden: Er habe wahrscheinlich Hunderte bessere Konzerte gespielt als das im Regal – aber an diesem Tag sei alles zusammengekommen.

05Warum es einen Abend trägt

Gut eine halbe Stunde, zwei Seiten, jede mit ihrem eigenen Einstieg. Das ist fast ein Konzertbesuch im Kleinformat. Nach der ersten Seite umdrehen, kurz reden, und dann „Worry, Worry“, bei dem man den Saal atmen hört.

Mit dem Publikum hören

Das Schönste an dieser Platte ist, dass man sie nie allein hört. Das Publikum im Regal ist immer dabei. Wer sie gemeinsam hört, merkt schnell, dass man selbst anfängt mitzugehen.

Wie viel von einem Konzert gehört dem Publikum?