Künstlerporträt
Bob Dylan
Über sechzig Jahre, Dutzende Alben und ein Literaturnobelpreis – und trotzdem klingt Bob Dylan auf jeder Platte, als wolle er gerade niemandem gefallen.
Bob Dylan hat die Popmusik um etwas erweitert, das ihr vorher fehlte: Texte, die man lesen kann wie Gedichte, und Lieder, die länger dauern dürfen, als ein Radiosender es vorsieht. Er war die Stimme einer Protestbewegung und hat diese Rolle abgelegt, sobald man sie ihm umhängen wollte. Er hat sein Publikum mehrfach vor den Kopf gestoßen – und ist trotzdem, oder gerade deshalb, bis heute einer der wichtigsten Songschreiber der Welt.
In diesem Porträt
1941–1960
01 Hibbing
Robert Allen Zimmerman wurde am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota, geboren und wuchs im Bergbaustädtchen Hibbing auf, nahe der kanadischen Grenze. Als Schüler spielte er Klavier in Rock-’n’-Roll-Bands und wollte klingen wie Little Richard. Im Jahrbuch seiner Highschool stand als Berufswunsch, er wolle zu Little Richard.
1959 ging er an die Universität von Minnesota in Minneapolis, besuchte aber vor allem die Cafés im Studentenviertel Dinkytown. Dort entdeckte er den Folk und vor allem Woody Guthrie, dessen Lieder und Lebensgeschichte ihn völlig einnahmen. Er nannte sich nun Bob Dylan und beschloss, nach New York zu gehen.
1961–1964
02 Greenwich Village
Im Januar 1961 kam Dylan in New York an, besuchte sein Idol Woody Guthrie und spielte in den Folkclubs von Greenwich Village. Der Produzent John Hammond nahm ihn noch im selben Jahr bei Columbia unter Vertrag. Das erste Album von 1962 enthielt fast nur Fremdmaterial, doch Dylan schrieb inzwischen unablässig eigene Lieder.
The Freewheelin’ Bob Dylan von 1963 machte ihn mit „Blowin’ in the Wind“ und „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ bekannt. Im August desselben Jahres sang er beim Marsch auf Washington, bei dem Martin Luther King seine berühmte Rede hielt. Mit The Times They Are a-Changin’ von 1964 galt er endgültig als Stimme seiner Generation – eine Rolle, die ihm bald zu eng wurde.
1965–1966
03 Elektrisch
1965 erschien Bringing It All Back Home, zur Hälfte mit elektrischer Band. Im Sommer folgte „Like a Rolling Stone“, über sechs Minuten lang und damit eigentlich viel zu lang fürs Radio – und trotzdem ein großer Hit. Beim Newport Folk Festival im Juli 1965 spielte Dylan mit elektrischen Gitarren, und ein Teil des Publikums buhte. Die Folkszene fühlte sich verraten.
Auf der Tournee 1966 wurde er fast jeden Abend ausgebuht, in Manchester rief ihm jemand „Judas!“ zu. Dazwischen entstand, zum großen Teil in Nashville, Blonde on Blonde, eines der ersten Doppelalben der Rockgeschichte: funkelnd, übervoll, mit Songs wie „Visions of Johanna“ und „Just Like a Woman“. Im Juli 1966 hatte Dylan einen Motorradunfall und zog sich danach für längere Zeit aus der Öffentlichkeit zurück.
1967–1973
04 Rückzug aufs Land
In Woodstock im Bundesstaat New York nahm Dylan mit den Musikern, die später als The Band bekannt wurden, im Keller eines Hauses Dutzende Lieder auf – die sogenannten Basement Tapes, die erst Jahre später offiziell erschienen. Die Alben dieser Zeit waren leise und schlicht. John Wesley Harding von 1967 klingt nach Wildwest-Balladen.
Auf Nashville Skyline von 1969 sang Dylan plötzlich mit weicher Country-Stimme und im Duett mit Johnny Cash. Viele Fans verstanden die Welt nicht mehr. Dylan hatte offensichtlich keine Lust mehr, die Erwartungen anderer zu erfüllen.
1974–1976
05 Blood on the Tracks
Im September 1974 nahm Dylan in New York ein Album mit neuen, sehr persönlichen Liedern auf. Kurz vor der Veröffentlichung entschied er, fünf Songs noch einmal neu einzuspielen, im Dezember in Minneapolis mit Musikern aus der dortigen Szene. Die Mischung aus beiden Sessions wurde Blood on the Tracks.
Das Album erschien im Januar 1975 und gilt vielen als sein bestes. Es erzählt von Liebe, Trennung und Erinnerung, in Songs wie „Tangled Up in Blue“ und „Simple Twist of Fate“, in denen die Zeit vor- und zurückspringt. Danach zog Dylan mit der Rolling Thunder Revue durch kleine Hallen im Nordosten der USA, und 1976 erschien Desire.
1979–1996
06 Glaube und Suche
Ende der Siebziger wandte sich Dylan dem christlichen Glauben zu. Slow Train Coming von 1979, mit Mark Knopfler von den Dire Straits an der Gitarre, brachte ihm einen Grammy. Bei Konzerten spielte er nun vor allem Gospel, und wieder war ein Teil seines Publikums irritiert.
Die Achtziger gelten als seine schwächste Zeit, auch wenn einzelne Songs herausragen. 1988 begann er eine Tournee, die im Grunde nie aufhörte: die Never Ending Tour, mit rund hundert Konzerten pro Jahr über Jahrzehnte. Dylan verwandelte seine alten Lieder dabei immer wieder so sehr, dass das Publikum sie oft erst beim Refrain erkannte.
1997–heute
07 Späte Meisterwerke
Time Out of Mind, 1997 mit dem Produzenten Daniel Lanois in Miami aufgenommen, klingt nach Nebel und Abschied, nach einem Mann, der auf sein Leben zurückschaut. Das Album wurde mit dem Grammy für das Album des Jahres ausgezeichnet und leitete eine späte, sehr produktive Phase ein.
2016 erhielt Bob Dylan als erster Musiker den Nobelpreis für Literatur. Zur Verleihung in Stockholm kam er nicht selbst; Patti Smith sang dort an seiner Stelle „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“. 2020 erschien Rough and Rowdy Ways mit dem fast siebzehnminütigen „Murder Most Foul“, dem längsten Song seiner Laufbahn.
Für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition.
Womit anfangen?
Blood on the Tracks: überwiegend akustisch, Song für Song erzählt und auch für Gäste gut zu hören, die mit Dylans Stimme bisher gefremdelt haben. Blonde on Blonde ist das Fest, Time Out of Mind der Abend für die späte Stunde. Zur Album-Story →
Die Alben bei Musik Ungestört
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Bob Dylan
Blonde on Blonde
1966rund 73 Minuten
Bob Dylans Doppelalbum von 1966, aufgenommen mit Nashville-Studiomusikern, verdichtet zu einem duennen, wilden Klang, den Dylan selbst als Quecksilber beschrieb, und bis heute eines der ambitioniertesten Rockalben seiner Zeit.
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Bob Dylan
Blood on the Tracks
1975rund 52 Minuten
Ein Album, das er selbst kaum ertrug - und das genau deshalb als sein persönlichstes gilt.
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Bob Dylan
Time Out of Mind
1997rund 73 Minuten
Drei Schlagzeuge, ein Nebel aus Hall – und Lieder übers Dunkelwerden, die fertig waren, bevor Dylan schwer erkrankte.
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Künstlerporträt
Leonard Cohen
2 Alben auf dieser Seite
Leonard Cohen und Bob Dylan gelten als die beiden großen Songpoeten ihrer Generation – und schätzten einander sehr.
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Patti Smith
Horses
1975rund 43 Minuten
Patti Smith sang bei der Nobelpreisverleihung 2016 an Dylans Stelle. Horses ist ihr Debüt von 1975.
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Künstlerporträt
Bruce Springsteen
2 Alben auf dieser Seite
Bruce Springsteen wurde am Anfang seiner Laufbahn als „neuer Dylan“ vermarktet – vom selben Talentsucher entdeckt.
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