Künstlerporträt
Keith Jarrett
Ein Pianist, der sich allein ans Klavier setzte und ohne Plan zu spielen begann – und damit Millionen Menschen erreichte.
Keith Jarrett ist einer der großen Pianisten des Jazz, aber berühmt wurde er mit etwas, das es vorher kaum gab: ganz frei improvisierten Solokonzerten. Er betrat die Bühne ohne ein festes Stück im Kopf und ließ die Musik aus dem Moment entstehen, manchmal eine halbe Stunde am Stück. Daneben spielte er über drei Jahrzehnte im Trio Jazzstandards und nahm Bach und Schostakowitsch auf. Das Köln Concert von 1975 wurde zur meistverkauften Soloklavierplatte überhaupt.
In diesem Porträt
1945–1965
01 Allentown
Keith Jarrett wurde am 8. Mai 1945 in Allentown in Pennsylvania geboren. Er bekam Klavierunterricht, noch bevor er drei Jahre alt war, und gab mit sieben sein erstes Konzert, mit klassischen Stücken und eigenen Kompositionen.
Nach einer kurzen Zeit am Berklee College of Music in Boston zog er nach New York. 1964 holte ihn der Schlagzeuger Art Blakey in seine Jazz Messengers.
1966–1971
02 Lehrjahre
Im Quartett des Saxofonisten Charles Lloyd wurde Jarrett bekannt. Das Album Forest Flower von 1966 verkaufte sich auch bei jungen Rockfans, und die Band spielte in den Hallen der Hippie-Ära.
1970 und 1971 gehörte er zur Band von Miles Davis und spielte dort E-Piano und Orgel – Instrumente, die er danach weitgehend mied. Zur selben Zeit begann seine Zusammenarbeit mit dem Münchner Produzenten Manfred Eicher und dessen Label ECM, wo 1971 das Soloalbum Facing You erschien.
1971–1974
03 Zwei Quartette
In Amerika leitete Jarrett ein Quartett mit Dewey Redman, Charlie Haden und Paul Motian, das Gospel, Free Jazz und Volksmusik mischte.
In Europa spielte er mit dem Saxofonisten Jan Garbarek, dem Bassisten Palle Danielsson und dem Schlagzeuger Jon Christensen; 1974 entstand ihr Album Belonging. Parallel erschienen 1973 die improvisierten Solo Concerts aus Bremen und Lausanne.
1975
04 Das Köln Concert
Am 24. Januar 1975 sollte Jarrett um 23.30 Uhr in der Kölner Oper spielen, organisiert von der erst 18-jährigen Veranstalterin Vera Brandes. Er kam müde von einer langen Autofahrt aus Lausanne, hatte Rückenschmerzen – und fand auf der Bühne nicht den bestellten Konzertflügel, sondern einen kleineren, verstimmten Bösendorfer mit schwachem Bass und klemmenden Pedalen. Er wollte absagen und spielte dann doch, auch weil die Aufnahmegeräte schon bereitstanden.
Um die Schwächen des Instruments zu umgehen, blieb Jarrett in der Mitte der Tastatur und setzte auf kreisende, wiederholte Figuren im Bass. So entstand eine Musik von großer Wärme und Eingängigkeit. ECM veröffentlichte den Mitschnitt noch 1975 als Doppelalbum in vier Teilen. The Köln Concert verkaufte sich rund vier Millionen Mal.
1983–2014
05 Standards
1983 gründete Jarrett mit dem Bassisten Gary Peacock und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette ein Trio, das sich den Klassikern des amerikanischen Liederbuchs widmete. Über dreißig Jahre spielten die drei zusammen und veröffentlichten zahlreiche Alben.
Ende der Neunziger zwang ihn eine chronische Erschöpfungskrankheit zu einer langen Pause. Zu Hause nahm er leise Balladen auf, die 1999 als The Melody at Night, with You erschienen. 2003 erhielt er den schwedischen Polar Music Prize.
2018–heute
06 Späte Jahre
2018 erlitt Jarrett zwei Schlaganfälle; seither kann er nicht mehr öffentlich auftreten. 2020 starb sein langjähriger Triopartner Gary Peacock.
ECM veröffentlichte in den folgenden Jahren Mitschnitte seiner letzten Solotournee, darunter Konzerte aus Budapest und Bordeaux. Das Köln Concert wird bis heute in Konzertsälen, Klavierschulen und Wohnzimmern gehört und gilt vielen als Einstieg in den Jazz überhaupt.
Hörtipp
Das Köln Concert braucht einen ruhigen Abend und etwas Geduld – wer sich auf den ersten, fast halbstündigen Teil einlässt, wird von ihm getragen. Zur Album-Story →
Das Album bei Musik Ungestört
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