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1967Albumvorschlag

Are You Experienced

The Jimi Hendrix Experience

Für den letzten Titel des Albums drehte ein Toningenieur das fertige Band in den Olympic Studios kurzerhand um – die Band spielte live zu ihrer eigenen, rückwärts laufenden Musik.

Elf Stücke, sechs Monate, drei Londoner Studios – und ein Gitarrist, den in New York noch niemand unter seinem echten Namen kannte. Was heute wie ein fertiges, neues Verständnis von Rockmusik klingt, entstand nebenbei, zwischen Tourdaten und mit einem Vierspurgerät, das für das, was hier damit gemacht wurde, eigentlich nicht gedacht war. Die Rede ist im Folgenden von der britischen Originalausgabe; die US-Fassung, die im selben Jahr erschien, hat eine spürbar andere Titelliste.

  • Laufzeitrund 39 Minuten
  • Titel11
  • Jahr1967
  • AufgenommenDe Lane Lea Studios, CBS Studios und Olympic Studios, London
Das Albumcover der britischen Erstausgabe: die Band im Halbdunkel, fotografiert von Bruce Fleming.
The Jimi Hendrix Experience, Are You Experienced, Track Records 1967 (Abbildung: europäische Neuauflage 2010 mit dem originalen britischen Cover). Fotografie Bruce Fleming. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist (UK-Originalausgabe)

  1. Foxy Lady3:10
  2. Manic Depression3:31
  3. Red House3:45
  4. Can You See Me2:35
  5. Love or Confusion3:05
  6. I Don't Live Today3:48
  7. May This Be Love2:55
  8. Fire2:30
  9. Third Stone from the Sun6:30
  10. Remember2:43
  11. Are You Experienced4:02

Zum Cover

Auf der britischen Erstausgabe stehen Jimi Hendrix, Noel Redding und Mitch Mitchell in einem Foto von Bruce Fleming, das die Band im Halbdunkel zeigt, Hendrix in einem langen dunklen Umhang über den beiden anderen aufragend. Fleming hatte zuvor mehrere Aufnahmesessions und Konzerte der Band besucht; Chas Chandler bestand darauf, dass die Gesichter gut erkennbar bleiben, damit das Publikum die drei wiedererkennt. Die Schrift auf dem Titel stammt vom Grafiker Alan Aldridge, die Gesamtgestaltung von Chris Stamp, Mitbetreiber des Labels Track Records.

Zufrieden war damit später niemand so recht. Fleming hätte lieber eine andere seiner Aufnahmen gesehen, und Stamp hat selbst eingeräumt, dass die matten Grün- und Brauntöne in Kombination mit der eher scherzhaften Pose kein starkes Bild ergeben. Hendrix mochte das Cover nicht und ließ für die amerikanische Ausgabe, die im August 1967 bei Reprise erschien, ein völlig anderes Motiv anfertigen: eine Fischaugenaufnahme von Karl Ferris in Kew Gardens, mit Infrarotfilm und leuchtenden Farben – das Bild, das bis heute die bekanntere Version der Hülle ist.

Fotografie: Bruce Fleming
Schriftgestaltung: Alan Aldridge
Gestaltung: Chris Stamp
Label: Track Records, 1967
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„The original idea was to do a loop, but that gave a problem … in the end Jimi got so impatient doing this, he said, ‘Look, it's quite easy, we're just gonna play,’ and played it in.“

George Chkiantz Assistierender Toningenieur bei den Olympic-Sessions, über die Aufnahme des rückwärts laufenden Gitarrenparts für den Titeltrack

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Are You Experienced entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Es ist der 3. April 1967, der letzte Aufnahmetag für das Album, Olympic Studios, London. Elf Stücke stehen im Grunde schon, aber der Titeltrack fehlt noch – und der soll klingen wie nichts, was vorher auf der Platte war: ein einziger Akkord, der über vier Minuten dröhnt, dazu Gitarre, Bass und Schlagzeug, die rückwärts durch den Raum laufen.

Geplant war das als Bandschleife: Man nimmt eine Grundspur auf, klebt sie zu einer Schleife zusammen, lässt sie laufen und spielt weitere Stimmen dazu. In der Praxis wollte die Schleife nicht halten. Assistenztechniker George Chkiantz erinnerte sich später an den Punkt, an dem der Versuch kippte: „The original idea was to do a loop, but that gave a problem … in the end Jimi got so impatient doing this, he said, ‘Look, it's quite easy, we're just gonna play,’ and played it in.“

Gemeint war: das Band einfach von Hand umdrehen, den vorhandenen Take rückwärts abhören und die neue Gitarrenspur in Echtzeit dagegenspielen, viermal hintereinander, bis eine Version stehenblieb. Anschließend wurde alles wieder umgedreht – und aus einer technischen Verlegenheit wurde die Textur, die dem Album seinen Titel und seinen Schlusspunkt gibt.

Was diese Szene über die ganze Platte sagt: Hier wird nicht nach Plan produziert, sondern mit dem Band selbst improvisiert, so lange, bis etwas Neues dabei herauskommt. Die Aufnahme, die daraus wurde, brauchte kein Konzertorchester und keinen gemieteten Saal – nur ein Tonbandgerät, das sich in beide Richtungen drehen ließ, und eine Band, die bereit war, mit ihm zu improvisieren.

Was im Mix wirklich rückwärts läuft

Ganz sauber lässt sich die Anekdote nicht auflösen: Welche Spuren im fertigen Mix tatsächlich rückwärts liegen – nur die Gitarre, oder auch Schlagzeug und Bass – wird in den Quellen nicht deckungsgleich beschrieben, und ob Noel Reddings Bass überhaupt im veröffentlichten Mix zu hören ist, wurde von seinem Biografen Keith Shadwick offen angezweifelt. Sicher ist nur, was Chkiantz bezeugt: die Gitarre wurde live gegen das umgedrehte Band gespielt, viermal, bis der letzte Take saß.

02Wie Are You Experienced entstand

Die Band gab es noch keine drei Wochen, als die ersten Aufnahmen begannen. Chas Chandler, bis dahin Bassist bei The Animals, hatte während der letzten US-Tour seiner Band in einem Club in Greenwich Village, dem Cafe Wha?, einen Gitarristen gesehen, der unter dem Namen Jimmy James spielte. Chandler war so überzeugt, dass er ihn überredete, im September 1966 mit ihm nach London zu kommen – als Manager, nicht mehr als Musiker.

In London stellte Chandler eine Begleitband zusammen. Noel Redding kam eigentlich zu einem Vorspielen für die New Animals als Gitarrist; Chandler fragte ihn stattdessen, ob er sich vorstellen könne, Bass zu spielen, und Redding sagte zu. Mitch Mitchell, kurz zuvor bei Georgie Fame and the Blue Flames rausgeworfen, wurde über einen gemeinsamen Bekannten angefragt und nahm das Angebot nach einer ersten gemeinsamen Probe an. Der erste Auftritt der Experience fand am 13. Oktober 1966 im französischen Evreux statt, als Vorgruppe für Johnny Hallyday.

Zehn Tage später, am 23. Oktober, begann in den De Lane Lea Studios die erste Session, für die Single „Hey Joe“. Sie endete fast im Streit: Hendrix wollte seinen Marshall-Turm auf voller Lautstärke spielen, Chandler wehrte sich, weil der Lärm auf andere Aufnahmen im Haus überging, und Hendrix drohte, England wieder zu verlassen. Chandler legte Hendrix' Einreisepapiere auf das Mischpult und sagte ihm, er solle „piss off“. Hendrix lachte und antwortete: „All right, you called my bluff“ – und man arbeitete weiter.

Ein Mikrofon, zwölf Fuß entfernt

Eine weitere Session lief in den CBS Studios, wo Toningenieur Mike Ross zum ersten Mal mit dieser Lautstärke konfrontiert war: „It was so loud you couldn't stand in the studio … I'd never heard anything like it.“ Auf die Frage nach der Mikrofonierung soll Hendrix selbst geantwortet haben: „Oh, man, just put a mic about twelve feet away on the other side of the studio.“ Ross tat das mit einem Kondensatormikrofon von Neumann – ein Ansatz, den er im Rückblick als „absolutely vital to the uniquely powerful Experience sound“ bezeichnete.

Ab dem 3. Februar 1967 verlagerte sich die Arbeit in die Olympic Studios, wo der junge Toningenieur Eddie Kramer dazukam. Zwischen den Sessions lag weiterhin ein dichter Tourkalender mit Club- und Package-Auftritten in Großbritannien und auf dem Kontinent; aufgenommen wurde, wann immer ein freier Tag im Studio zu finden war. Fertig war das Album am 4. April 1967. Als die Bänder Ende des Monats bei Polydor vorgespielt wurden, reagierte A&R-Chef Horst Schmaltze begeistert: „This is brilliant. This is the greatest thing I've ever heard.“ Veröffentlicht wurde Are You Experienced in Großbritannien am 12. Mai 1967 bei Track Records.

03Der Klang

Aufgenommen wurde, wie damals üblich, auf einer Vierspurmaschine. Kramer nutzte das Format in Olympic anders, als es vorgesehen war: „I would fill the four basic tracks with stereo drums on two of the channels, the bass on the third, and Jimi's rhythm guitar on the fourth.“ Für Mitchells Schlagzeug blieben also zwei Spuren in Stereo reserviert, alles andere – Leadgitarre, Gesang, Effekte – musste später auf denselben verbliebenen Platz gebounct werden. Aus einer technischen Beschränkung wurde so ein bewusster Klangentwurf.

Die Grundlage dieses Entwurfs war Lautstärke. Mike Ross' Beschreibung aus den CBS-Sessions – man habe kaum im Raum stehen können – war kein Einzelfall; auch in Olympic wurde mit voll aufgerissenen Marshall-Stacks gespielt. Statt die Verstärker nah abzunehmen, wählte man wiederholt größere Distanzen zwischen Mikrofon und Box, wie es Ross in den CBS-Sessions vorgemacht hatte – ein Ansatz, der den Raum mit einfängt statt ihn wegzufiltern.

Bandmanipulation war fester Bestandteil des Vokabulars, nicht nur beim Titeltrack. Bei „Fire“ nahm Redding eine zweite Bassspur auf; Kramer legte sie auf eine eigene Spur und blendete sie mit einem neu eingespielten Schlagzeugpart zusammen – eine kleine, aber typische Montage, weit weg von der Vorstellung, hier würde eine Band einfach live durchgespielt und aufgenommen.

Eine Sichtblende gegen das Publikum

Weniger technisch, aber genauso klangprägend war Hendrix' Unbehagen beim Singen vor Publikum. Er ließ sich in Olympic eine Sichtblende zwischen sich und dem Regieraum aufbauen, damit ihn niemand beim Aufnehmen der Stimme ansehen konnte – was wiederum die Verständigung per Blickkontakt erschwerte, weil das Studio dafür abgedunkelt werden musste. Die eher intime, oft leicht zurückgenommene Stimme auf dem Album ist auch das Ergebnis dieser Verlegenheit.

Und die Sessions waren keine geschlossene Veranstaltung: Hendrix erzählte gern selbst herum, wann und wo aufgenommen wurde, sodass sich Fans vor Olympic versammelten. Bandtechniker Chkiantz erinnerte sich, dass die Lautstärke im Studio zeitweise so hoch war, dass man die Abhöre im Regieraum abschalten konnte, ohne dass es viel ausmachte: „Sometimes, it got so loud we'd turn the [control booth] monitors off and there was really very little difference.“ Von der späteren Bedeutung der Aufnahmen war man dabei nicht überzeugt; Chkiantz selbst gestand offen: „I can't see what all the fuss is about myself … I'd be scared to work with him.“

Hörmoment

Manic Depression

Der zweite Track der UK-Ausgabe steht im Dreivierteltakt – für eine Rockband 1967 eine seltene Wahl. Hendrix selbst hat den Song bei Konzerten eingeführt als „a story about a cat wishing he could make love to music instead of the same old everyday woman“, an anderer Stelle knapper als „ugly times music“ beschrieben.

Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke innerhalb des Tracks genannt wird. Den Dreiertakt hört man ohnehin sofort: Er ist der Grund, warum der Song leicht aus dem Tritt zu geraten scheint, obwohl Mitchell ihn makellos durchhält.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Die UK-Ausgabe hat keine Verschnaufpause. Sie öffnet mit dem schwungvollen Gitarrenriff von „Foxy Lady“, führt über Blues („Red House“), Balladenhaftes („May This Be Love“) und einen langen Instrumentalausflug ins All („Third Stone from the Sun“) und endet mit dem rückwärts laufenden Titeltrack, der keiner der vorherigen Nummern mehr ähnelt. Elf Stücke, ein einziges neu zusammengefundenes Trio – und eine erstaunliche Bandbreite an Songformen für ein Debüt.

Unrelentingly Violent

Einhellig gefeiert wurde das 1967 nicht. Melody Maker lobte die „artistic integrity“ der Platte und ihren Wechsel im Tempo, und Keith Altham schrieb im NME von „a brave effort by Hendrix to produce a musical form which is original and exciting“. Aus den USA kam die Gegenstimme: Jon Landau nannte die Platte im Rolling Stone „unrelentingly violent, and lyrically, inartistically violent“ und war vom Gesang wenig überzeugt – auch wenn er Hendrix zugestand, ein „great guitarist and brilliant arranger“ zu sein.

Zusammen hält die Platte trotzdem, weil ihr ein einziger konsequenter Klangentwurf zugrunde liegt: laut gespielt, aus einiger Distanz mikrofoniert, das Band notfalls rückwärts benutzt – und das quer durch Blues, Ballade und psychedelischen Krach angewendet. Nicht das Genre hält die elf Stücke zusammen, sondern die Machart.

Fast auf diesem Album

Hey Joe, Purple Haze, The Wind Cries Mary

Drei der bekanntesten Songs der Band entstanden in derselben Zeit wie das Album – und fehlen auf der britischen Originalausgabe trotzdem, weil Track Records Singles damals grundsätzlich nicht auf das folgende Album setzte. Bei „Purple Haze“, aufgenommen im Januar 1967, kam erstmals das Octavia-Pedal zum Einsatz, das Toningenieur Roger Mayer Hendrix kurz zuvor gebaut hatte; auf den Bändern für die US-Plattenfirma Reprise vermerkte man eigens: „Deliberate distortion. Do not correct.“

„The Wind Cries Mary“ wiederum entstand nach einem handfesten Streit mit Hendrix' damaliger Freundin Kathy Etchingham. Sie hat die Versöhnung später nüchtern beschrieben: „I smashed plates on the floor, [and] he swept them up … I went back after I'd cooled down and he'd already written it.“ Aufgenommen war der Song danach in gut zwanzig Minuten. Auf der US-Ausgabe des Albums wurden diese Singles später mit eingebaut, weshalb sich die amerikanische Titelliste bis heute deutlich von der britischen unterscheidet.

05Warum es einen Abend trägt

Rund neununddreißig Minuten, elf Tracks in der britischen Reihenfolge, kein Titel, der sich wegducken lässt. Das Album verlangt von Anfang an Lautstärke – „Foxy Lady“ beginnt mit einem Gitarrenschwall, der auf einer Anlage, die Dynamik überträgt, sofort den Raum füllt, nicht nur die Boxen.

Der Bogen der Platte führt von handfestem, bluesgesättigtem Bandspiel („Red House“, „I Don't Live Today“) zu einem Stück, das den Rahmen einer Band im Studio komplett verlässt: der Titeltrack, aufgebaut aus einem einzigen dröhnenden Akkord und rückwärts laufenden Spuren. Wer die Platte am Stück hört, merkt, wie weit diese elf Titel für ein einziges Debütalbum auseinanderliegen – und wie konsequent sie trotzdem klingen wie ein und dieselbe Band.

Wie James Joyce's Ulysses

Dass diese Konsequenz mehr war als ein Zufall des Jahres 1967, zeigt der Blick zurück. Rolling Stone führte das Album 2020 auf Platz 30 seiner Liste der 500 größten Alben und nannte es ein „epochal debut“ mit einer „exploitation of amp howl“, die „historic in itself“ sei. 2005 nahm die Library of Congress die Platte in ihr National Recording Registry auf, als „culturally, historically, or aesthetically significant“. Die Smithsonian-Kuratorin Reuben Jackson schrieb, das Album habe „the syntax of the music“ so verändert, „in a way I compare to James Joyce's Ulysses“, und der Musikjournalist Charles Shaar Murray fasste es so zusammen: Es habe „completely changed notions of what a guitar could sound like, or indeed, what music could sound like“.

Charts, damals und heute

In Großbritannien stieg das Album bis auf Platz 2 und blieb 33 Wochen in den Charts – ausgebremst, so berichten mehrere Quellen übereinstimmend, von Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band, das im selben Sommer erschien. In den USA erreichte die (anders zusammengestellte) Ausgabe Platz 5 und hielt sich 106 Wochen, davon 76 in den Top 40.

Innerhalb von sieben Monaten nach Erscheinen hatte sich die Platte weltweit mehr als eine Million Mal verkauft – von einer Band, die zu diesem Zeitpunkt noch keine zwölf Monate zusammen spielte.

Wie klingt eine Band, die noch keine zwölf Monate zusammenspielt und trotzdem ihr eigenes Studioband rückwärts laufen lässt, um einen neuen Song zu schreiben?