Musik Ungestört – ungestört & analog Termin anfragen

1966Albumvorschlag

Blonde on Blonde

Bob Dylan

Für ein einziges Stück ließ Bob Dylan eine ganze Nashville-Studioband bis in den frühen Morgen warten, während er nebenan am Tisch noch am Text schrieb.

Vierzehn Stücke, aufgenommen zwischen New York und Nashville, mit Musikern, die sonst Country-Hits einspielten und keine Ahnung hatten, wer da mit ihnen arbeitete. Was daraus wurde, nannte Dylan selbst Jahre später einen „dünnen, wilden Quecksilber-Sound“ – wie viel davon Plan war und wie viel Zufall, ist bis heute nicht restlos geklärt.

  • Laufzeitrund 73 Minuten
  • Titel14
  • Jahr1966
  • AufgenommenColumbia Studio A, New York City, und Columbia Music Row Studios, Nashville
Das Albumcover von Blonde on Blonde: ein unscharfes Schwarz-Weiß-Porträt von Bob Dylan im karierten Mantel mit Schal, aufgenommen an einer Straßenecke im Meatpacking District von New York.
Bob Dylan, Blonde on Blonde, Columbia Records 1966. Fotografie Jerry Schatzberg. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Rainy Day Women #12 & 354:36
  2. Pledging My Time3:50
  3. Visions of Johanna7:33
  4. One of Us Must Know (Sooner or Later)4:54
  5. I Want You3:07
  6. Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again7:05
  7. Leopard-Skin Pill-Box Hat3:58
  8. Just Like a Woman4:52
  9. Most Likely You Go Your Way and I'll Go Mine3:30
  10. Temporary Like Achilles5:02
  11. Absolutely Sweet Marie4:57
  12. 4th Time Around4:35
  13. Obviously 5 Believers3:35
  14. Sad Eyed Lady of the Lowlands11:23

Zum Cover

Ein Mann in kariertem Mantel und Schal, an einer Straßenecke, leicht unscharf. Aufgenommen hat das Bild Jerry Schatzberg, im Winter, an der West Street am äußersten westlichen Rand von Greenwich Village, damals ein Viertel voller Fleischgroßhändler und nicht der Ort, an dem man einen Plattenstar vermutet hätte.

Die Unschärfe war kein Konzept, sondern die Kälte. Schatzberg hat später erzählt, er und Dylan hätten schlicht gefroren und dabei gezittert: „we were just cold and the two of us were shivering.“ Schärfere Aufnahmen von derselben Sitzung existieren nach seinen Angaben, Dylan habe sich aber für das unscharfe Bild entschieden.

Wer das Cover fotografiert oder gestaltet hat außer Schatzberg, ist nicht überliefert – ebenso wenig, warum die Wahl auf genau dieses Motiv fiel und nicht auf eines der schärferen. Das Album selbst gibt darauf keine Antwort: Es ist eine der wenigen Coverentscheidungen dieser Ära, zu der Dylan sich öffentlich geäußert hat, ohne sie zu erklären.

Fotografie: Jerry Schatzberg
Label: Columbia Records, 1966
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„The closest I ever got to the sound I hear in my mind was on individual bands in the Blonde on Blonde album. It's that thin, that wild mercury sound. It's metallic and bright gold, with whatever that conjures up.“

Bob Dylan im Rückblick auf den Klang des Albums, in einem vielzitierten Interview von 1978

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Blonde on Blonde entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

In der Nacht vom 15. auf den 16. Februar 1966 sitzt eine Handvoll der besten Studiomusiker Nashvilles im Columbia-Studio an der Music Row und wartet. Nebenan, an einem Tisch, schreibt Bob Dylan an einem Text weiter, den er an diesem Nachmittag begonnen hat. Die Band hat ihre Instrumente längst gestimmt. Karten werden gespielt, es wird geraucht, es wird gewartet. Erst in den frühen Morgenstunden des 17. Februar ist der Text fertig, und die Aufnahme beginnt.

Elf Minuten und 23 Sekunden

Was dabei entsteht, ist „Sad Eyed Lady of the Lowlands“ – ein einziger Take, der am Ende elf Minuten und dreiundzwanzig Sekunden dauert und damit so lang ist, dass er später eine komplette Schallplattenseite der Doppel-LP für sich beansprucht. Schlagzeuger Kenny Buttrey hat die Verwirrung mitten im Stück später so beschrieben: Nach den ersten Minuten habe die Band gedacht, der Höhepunkt sei bereits erreicht – „we peaked five minutes ago. Where do we go from here?“ Dylan aber schrieb, sang und spielte einfach weiter.

Über das Schreiben selbst hat Dylan sich erinnert, wie sehr ihn der Text an diesem Tag mitgerissen habe: „I just sat down at a table and started writing … And I just got carried away with the whole thing … I just started writing and I couldn't stop.“ Für eine Band, die für Drei-Minuten-Songs engagiert und bezahlt wurde, hieß das: stundenlanges Warten auf einen Song, der am Ende so lang wurde wie vier gewöhnliche Nummern zusammen.

Was diese Nacht über das ganze Album sagt, steht in genau diesem Verhältnis von Geduld und Ungewissheit. Niemand im Raum wusste, wie lang das Stück würde, wohin es sich entwickelte oder ob es überhaupt fertig werden würde. Aufgenommen wurde es trotzdem, in einem Zug, ohne Schnitt.

Erzählt wird die Szene im Kern über Buttreys und Dylans eigene, später gegebene Schilderungen. Die genaue Dauer der Wartezeit – häufig als „mehrere Stunden“ beschrieben – ist in den Quellen nicht einheitlich beziffert; Datum und Studioort dagegen gelten als gesichert.

02Wie Blonde on Blonde entstand

Vor Nashville stand New York. Im Januar 1966 versuchte Dylan im Columbia Studio A an der Seventh Avenue, mit einer vertrauten Besetzung weiterzuarbeiten: Al Kooper an der Orgel, dazu Musiker, die teils auch bei The Band spielten, darunter Rick Danko am Bass und Bobby Gregg am Schlagzeug. Ergebnisse gab es, aber nicht die, die Dylan und Produzent Bob Johnston vorschwebten.

Johnston schlug etwas vor, das für einen Rockmusiker dieser Zeit ungewöhnlich war: nach Nashville zu wechseln und dort mit Studiomusikern der Music Row aufzunehmen – Leuten, die sonst Country- und Popsingles einspielten und mit Dylans Songs zunächst wenig anfangen konnten. Charlie McCoy, Wayne Moss, Kenny Buttrey, Joe South und Hargus „Pig“ Robbins bildeten den Kern dieser Band; aus New York reisten nur Kooper und der junge Gitarrist Robbie Robertson mit.

Aufgenommen wurde in zwei Blöcken, vom 14. bis 17. Februar und vom 8. bis 10. März 1966, jeweils im Columbia-Studio an der Music Row. Die Arbeitsweise war für die Nashville-Musiker gewöhnungsbedürftig: Dylan brachte Texte oft erst im Studio zu Ende, ließ die Band derweil warten, gab kaum Anweisungen zu Akkorden oder Arrangement und erwartete trotzdem, dass beim ersten oder zweiten Durchlauf etwas Brauchbares entstand. McCoy hat rückblickend beschrieben, wie wenig die Musiker zunächst wussten, wer da überhaupt mit ihnen arbeitete.

Wofür der Titel „Blonde on Blonde“ steht, hat Dylan selbst nie schlüssig erklärt – im Lauf der Jahre gab er dazu mehrere unterschiedliche, teils erkennbar scherzhafte Antworten. Eine verbindliche Deutung gilt bis heute als nicht gesichert.

Der 20. Juni 1966

Veröffentlicht wurde die fertige Doppel-LP nach langer Unsicherheit über das genaue Datum. Jahrzehntelang galt der 16. Mai 1966 als Erscheinungstermin, teils wurden auch Juni oder Juli genannt. Erst 2017 stellte der Dylan-Biograf Clinton Heylin anhand von Sonys eigener Datenbank den 20. Juni 1966 als tatsächliches Erscheinungsdatum fest. Columbia Records war das Label, produziert hat Bob Johnston.

03Der Klang

Wie dieser Klang zustande kam, hat Dylan selbst am genauesten benannt – zwölf Jahre nach Erscheinen, in einem vielzitierten Interview von 1978: „The closest I ever got to the sound I hear in my mind was on individual bands in the Blonde on Blonde album. It's that thin, that wild mercury sound.“ Eine technische Beschreibung ist das nicht, eher eine Umschreibung dessen, wie sich die Musik für ihn anfühlte: dünn und zugleich elektrisch, nie satt oder poliert.

McCoys Bass und Mundharmonika

Zu diesem Eindruck trug entscheidend die Nashville-Besetzung bei. Musiker, die im Alltag straffe Drei-Minuten-Nummern einspielten, mussten sich auf Songs einlassen, die mal doppelt so lang waren, mal kaum ein festes Arrangement hatten. Buttreys Schlagzeug bleibt dabei auffällig zurückhaltend, McCoys Bass und Mundharmonika halten die Stücke zusammen, ohne sie zu glätten. Das Ergebnis klingt streckenweise improvisiert, ohne es durchgehend zu sein.

Ein Detail, das die Zeit deutlich macht: Dylan war nach übereinstimmenden Angaben nur bei der Abmischung der Mono-Fassung anwesend, die 1966 für die meisten Hörer die maßgebliche Version war. Die separat entstandene Stereo-Abmischung wird in mehreren Quellen als eigenständige, ohne Dylans unmittelbare Beteiligung entstandene Arbeit beschrieben – ein Hinweis darauf, wie sehr Alben dieser Ära noch primär fürs Mono-Radio und den Mono-Plattenspieler gedacht waren.

Was man nicht behaupten sollte: dass diese Nashville-Sessions von Anfang an reibungslos liefen. Mehrere Berichte beschreiben lange Wartezeiten, verworfene Anläufe und Musiker, die zwischen Kartenspielen und kurzen, intensiven Aufnahmefenstern hin- und herwechselten. Der „dünne, wilde“ Klang ist insofern auch das Ergebnis eines Verfahrens, das wenig mit Studiodisziplin und viel mit Warten auf den richtigen Moment zu tun hatte.

Hörmoment

Visions of Johanna

Ein siebeneinhalbminütiges Stück, das nie so recht zur Ruhe kommt: Text, Gesang und Begleitung scheinen ständig kurz davor, auseinanderzudriften, und halten trotzdem zusammen. Kritiker zählen es bis heute zu den dichtesten Texten, die Dylan je geschrieben hat.

Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke innerhalb des Stücks genannt wird. Man muss die Stelle auch nicht suchen – das ganze Stück trägt dieselbe Spannung.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Vierzehn Stücke, verteilt auf vier Schallplattenseiten einer Doppel-LP – für ein Rockalbum war das 1966 eine ungewöhnliche Form. Der Musikkritiker Andy Gill hat die Bogenspannung des Albums so zusammengefasst: Es beginne mit einem Witz und ende mit einer Hymne, dazwischen wechsele sich Wortwitz mit einem durchgehenden Thema von Gefangensein ab. Tatsächlich eröffnet „Rainy Day Women #12 & 35“ mit einer betont ausgelassenen, fast klamaukigen Blaskapellen-Nummer, während den Schluss die elf Minuten von „Sad Eyed Lady of the Lowlands“ bilden.

Dazwischen liegen Liebeslieder, Abrechnungen und surreale Bildergeschichten, die sich in Ton und Tempo stark unterscheiden – von der Beschleunigung in „Leopard-Skin Pill-Box Hat“ bis zur getragenen Ballade „Just Like a Woman“. Was die Stücke zusammenhält, ist weniger ein wiederkehrendes musikalisches Motiv als eine durchgehende Erzählhaltung: eine Stimme, die zwischen Spott, Zärtlichkeit und Verzweiflung wechselt, oft innerhalb desselben Songs.

Mitten im Chaos

Der Dylan-Biograf Robert Shelton hat das Album als Abschluss einer Werkphase beschrieben, die mit „Bringing It All Back Home“ begonnen hatte – eine „hallmark collection“, die diesen ersten großen Rock-Zyklus vollende. Der Musikjournalist Michael Gray hat es pointierter formuliert: Während der Vorgänger „Highway 61 Revisited“ mit chirurgischer Schärfe von außen auf den Wahnsinn blicke, biete „Blonde on Blonde“ eine Erzählfigur, die selbst mitten im Chaos treibe.

Die Gegenstimme sollte man kennen. Nicht jede Bewertung des Albums ist über die Jahrzehnte gleich geblieben: 2003 führte Rolling Stone es auf Platz 9 der „500 Greatest Albums of All Time“, 2020 rutschte es in derselben Liste auf Platz 38 zurück. Ein Album, dessen Rang so schwankt, ist offenbar keines, über das sich alle einig sind – wohl aber eines, über das seit sechzig Jahren weitergestritten wird.

Eine Randnotiz zum Mix

Mono oder Stereo

Wer heute eine Stereo-Ausgabe hört, hört nicht zwangsläufig das, wofür Dylan 1966 persönlich verantwortlich zeichnete. Mehreren Quellen zufolge war er nur bei der Mono-Abmischung anwesend, die zur Erscheinungszeit als die eigentliche Fassung des Albums galt.

Die Stereo-Fassung entstand demnach separat und ohne seine direkte Beteiligung – ein Grund, warum Sammler und Kritiker bis heute über kleine Unterschiede zwischen beiden Versionen diskutieren.

05Warum es einen Abend trägt

Rund dreiundsiebzig Minuten, vierzehn Tracks, verteilt auf vier Schallplattenseiten – für einen einzelnen Hörabend ist das eine ungewöhnlich lange Strecke, und genau darin liegt die Besonderheit. Ein Album dieser Länge verlangt von einer Runde etwas, das ein Fünfundvierzig-Minuten-Album nicht verlangt: Geduld, die sich erst nach und nach auszahlt.

Die erste Hälfte hält ein hohes Tempo, wechselt zwischen Spott und Zärtlichkeit, bleibt unruhig. In der zweiten Hälfte verlangsamt sich das Album spürbar, bis es in den letzten elf Minuten in eine einzige, ausgedehnte Stimmung kippt. Man muss „Sad Eyed Lady of the Lowlands“ nicht kennen, um zu merken, dass hier etwas anderes beginnt: Der Rhythmus wird träger, der Text ausufernder, und in einer Hörrunde wird es an dieser Stelle regelmäßig sehr still.

Kein Song für nebenbei

Ehrlich muss man sagen, was das Album verlangt: Wer schnelle Höhepunkte und klare Refrains erwartet, wird streckenweise enttäuscht. Vieles hier ist assoziativ, manches bewusst sperrig, und der Schluss ist mit elf Minuten kein Song für nebenbei. Wer sich darauf einlässt, bekommt dafür etwas, das ein kürzeres Album nicht bieten kann: eine Doppel-LP, die sich anhört wie eine durchgehende, lange Nacht – vom ausgelassenen Auftakt bis zum Verklingen der letzten Zeile.

Zurück gibt das Album eine Aufnahmegeschichte, die man den Stücken nicht sofort ansieht: Musiker aus einer völlig anderen Musikwelt, die sich in Dylans Songs hineinarbeiten mussten. Eine Band, die stundenlang wartete, ohne zu wissen, worauf. Und ein Schlusslied, das so lange wurde, wie es eben werden musste. Nach der letzten Zeile von „Sad Eyed Lady of the Lowlands“ muss niemand sofort etwas sagen.

Eine gemeinsame Geschichte

In den USA erreichte das Album Platz 9 der Billboard-Albumcharts, in Großbritannien Platz 3. In den USA wurde es später mit Doppel-Platin ausgezeichnet, in Großbritannien mit Platin. 1999 nahm die Grammy Hall of Fame das Album auf, 2006 führte es das Time-Magazine unter den 100 wichtigsten Alben aller Zeiten.

Wie stark sich Wertungen über Jahrzehnte verschieben können, zeigt ein Blick auf Ranglisten: 1974 wählten Autoren des NME es auf Platz 2 aller Zeiten, 1997 landete es bei einer Publikumsumfrage von HMV, Channel 4, dem Guardian und Classic FM auf Platz 16. Solche Listen sind Momentaufnahmen einer jeweiligen Zeit – die Platte selbst hat sich seit 1966 nicht verändert.

Wie hört sich ein Album an, für dessen letztes Stück eine ganze Studioband eine Nacht lang warten musste?