1973Albumvorschlag
Head Hunters
Herbie Hancock
Vier Stücke, fünf Musiker, eine afrikanische Maske. Mit Head Hunters beschloss ein Jazzpianist, dass man zu seiner Musik auch tanzen darf.
Herbie Hancock hatte drei Alben lang mit seinem Mwandishi-Sextett eine offene, frei schwebende Musik gespielt. 1973 stellte er eine neue Band zusammen und nahm in San Francisco vier lange Stücke auf, die näher bei Sly Stone und James Brown lagen als beim Jazz der Clubs. Das Album erreichte Platz 13 der amerikanischen Albumcharts und wurde für einige Jahre das meistverkaufte Jazzalbum überhaupt.
- Laufzeitrund 42 Minuten
- Titel4
- Jahr1973
- AufgenommenWally Heider Studios und Different Fur Trading Co., San Francisco (August–September 1973)
Tracklist
- Chameleon15:41
- Watermelon Man6:29
- Sly10:18
- Vein Melter9:10
Zum Cover
In der Mitte sitzt Herbie Hancock, das Gesicht verborgen hinter einer Maske. Es ist eine Kple-Kple-Maske, wie sie das Volk der Baoulé in der Elfenbeinküste kennt. Um ihn herum, im Uhrzeigersinn von unten links, sind die anderen vier zu sehen: Harvey Mason, Paul Jackson, Bennie Maupin und Bill Summers. Darüber läuft der Titel in bunten, im Bogen gesetzten Buchstaben.
Gestaltet hat das Cover Victor Moscoso, der in den Sechzigern mit psychedelischen Konzertplakaten in San Francisco bekannt wurde. Das Foto stammt laut den Angaben auf der Platte von Waldo Bascom.
Die Maske passt zum Titel und zur Musik. Hancock wollte einen Namen, der zugleich erdverbunden, intellektuell und sinnlich klingt. Das Bild zeigt genau diese Mischung: ein Musiker, der sich hinter etwas Uraltem versteckt, umgeben von seiner Band.
Gestaltung: Victor Moscoso
Foto: Waldo Bascom
Label: Columbia Records (USA), CBS (Europa), 1973
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„I was tired of doing music that was untethered. I had this inner need at that point to do something that was earthier.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Head Hunters entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Seit 1972 praktizierte Hancock Nichiren-Buddhismus. Dazu gehört das Rezitieren der Formel „Nam-myoho-renge-kyo“. In einem Interview mit dem amerikanischen Radiosender NPR hat er erzählt, wie ihm während des Chantens plötzlich ein Song von Sly Stone durch den Kopf ging. Er habe begonnen, sich seine eigene Band vorzustellen, wie sie diese funkige Musik spielt. „I made a change in my life at that point. And I decided that this is something I want to explore.“
Sly Stones „Thank You (Falettinme Be Mice Elf Agin)“ gehörte damals zu seinen Lieblingsstücken, obwohl er selbst etwas ganz anderes spielte.
Ein Risiko mit Ansage
Leicht fiel ihm der Schritt nicht. Hancock hat später eingeräumt, dass er Funk lange für weniger wert hielt als Jazz. Ihm war klar, was auf dem Spiel stand: „I was taking a risk because I might not get a new audience and might alienate the one I already had, but I knew I had to be true to myself.“
02Wie Head Hunters entstand
Vor Head Hunters lagen drei Alben mit dem Mwandishi-Sextett: Mwandishi, Crossings und Sextant, erschienen zwischen 1971 und 1973. Aus dieser Band behielt Hancock nur den Holzbläser Bennie Maupin. Neu dazu kamen der Bassist Paul Jackson, der Schlagzeuger Harvey Mason und der Perkussionist Bill Summers. Eine Gitarre gab es bewusst nicht, ihren Platz übernahm Hancocks Hohner Clavinet. Auch die Synthesizer spielte er diesmal ganz allein.
Aufgenommen wurde in zwei Studios in San Francisco, den Wally Heider Studios und dem Different Fur Trading Co. Produziert haben Hancock und David Rubinson, der schon die Mwandishi-Alben betreut hatte.
Skepsis bei der Plattenfirma
Bei Columbia war man zunächst wenig begeistert. In seiner Autobiografie Possibilities schreibt Hancock sinngemäß, nur der Mitarbeiter, der sich um die Promotion an den Colleges kümmerte, habe die Platte gemocht. Am 26. Oktober 1973 erschien sie trotzdem.
03Der Klang
„Chameleon“ beginnt mit dem Basslauf, für den das Album bis heute bekannt ist. Hancock spielt ihn nicht auf einem Bass, sondern auf einem ARP-Odyssey-Synthesizer. Das Stück ruht auf nur zwei Akkorden, darüber wechseln sich Hancock und Maupin mit Soli ab. Über fünfzehn Minuten baut sich die Musik langsam auf, fällt in sich zusammen und findet zum Groove zurück.
„Sly“ ist Sly Stone gewidmet und klingt deutlich wilder, fast wie eine Erinnerung an die Mwandishi-Zeit. „Vein Melter“ am Ende ist langsam und weich, getragen von Hancocks Fender Rhodes und Maupins Bassklarinette.
Genau hingehört
Eine Flasche als Flöte
„Watermelon Man“ ist das einzige ältere Stück. Hancock hatte es schon 1962 auf seinem Debüt Takin' Off veröffentlicht, Mongo Santamaría machte es danach zum Hit. Für Head Hunters arbeiteten Hancock und Mason es neu aus. Am Anfang und am Ende bläst Bill Summers in Bierflaschen. Er ahmt damit den Hindewhu nach, einen Wechsel aus Pfeifton und Stimme aus der Musik der Pygmäen Zentralafrikas. Die Anregung kam von einer Schallplatte mit Feldaufnahmen des Musikethnologen Simha Arom.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Head Hunters ist aufgebaut wie ein Konzertabend. Die erste Seite bringt mit „Chameleon“ und „Watermelon Man“ den Groove, die zweite wird mit „Sly“ freier und unruhiger. „Vein Melter“ nimmt die Spannung dann ganz heraus. Man spürt, dass hier fünf Musiker miteinander spielen und nicht nacheinander aufgenommen wurden.
Von der Kritik gescholten, vom Publikum gekauft
Nicht alle waren überzeugt. Der Journalist Lee Underwood nannte die Musik „commercial rubbish“. Das Publikum sah es anders: In den USA kam das Album auf Platz 13 der Popcharts, auf Platz 2 der R&B-Charts und auf Platz 1 der Jazzcharts. Bis George Bensons Breezin' 1976 war es das meistverkaufte Jazzalbum. 1986 zeichnete die RIAA es mit Platin aus. 2008 nahm die Library of Congress es in das National Recording Registry auf.
05Warum es einen Abend trägt
Zweiundvierzig Minuten, zwei Stücke pro Seite. Das ist wenig Unterbrechung und viel Zeit, sich in eine Musik hineinzuhören. Wer sonst keinen Jazz hört, braucht hier kein Vorwissen. Der Einstieg ist ein Basslauf, zu dem fast jeder mit dem Kopf nickt, lange bevor die Soli beginnen.
Groove zuerst
Gerade auf einer Bandmaschine zeigt sich, wie viel in dieser Musik passiert. Summers' Perkussion liegt in vielen kleinen Schichten unter dem Groove, Clavinet und Bass greifen ineinander. Nach „Watermelon Man“ wird die Seite gewechselt, und „Sly“ holt alle noch einmal nach vorn. Wenn am Ende „Vein Melter“ ausklingt, ist der Raum ruhig, aber wach.
Wie weit kann sich Musik vom Jazz entfernen, bevor sie aufhört, Jazz zu sein?
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1973
Im selben Jahr, ebenfalls fast allein mit Synthesizern gebaut und ebenso tanzbar.
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