1975Albumvorschlag
Horses
Patti Smith
Acht Songs, dreiundvierzig Minuten, ein Gedicht als erste Zeile. Horses klingt, als hätte eine Lyrikerin eine Rock-'n'-Roll-Band gefunden, die ihr überallhin folgt.
Patti Smith kam nicht als Sängerin zur Musik, sondern als Dichterin. Aus ihren Lesungen im New Yorker East Village wurde über vier Jahre eine Band, aus der Band ein Plattenvertrag. Im September 1975 nahm sie ihr erstes Album auf, mit John Cale als Produzent und mit vielen Konflikten. Herausgekommen ist eine Platte, die bis heute als einer der Anfänge des Punk gilt.
- Laufzeitrund 43 Minuten
- Titel8
- Jahr1975
- AufgenommenElectric Lady Studios, New York (September 1975)
Tracklist
- Gloria: In Excelsis Deo5:54
- Redondo Beach3:24
- Birdland9:16
- Free Money3:47
- Kimberly4:26
- Break It Up4:05
- Land: Horses / Land of a Thousand Dances / La Mer(de)9:36
- Elegie2:42
Zum Cover
Eine junge Frau in weißem Hemd, ungeschminkt, die Haare ungekämmt, lehnt vor einer hellen Wand. Ein dunkles Jackett hängt lässig über ihrer Schulter. Sie schaut direkt in die Kamera. Das Bild ist schwarz-weiß, schlicht, fast karg, und hatte wenig mit den Fotos gemein, die Plattenfirmen damals von Sängerinnen machten.
Das Foto stammt von Robert Mapplethorpe, Smiths engem Freund aus gemeinsamen New Yorker Jahren. Er fotografierte sie in der Penthouse-Wohnung seines Partners Sam Wagstaff an der Fifth Avenue, bei natürlichem Licht aus einem Eckfenster. Mapplethorpe wollte ein Dreieck aus Licht und Schatten an der Wand nutzen, der Tag war bewölkt. Er machte zwölf Aufnahmen. Das weiße Hemd hatte Smith nach eigener Aussage in einem Heilsarmee-Laden an der Bowery gekauft, das Jackett trug sie über der Schulter, wie sie es von Fotos Frank Sinatras kannte.
Bei Arista gab es Bedenken, das Bild sei zu ungewohnt. Retuschen lehnte Smith ab. Clive Davis schrieb später, er habe schließlich entschieden, ihrem künstlerischen Instinkt zu vertrauen. In ihrem Buch Just Kids schreibt Smith über das Foto: „When I look at it now, I never see me. I see us.“
Foto: Robert Mapplethorpe
Gestaltung: Bob Heimall
Label: Arista Records, 1975
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„Horses didn't just come out of the air. It evolved organically from my first poetry reading.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Horses entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Am 10. Februar 1971 las Patti Smith zum ersten Mal öffentlich ihre Gedichte, im Vorprogramm des Dichters Gerard Malanga beim Poetry Project in der St. Mark's Church. Der Ort hatte Gewicht: Hier hatten Allen Ginsberg und William Burroughs gelesen. Smith bat den Gitarristen und Musikjournalisten Lenny Kaye, einige ihrer Texte mit „interpretive electric guitar“ zu begleiten.
Sie wollte nicht einfach dastehen und vorlesen, hat sie später erzählt. Sie wollte ihre Gedichte so vortragen, wie sie es bei Jim Morrison, Jimi Hendrix und den Beat-Dichtern gelernt hatte, und ein wenig singen.
Ein Gedicht wird ein Song
An diesem Abend las sie auch ein Gedicht namens „Oath“. Seine erste Zeile eröffnet vier Jahre später das Album: „Jesus died for somebody's sins but not mine“. Viele Gedichte aus dieser Lesung, so Smith, hätten ihren Weg auf Horses gefunden.
02Wie Horses entstand
Aus dem Duo mit Kaye wurde nach und nach eine Band. Der Pianist Richard Sohl kam dazu, über eine Anzeige in der Village Voice der Gitarrist und Bassist Ivan Král, zuletzt der Schlagzeuger Jay Dee Daugherty. Im Frühjahr 1975 spielte die Gruppe zwei Monate lang regelmäßig im CBGB, gemeinsam mit Television. Die Abende waren gut besucht, und Clive Davis, Chef des jungen Labels Arista, bot Smith einen Vertrag an.
Im September 1975 ging die Band in die Electric Lady Studios in Greenwich Village, das Studio, das Jimi Hendrix gebaut hatte. Als Produzenten holte Smith John Cale, früher bei The Velvet Underground. Sein Soloalbum Fear hatte sie beeindruckt.
Aquarell und Spiegel
Die Zusammenarbeit war schwierig. Cale wollte eine stärker arrangierte Platte, die Band wollte die Spontaneität ihrer Konzerte festhalten. Laut Cale spielten die Musiker anfangs mit abgenutzten Instrumenten verstimmt, er ließ neue besorgen. Smith sagte 1976 dem Rolling Stone: „I went to pick out an expensive watercolor painting and instead I got a mirror.“ Cale beschrieb die Arbeit Jahre später als Begegnung einer unaufhaltsamen Kraft mit einem unbeweglichen Gegenstand. Am Ende stand ein Kompromiss: Einige Stücke wurden sorgfältig geschichtet, andere blieben so roh wie auf der Bühne.
03Der Klang
Horses besteht im Kern aus wenig: Sohls Klavier, Kayes Gitarre, Králs Bass, Daughertys Schlagzeug und Smiths Stimme, die spricht, singt, ruft und flüstert. Die Band spielt einfach und direkt. Einige britische Kritiker hielten das damals für Unvermögen. Andere hörten genau darin die Stärke.
Die langen Stücke wachsen aus Gedichten. „Birdland“ geht auf A Book of Dreams zurück, die Erinnerungen von Peter Reich an seinen Vater, den Psychoanalytiker Wilhelm Reich. „Land“ entstand weitgehend improvisiert im Studio und mündet in „Land of a Thousand Dances“. Sein erster Teil trägt den Titel „Horses“ und gab dem Album seinen Namen.
Genau hingehört
Gäste und ein Jahrestag
Tom Verlaine von Television spielt Gitarre auf „Break It Up“, Allen Lanier von Blue Öyster Cult auf „Elegie“. Dieses letzte Stück wurde am 18. September 1975 aufgenommen, dem fünften Todestag von Jimi Hendrix, im Studio, das er gebaut hatte. Gedacht ist es als Andenken an ihn und an andere früh verstorbene Musiker.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Horses beginnt mit einer Kampfansage und endet mit einer Totenklage. Dazwischen liegen ein Stück über Smiths Mutter und ihren Traum vom großen Geld, ein Lied für ihre jüngere Schwester, zwei lange Traumreisen. Die Platte folgt keiner Handlung, aber einer Bewegung: von der Behauptung des eigenen Ichs hin zur Erinnerung an andere.
Smith wünschte sich als Erscheinungstag den 20. Oktober, den Geburtstag des Dichters Arthur Rimbaud. Wegen Vinylknappheit wurde es der 10. November, sein Todestag. Smith fand das passend.
Ein Anfang mit Folgen
In den USA kam das Album auf Platz 47 der Billboard-Charts, bei wenig Radioeinsatz. Die Kritik war sich weitgehend einig: Im Jahresrückblick der Village Voice landete Horses auf Platz zwei. Charles Shaar Murray nannte es im NME „an album in a thousand“. 2009 nahm die Library of Congress die Platte in ihr National Recording Registry auf.
05Warum es einen Abend trägt
Dreiundvierzig Minuten, zwei Seiten mit je vier Stücken, und jede Seite hat ihren eigenen Bogen. Beide steigern sich zu einem Stück von über neun Minuten, danach wird es wieder ruhiger. Wer die Platte am Stück hört, erlebt, wie aus einem Gedicht Musik wird und wie die Band Smith folgt, ohne zu wissen, wohin es geht.
Zwei Seiten, zwei Reisen
Auf einer analogen Bandmaschine wird hörbar, was Cale und die Band gegeneinander verteidigt haben: das Rohe, das Unfertige, der Atem zwischen den Zeilen. Wenn „Elegie“ nach knapp drei Minuten verklingt, weiß man, warum man dieses Album nicht in Einzelteilen hören sollte.
Was bleibt von einem Gedicht, wenn eine Band es laut macht?
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Television
Marquee Moon
1977
Die Band, mit der Patti Smith im CBGB auftrat, zwei Jahre später mit eigenem Debüt.
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The Velvet Underground & Nico
The Velvet Underground & Nico
1967
Hier spielte John Cale selbst, acht Jahre bevor er Horses produzierte.
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Blondie
Parallel Lines
1978
Aus derselben New Yorker Szene, aber mit dem Blick auf die Hitparade.
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