2013Albumvorschlag
Immunity
Jon Hopkins
Acht Stücke, sechzig Minuten, ein kleiner Raum in East London. Immunity beginnt mit einem Schlüssel, der sich im Schloss dreht, und endet mit den Geräuschen einer Straße kurz vor Sonnenaufgang.
Jon Hopkins war 2013 kein Unbekannter mehr. Er hatte mit Brian Eno und Coldplay gearbeitet und mit dem schottischen Sänger King Creosote das Album Diamond Mine gemacht, das für den Mercury Prize nominiert war. Sein viertes eigenes Album sollte tanzbarer werden als alles davor. Es wurde eine Platte, die sich anfühlt wie eine lange Nacht, von der Tür bis zum Morgengrauen.
- Laufzeitrund 60 Minuten
- Titel8
- Jahr2013
- AufgenommenStudio von Jon Hopkins, Hackney, East London (2012–2013)
Tracklist
- We Disappear4:50
- Open Eye Signal7:48
- Breathe This Air5:29
- Collider9:21
- Abandon Window4:57
- Form by Firelight5:45
- Sun Harmonics11:54
- Immunity9:56
Zum Cover
Das Bild auf dem Cover stammt nicht aus einem Grafikprogramm und ist keine Malerei. Es ist eine Aufnahme durch ein Mikroskop: Lebensmittelfarbe, die auskristallisiert ist, fotografiert im polarisierten Licht, bei starker Vergrößerung. Was wie Splitter oder Nadeln aus Licht aussieht, ist nur wenige Mikrometer groß.
Gemacht hat die Aufnahmen Linden Gledhill, ein Biochemiker, der das Mikroskop als künstlerisches Werkzeug nutzt. Er filmte, wie Farbstoffe wie Allurarot und Tartrazin kristallisieren, mit einer Spiegelreflexkamera auf einem Olympus-Forschungsmikroskop. Art Director Craig Ward brachte ihn mit Hopkins zusammen. Für jedes der acht Stücke entstand ein eigenes Bild, später auch Videos, die Hopkins bei seinen Konzerten zeigte.
Hopkins sah darin eine Verwandtschaft zu seiner eigenen Arbeit. Er nimmt Geräusche auf, hebt die Höhen an, um zu hören, was darin verborgen ist, und verlangsamt sie dann. Ein Klang wird unter die Lupe genommen, bis er etwas Neues zeigt. Genau das tun die Bilder auch.
Foto: Linden Gledhill
Gestaltung: Craig Ward
Label: Domino Records, 2013
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„The way I make sounds is to investigate microscopic levels within sounds.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Immunity entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Das erste Geräusch auf Immunity ist kein Ton, sondern ein Schlüssel. Man hört, wie Hopkins die Tür zu seinem Studio in East London aufschließt, die Tür fällt zu, Schritte. Dann setzt die Bassdrum von „We Disappear“ ein. Der Hörer wird buchstäblich mit in den Raum genommen, in dem die Musik entstanden ist.
Das Ende ist ebenso konkret. In der Nacht vor dem Mastering ging Hopkins gegen vier Uhr morgens vor die Tür und nahm auf, was draußen gerade zu hören war: seine Schritte, ein vorbeifahrendes Auto, die Stadt in der Nacht. Diese Aufnahme liegt nun im Übergang von „Sun Harmonics“ zu „Immunity“.
Ein Moment, festgehalten
Hopkins hat den Grund dafür erklärt. Die Stelle klang ihm zu flach, sie brauchte Leben: „I had the idea to record what was going on outside at that minute, preserving that moment on record.“ So hat das Album einen echten Anfang und ein echtes Ende, eine Tür am Abend und eine Straße am Morgen.
02Wie Immunity entstand
Hopkins arbeitete rund acht bis neun Monate an dem Album, allein in seinem Studio in Hackney, einem kleinen Raum voller Keyboards. Er baute jedes Stück Schicht für Schicht und mischte es auch selbst, bis auf die letzten zwei Minuten eines Stücks. Das Konzept ergab sich erst unterwegs: Nach etwa vier Monaten begann er, die Stücke als Ganzes zu sehen.
Vieles begann mit einem Zufall. „We Disappear“ entstand, als Hopkins mit einem Stift auf einen Tisch trommelte, das mit dem Telefon aufnahm und Keyboards darüberlegte. Ein Feuerwerk in der Nähe des Olympiaparks, im Sommer 2012 aus der Ferne aufgenommen, wurde verlangsamt und zu einem Teil der Musik.
Wie verliebt
Er hat die Arbeit an dem Album als eine der schönsten Erfahrungen beschrieben, die er je beim Schreiben hatte. Freunde, die ihn in dieser Zeit sahen, sagten ihm, er wirke wie verliebt. Das hört man: Immunity klingt nicht nach Pflicht, sondern nach jemandem, der jeden Tag gern in diesen Raum zurückkehrt.
03Der Klang
Immunity ist elektronische Musik, aber fast nichts darauf kommt aus einem Computer. Hopkins verwendete keine Software-Synthesizer, sondern Geräte: einen Korg MS-20, einen geliehenen Roland SH-09, ein Korg Trinity und vor allem sein Yamaha-Klavier, an dem er seit seinem achten Lebensjahr spielt. Viele der Flächen und Chöre auf dem Album sind bearbeitetes Klavier oder seine eigene Stimme, beschleunigt und in viel Hall gelegt.
Dazu kommen Klänge aus dem Alltag: Tischplatten, Salzstreuer, ein klirrendes Fenster. Hopkins nimmt dabei bewusst nur in CD-Qualität auf, 16 Bit und 44,1 Kilohertz, nie höher. Es gehe ihm um die Wirkung, nicht um technische Werte.
Genau hingehört
Das knarrende Pedal
Im Titelstück, ganz am Ende des Albums, hört man neben Klavier und King Creosotes leiser Stimme ein Knarren. Es ist das Pedal von Hopkins' Klavier, aufgenommen mit kleinen Ansteckmikrofonen. Andere hätten es herausgeschnitten. Hopkins hat es behalten, weil es zu diesem Instrument gehört. Auf einer ruhigen Anlage klingt es, als säße jemand ganz nah im Raum.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Das Label hat Immunity als Bogen einer langen Nacht beschrieben, und Hopkins hat das halb bestätigt: Der Verlauf des Albums sei von diesem Weg der Gefühle inspiriert, die einzelnen Stücke aber handelten von abstrakteren Dingen. Die erste Hälfte treibt nach vorn, mit „Open Eye Signal“ und dem neunminütigen „Collider“ als dunklem Höhepunkt. Danach wird es weiter und ruhiger, bis „Sun Harmonics“ und „Immunity“ fast nur noch schweben.
Eine Stunde, die länger wirkt
Der Observer schrieb, das Album dauere genau eine Stunde, fühle sich aber viel länger an, und fange das Gefühl einer ganzen Nacht ein. Immunity wurde 2013 für den Mercury Prize nominiert und von vielen Kritikern als eines der besten elektronischen Alben des Jahres genannt. Pitchfork setzte es später auf eine Liste der besten IDM-Alben aller Zeiten.
05Warum es einen Abend trägt
Auf Vinyl verteilt sich Immunity auf vier Seiten, zwei Stücke pro Seite. Das zwingt zu Pausen, und die tun dem Album gut. Nach „Collider“ am Ende der zweiten Seite braucht man einen Moment, bevor die ruhigere Hälfte beginnt. Die letzte Seite allein dauert fast zweiundzwanzig Minuten.
Hypnose statt Party
Hopkins hat gesagt, bei Immunity gehe es viel mehr darum, einen hypnotischen Raum zu schaffen, den man genießen kann, als um den Club. Genau so funktioniert es an einem Abend auf einer guten Anlage: Die Bässe haben Gewicht, die kleinen Geräusche haben Platz. Wenn am Ende das Klavier verklingt und draußen auf der Aufnahme die Straße erwacht, ist man selbst ein Stück weit mitgekommen.
Wann haben Sie zuletzt eine ganze Nacht in einer Stunde erlebt?
Weiterhören
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Aphex Twin
Selected Ambient Works 85–92
1992
Einundzwanzig Jahre früher: Techno und Ambient aus einem Kinderzimmer.
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Four Tet
Rounds
2003
Zehn Jahre früher: Elektronik, die ebenfalls aus kleinen Alltagsgeräuschen entsteht.
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Brian Eno
Ambient 1: Music for Airports
1978
Fünfunddreißig Jahre früher: Ambient von Brian Eno, mit dem Hopkins später zusammenarbeitete.
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