1978Albumvorschlag
Ambient 1: Music for Airports
Brian Eno
Vier Stücke, zweiundvierzig Minuten, zweiundzwanzig Tonbandschleifen. Music for Airports ist Musik, die man überhören darf und die trotzdem jedes Mal anders klingt, wenn man ihr zuhört.
Brian Eno wartete 1977 an einem Sonntagmorgen am Flughafen Köln/Bonn auf seinen Flug. Das Licht war schön, die Musik aus den Lautsprechern nicht. Daraus entstand die Idee einer Musik, die einen Raum nicht übertönt, sondern ihm etwas hinzufügt. Er nannte sie Ambient Music, und dieses Album gab dem Wort seine Bedeutung.
- Laufzeitrund 42 Minuten
- Titel4
- Jahr1978
- AufgenommenLondon und Conny Planks Studio bei Köln (1976–1978)
Tracklist
- 1/116:30
- 2/18:20
- 1/211:30
- 2/26:00
Zum Cover
Eine Landschaft wie aus dem Flugzeugfenster gesehen, unscharf und ohne Namen. Feine Linien ziehen sich durch die Fläche, sie könnten Flüsse sein, Äste oder Linien auf einer alten Karte. Die Farben sind gedämpft, grüne und bräunliche Erdtöne. Unten rechts steht ein einzelnes großes „T“, das auf keinen bestimmten Ort verweist. Die Schrift ist schlichte Helvetica.
Gestaltet hat das Cover Eno selbst. Auf der Rückseite zeigt er vier grafische Partituren, eine für jedes Stück. Weil Eno keine Noten lesen und schreiben kann, zeichnete er die Struktur der Stücke mit Punkten, Linien und Kreisen. Es sind keine Spielanweisungen, eher Bilder davon, wie die Musik gebaut ist.
Das Bild passt genau zu dem, was die Musik will. Es zeigt keinen Flughafen, keine Flugzeuge, keine Menschen. Es zeigt den Blick von oben, wenn unten alles still und weit wird.
Gestaltung: Brian Eno
Label: E.G. Records / Polydor, 1978
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„The light was beautiful, everything was beautiful, except they were playing awful music.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Music for Airports entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Eno hat von diesem Sonntagmorgen in Köln oft erzählt. Er fand es falsch, dass sich niemand Gedanken darüber machte, welche Musik an solchen Orten läuft. Die übliche Flughafenmusik sei fröhlich und sage im Grunde: Keine Sorge, Sie werden schon nicht abstürzen. Er wollte eine Musik, die ehrlicher mit der Lage umgeht.
Er stellte sich einen idealen Flughafen vor, spät in der Nacht, wenige Menschen, durch die getönten Scheiben sieht man Flugzeuge starten. Für diesen Ort schrieb er das Album. Er hat es einmal, halb im Ernst, als Musik beschrieben, die einen mit der Möglichkeit des Todes versöhnt.
Ignorierbar und interessant
In den Liner Notes vom September 1978 hat Eno seine Idee genau formuliert. Ambient Music solle verschiedene Stufen der Aufmerksamkeit zulassen, ohne eine davon zu erzwingen. Sie müsse „as ignorable as it is interesting“ sein, so leicht zu überhören wie spannend. Damit grenzte er sich bewusst von Kaufhausmusik ab, die nur Stille überdecken soll. Für einen Hörabend ist das eine schöne Einladung: Man darf zuhören, aber man muss nicht.
02Wie Music for Airports entstand
Das Rohmaterial ist älter als die Idee. Laut Berichten entstand ein Teil davon 1976, in der Zeit, als Eno mit David Bowie an Low arbeitete. In London nahm er eine Improvisation auf, bei der unter anderen Robert Wyatt Klavier spielte. Drei Sängerinnen, Christa Fast, Christine Gomez und Inge Zeininger, sangen einzelne lang gehaltene Töne ein. Das letzte Stück, „2/2“, entstand in Conny Planks Studio bei Köln.
Aus diesen Aufnahmen schnitt Eno kurze Stücke und klebte die Bandenden zusammen, sodass endlose Schleifen entstanden. Jede Schleife hatte eine andere Länge. Er ließ sie gleichzeitig laufen und nahm auf, was dabei passierte.
Zweiundzwanzig Schleifen
„There were twenty-two loops … I just set all of these loops running and let them configure in whichever way they wanted to“, sagte Eno. Das Ergebnis klinge überhaupt nicht mechanisch oder berechnet. Ganz dem Zufall überließ er es trotzdem nicht: Einen Klavierton, der ihm an der falschen Stelle erschien, nahm er wieder heraus.
03Der Klang
Die vier Stücke haben keine Namen, nur Nummern: erste Seite, erstes Stück heißt „1/1“ und so weiter. „1/1“ lebt vom Klavier, zwei Schleifen, auf halbe Geschwindigkeit verlangsamt und dadurch eine Oktave tiefer. In „2/1“ und „1/2“ tragen die Stimmen der drei Sängerinnen, jede nur ein langes „Ah“. „2/2“ kommt allein von einem ARP-2600-Synthesizer.
Über diesen Klang sagte Eno, er hätte ihn mit keinem anderen Synthesizer bekommen. Das Besondere sei, dass er verlangsamt ist und drei Arten von Echo darauf liegen.
Genau hingehört
Das leicht verstimmte Klavier
Hören Sie in „1/1“ genau auf das Klavier. Durch das Verlangsamen klingt es weich und dunkel, und es ist nicht ganz sauber gestimmt. Gerade das gibt dem Stück seine wehmütige Farbe. Die Töne kommen in unregelmäßigen Abständen, weil die Schleifen unterschiedlich lang sind. Auf einer ruhigen Anlage hört man, wie sich die Pausen dazwischen immer wieder anders anfühlen.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
In „2/1“ laufen sieben Stimmschleifen, jede zwischen gut zwanzig und fast dreißig Sekunden lang. Weil die Längen nicht zueinander passen, treffen die Töne fast nie zweimal gleich aufeinander. Es gibt keine Melodie, die sich wiederholt, und trotzdem nie Unruhe. Das Album funktioniert als Ganzes, weil es keine Höhepunkte kennt, nur Zustände.
Erst verspottet, dann Vorbild
Viele Kritiker konnten 1978 wenig damit anfangen. Robert Christgau nannte es später „a bore“, ein anderer Rezensent sprach von Hintergrundmusik für die Hausarbeit. Lester Bangs dagegen lobte die kristallene Klarheit, wie Sonnenlicht durch eine Fensterscheibe. 1980 lief das Album kurz am New Yorker Flughafen LaGuardia, und manche Reisende empfanden es als beunruhigend. Heute gilt es als Grundstein der Ambient-Musik. Pitchfork hob seine Wertung 2024 auf die Höchstnote.
05Warum es einen Abend trägt
Music for Airports ist ungleich auf zwei Seiten verteilt. Seite A dauert rund fünfundzwanzig Minuten, allein „1/1“ über sechzehn. Seite B ist mit siebzehneinhalb Minuten kürzer und etwas dunkler. Man kann das Album konzentriert hören oder es laufen lassen, während man redet. Beides ist ausdrücklich erlaubt.
Ein Raum, der sich verändert
An einem Hörabend passiert etwas, das Eno sich für einen Flughafen gedacht hat: Die Musik verändert den Raum, ohne ihn zu füllen. Gespräche werden leiser, man hört auf Kleinigkeiten, auf eine Stimme, die kommt und geht. Als das Ensemble Bang on a Can das Werk 1998 live spielte, fand Eno es berührend, dass Menschen versuchten, wie Maschinen zu spielen, und dabei doch wie Menschen klangen.
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