1992Albumvorschlag
Selected Ambient Works 85–92
Aphex Twin
Dreizehn Stücke, fünfundsiebzig Minuten, sieben Jahre Heimarbeit. Selected Ambient Works 85–92 ist die Musik eines Jugendlichen aus Cornwall, der lieber Geräte auseinanderbaute, als Lieder nachzuspielen.
Richard D. James wuchs im Südwesten Englands auf und legte als Teenager auf Partys in Cornwall auf. Nebenbei nahm er zu Hause Musik auf, auf Kassette, mit Synthesizern, die er selbst umbaute. Als er eine Kiste voller Bänder zum belgischen Label R&S brachte, wählten sie daraus ein Album aus. Es erschien im November 1992 auf dem Ambient-Ableger Apollo.
- Laufzeitrund 75 Minuten
- Titel13
- Jahr1992
- AufgenommenHeimaufnahmen von Richard D. James, Cornwall und England (1985–1992)
Tracklist
- Xtal4:51
- Tha9:01
- Pulsewidth3:47
- Ageispolis5:21
- i1:13
- Green Calx6:02
- Heliosphan4:51
- We Are the Music Makers7:42
- Schottkey 7th Path5:07
- Ptolemy7:12
- Hedphelym6:02
- Delphium5:36
- Actium7:35
Zum Cover
Im Mittelpunkt steht ein einziges Zeichen: das Aphex-Twin-Symbol. Es ist eine weiche, rundliche Form ohne scharfe Kanten, irgendwo zwischen Buchstabe und Fremdkörper. Name und Titel stehen klein daneben, gesetzt in einer schlichten, fetten Groteskschrift. Mehr gibt es nicht.
Das Symbol stammt von Paul Nicholson, einem Studienfreund von James, der bei Konzerten auch als Tänzer auf der Bühne stand. Er zeichnete es von Hand mit Kreisschablonen und Lineal, ursprünglich für eine Skaterkleidungsfirma, die es ablehnte. James übernahm es. Nicholson wollte laut eigener Aussage eine „amorphic and soft form with no sharp lines“. James hat erzählt, er habe die Entwürfe begleitet, der Kreis um das Zeichen sei seine Idee gewesen. Später kaufte er Nicholson die Rechte ab.
Ein Bild, das nichts erklärt, passt zu einer Musik ohne Worte und mit rätselhaften Titeln. Das Zeichen wurde zum Markenzeichen, lange bevor die meisten Hörer wussten, wie der Mann dahinter aussah.
Gestaltung: Paul Nicholson
Label: Apollo (R&S Records), 1992
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„It would have been easy to edit out the glitches digitally, but it's a retrospective look, and the tape munching was all part of the stuff I was doing, so I've left it in.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Selected Ambient Works 85–92 entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Der Moment, in dem aus Kassetten ein Album wurde, war unspektakulär. James besuchte Renaat Vandepapeliere, den Chef von R&S, mit einer Kiste voller Bänder. Gemeinsam suchten sie Stücke für zwei Veröffentlichungen heraus. Was auf Selected Ambient Works landete, beschrieb James später so: Es seien einfach Tracks gewesen, die seine Freunde ausgewählt hätten, solche, zu denen sie gern entspannten.
Damit ist viel über den Charakter der Platte gesagt. Das ist keine Musik für den Club, sondern für die Stunden danach, zu Hause, wenn es ruhig wird.
Erst Geräusche, dann Musik
James hat seinen Weg zur Musik ungewöhnlich beschrieben. „Most people get into music and then decide they want to make it, but I started making sounds, and only later got interested in listening to other people's stuff“, sagte er 1993 dem Kritiker Simon Reynolds. Schon als Kind spielte er lieber mit den Saiten im Inneren des Klaviers als auf den Tasten. Mit zwölf kaufte er einen Synthesizer, war enttäuscht und nahm ihn auseinander.
02Wie Selected Ambient Works 85–92 entstand
Der Titel nennt den Zeitraum: 1985 bis 1992. James gibt an, dass er mit etwa vierzehn Jahren begann, an diesen Stücken zu arbeiten. Aufgenommen wurde zu Hause, zunächst auf einem gewöhnlichen Kassettendeck. „Everything was originally mastered on standard tape on a hi-fi cassette deck“, erzählte er 1993 der Zeitschrift Future Music. Ein DAT-Gerät besaß er zu diesem Zeitpunkt erst seit gut einem Jahr.
Die Geräte waren überschaubar und oft verändert: ein Korg MS-20, ein Roland SH-101, Yamaha DX7 und DX100, ein Casio-Sampler, den er mit eigenen Filtern ergänzte, ein Atari-Computer als Sequenzer. Fast jedes Stück lief durch einen Alesis-Quadraverb-Hall, dessen Klang er als „dark and muddy“ beschrieb.
Nur eigene Maschinen
James hat immer betont, wie wichtig ihm die eigenen, umgebauten Maschinen sind: „I really hate the idea of using other people's equipment – I've just got a bit obsessed, I suppose.“ Die Stücke seien zu 99 Prozent sequenziert, nur manchmal spielte er Streicherflächen von Hand ein. Die Samples stammen aus Filmen und Fernsehen, in „We Are the Music Makers“ etwa ist ein Satz aus Charlie und die Schokoladenfabrik von 1971 zu hören.
03Der Klang
Selected Ambient Works 85–92 klingt nicht sauber. Man hört Rauschen, einen leicht verwaschenen Hall, manchmal leichte Verzerrung. Das kommt von den Kassetten, auf denen die Stücke jahrelang lagen, bevor sie auf DAT überspielt wurden. Über diesem Grund liegen sehr klare Melodien, weiche Flächen und Rhythmen, die eher treiben als drängen. Der Kritiker Andrew Smith schrieb im Melody Maker, seit Kraftwerk habe niemand Klangtextur so verstanden.
James selbst war überrascht. Als jemand anrief und fragte, wie sie die Klangqualität so gut hinbekommen hätten, habe er nicht gewusst, wovon die Rede war. Er fand sie schlecht.
Genau hingehört
Sieben Knicke im Band
Hören Sie beim ersten Stück, „Xtal“, genau hin. „With the first track, the tape had chewed in about seven places“, sagte James: Das Band hatte sich an etwa sieben Stellen im Gerät verheddert. Er hätte die Fehler digital glätten können, ließ sie aber bewusst stehen. Auf einer guten Anlage kann man auf diese kleinen Unregelmäßigkeiten achten. Sie gehören zu diesem Stück wie Kratzer zu einem alten Foto.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Die Stücke stammen aus sieben Jahren und wirken trotzdem wie aus einem Guss. Das liegt am gemeinsamen Klangbild der Kassetten und am gleichbleibenden Tempo: nie hektisch, nie ganz still. Zwischen längeren Stücken wie „Tha“ mit neun Minuten steht mit „i“ ein Stück von kaum mehr als einer Minute, fast nur ein Atemzug. Die Reihenfolge wechselt zwischen hellen Stücken wie „Xtal“ oder „Ageispolis“ und dunkleren wie „Hedphelym“.
Erst nur als Import
In Großbritannien war das Album zunächst nur als teurer Import zu bekommen, weil ein Lizenzvertrag geplatzt war. Trotzdem stieg es Ende Dezember 1992 auf Platz 6 der britischen Dance-Album-Charts ein und hatte bald einen Ruf im Untergrund. Bis Juni 1993 wurden rund 30.000 Exemplare verkauft. Das Magazin Fact nannte es 2012 das beste Album der Neunziger, Pitchfork 2017 das beste IDM-Album überhaupt.
05Warum es einen Abend trägt
Mit fünfundsiebzig Minuten ist das Album lang, auf Vinyl verteilt es sich auf vier Seiten. Das gibt dem Abend einen eigenen Rhythmus: Nach jeweils knapp zwanzig Minuten wird umgedreht oder die Platte gewechselt, eine kurze Pause, dann geht es weiter. Seite A beginnt mit „Xtal“, der Stimme im Nebel, und endet mit „Pulsewidth“.
Musik für danach
Das Album wurde von Freunden ausgewählt, die dazu entspannen wollten. So kann man es auch hören: nicht als Lehrstück über elektronische Musik, sondern als lange, warme Begleitung durch einen späten Abend. Das Rauschen wird dabei nach einer Weile Teil des Raums. Am Ende steht „Actium“, und man merkt erst dann, wie viel Zeit vergangen ist.
Was bleibt von einer Aufnahme, wenn man ihre Fehler einfach stehen lässt?
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