2003Albumvorschlag
Rounds
Four Tet
Zehn Stücke, fünfundvierzig Minuten, zwischen zweihundert und dreihundert Samples. Auf Rounds klingt ein Heimcomputer wie ein Kammerensemble, das nie in einem Raum war.
Kieran Hebden hatte als Four Tet zwei Alben veröffentlicht, die ihm zu sehr nach seinen Vorbildern klangen. Für Rounds zog er sich zehn Monate in seine kleine Wohnung in Nord-London zurück, mit einem Computer, einer Stereoanlage und einem Stapel Platten. Das Ergebnis ist eine der persönlichsten elektronischen Platten ihrer Zeit.
- Laufzeitrund 45 Minuten
- Titel10
- Jahr2003
- AufgenommenKieran Hebdens Wohnung, Nord-London (rund zehn Monate, 2002–2003)
Tracklist
- Hands5:40
- She Moves She4:38
- First Thing1:12
- My Angel Rocks Back and Forth5:06
- Spirit Fingers3:21
- Unspoken9:29
- Chia0:31
- As Serious as Your Life4:36
- And They All Look Broken Hearted5:06
- Slow Jam5:16
Zum Cover
Das Cover ist eine Fotografie, die auf den ersten Blick beschädigt wirkt, als seien Löcher in das Bild gebrannt. Man sieht also nicht nur ein Motiv, sondern auch das Material, auf dem es steht.
Die Fotos stammen von Jason Evans, das Layout von Matt Cooper. Evans arbeitet seit dieser Zeit immer wieder mit Hebden zusammen und hat viele spätere Four-Tet-Hüllen gestaltet. Die Originalausgabe erschien als Doppel-LP im Klappcover, mit einem Heft im CD-Format.
Über die Entstehung genau dieses Bildes ist wenig dokumentiert. Es passt aber zur Musik: Auch auf Rounds hört man die Spuren der Bearbeitung, die Schnitte, das Rauschen, die Stellen, an denen ein Klang nicht ganz echt ist.
Foto: Jason Evans
Gestaltung: Matt Cooper
Label: Domino, 2003
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„I was really interested in making music that was completely humanly impossible – something that no human could ever play.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Rounds entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Der Titel des Albums kam aus der Familie. Hebden erfuhr, dass seine Schwester Kanons sang, auf Englisch „rounds“. Der Begriff passte sofort: „a round is all about repetition and phasing“, sagte er, Wiederholung und Verschiebung, und genau das sei der Kern dessen, was er mache, seit er Musik produziere.
Das hört man gleich im ersten Stück. „Hands“ baut sich aus kleinen Motiven auf, die sich wiederholen, übereinanderlegen und leicht gegeneinander verrutschen.
Musik neben dem Leben
Hebden hat beschrieben, wie er damals arbeitete: Musik sollte Teil des Alltags sein, wie Essen und Schlafen. Alles entstand im vorderen Zimmer der kleinen Wohnung, an einem Computer, der an die Stereoanlage angeschlossen war. Es gab kein Studio, keine Termine, nur die Platten im Regal und viel Zeit.
02Wie Rounds entstand
Nach Dialogue (1999) und Pause (2001) wollte Hebden eine Platte machen, die schwerer einzuordnen war. Seine Vorbilder kamen aus dem Hip-Hop, Pete Rock und DJ Premier, aus dem R&B, Timbaland und die Neptunes, und vom Musiker Jim O'Rourke. Er arbeitete wie ein Hip-Hop-Produzent: ein bisschen Flöte von einer Platte, ein bisschen Gitarre von einer anderen, Drumcomputer-Klänge aus dem Internet, ein Klavier von einer DVD.
Für ein einzelnes Stück nutzte er oft Samples von zwanzig oder dreißig Platten. Er bearbeitete sie mit Programmen wie AudioMulch und Cool Edit Pro, bis sie kaum wiederzuerkennen waren.
Ein alter Rechner
Zur Technik sagte Hebden später im Rolling Stone, er habe nur einen alten, klobigen PC gehabt, angeschlossen an eine normale Stereoanlage. Das neunminütige „Unspoken“ beruhte ursprünglich auf einem Sample aus Tori Amos' „Winter“. Als die Freigabe nicht kam, baute Hebden das Stück neu.
03Der Klang
Rounds klingt nach Holz, Saiten und Luft, obwohl kaum ein Ton so gespielt wurde. Hebden hat gesagt, viele Klänge seien irreführend: Was wie ein Bass klingt, sei vielleicht eine Gitarre oder Harfe, stark verlangsamt, rückwärts abgespielt und bearbeitet. Er wollte Illusionen schaffen, eine Gitarrenlinie, die plötzlich langsamer wird und rückwärts läuft.
Dazu kommen Schlagzeug-Loops mit dem Gewicht von Hip-Hop-Beats. Der Kontrast macht den Reiz aus: vorne zerbrechliche, fast akustische Klänge, darunter ein fester Rhythmus.
Genau hingehört
Das Gratis-Mikrofon
Fast alles auf Rounds ist Sample. Die Ausnahme ist eine Gitarre im letzten Stück „Slow Jam“. Hebden nahm sie mit einem kleinen Mikrofon auf, das gratis bei seiner Soundkarte dabei war. Am Ende des Stücks mischen sich glockenartige Gitarren und das Quietschen eines Kinderspielzeugs. Auf einer ruhigen Anlage hört man, wie nah und ungeschliffen dieser eine echte Klang wirkt.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Für Rounds wählte Hebden zum ersten Mal Titel mit Bedeutung. „As Serious as Your Life“ verweist auf ein Buch der Jazz-Autorin Val Wilmer von 1977. Er hoffte, ein junger Hörer würde nachfragen und das Buch entdecken, wie kleine Spuren, die er für andere auslegte.
Die Reihenfolge wechselt zwischen längeren Stücken und kurzen Zwischenspielen wie „First Thing“ und „Chia“. In der Mitte steht „Unspoken“, das mehrere Kritiker als Herzstück des Albums bezeichneten. Danach wird die Platte wieder leichter, bis zu „Slow Jam“.
Ohne Chartplatz groß
In Großbritannien kam Rounds nur auf Platz 60. Die Kritik war sich dagegen einig: Bei Metacritic erreichte das Album 89 von 100 Punkten, NME, The Wire, The Observer und Pitchfork zählten es zu den besten Alben des Jahres 2003. Zehn Jahre später brachte Domino eine Neuauflage heraus, ergänzt um einen Konzertmitschnitt aus Kopenhagen von 2004.
05Warum es einen Abend trägt
Hebden hat einmal gesagt, er habe großen Respekt vor der Tradition des Albums: etwa fünfundvierzig Minuten lang, zwei Seiten, ein Erlebnis für sich, mit Hülle und Gestaltung. Rounds ist fast genau diese Länge. Auf Vinyl sind es vier Seiten, jede mit zwei oder drei Stücken, sodass man die Platte in kurzen Abschnitten hört.
Ein Abend in Etappen
Seite A beginnt mit „Hands“, „She Moves She“ und dem kurzen „First Thing“. Auf Seite C steht „Unspoken“ fast allein, neuneinhalb Minuten, danach nur noch das halbminütige „Chia“. Wer die Platte umdreht, bekommt jedes Mal eine kleine Pause, und die Musik fühlt sich an wie ein Kanon: bekannte Motive, die immer wieder neu einsetzen.
Wie klingt ein Zimmer, wenn jemand darin zehn Monate lang zuhört?
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