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1969Albumvorschlag

Let It Bleed

The Rolling Stones

Kurz nach Mitternacht wird eine Sängerin aus dem Bett geholt, die schwanger ist und den Song noch nie gehört hat. Wenige Takes später steht ihre Stimme für immer im lautesten Moment des Albums.

Neun Tracks, aufgenommen zwischen Februar und November 1969 – über den ganzen Zeitraum hinweg verlor die Band ihr Gründungsmitglied und gewann einen neuen Gitarristen. Was man von diesem Album kennt, ist der Sog aus Blues, Gospel und Country. Was man seltener kennt, ist der Umbruch, in dem es entstand.

  • Laufzeitrund 42 Minuten
  • Titel9
  • Jahr1969
  • AufgenommenOlympic Sound Studios, London; zusätzliche Sessions bei Elektra Sound Recorders und Sunset Sound, Los Angeles
Das Albumcover: eine surreale, reich verzierte Torte auf einem Plattenteller.
The Rolling Stones, Let It Bleed, Decca/London Records 1969. Gestaltung Robert Brownjohn. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Gimme Shelter4:31
  2. Love in Vain4:19
  3. Country Honk3:09
  4. Live with Me3:33
  5. Let It Bleed5:26
  6. Midnight Rambler6:52
  7. You Got the Silver2:51
  8. Monkey Man4:12
  9. You Can't Always Get What You Want7:28

Zum Cover

Ein Plattenteller, ein Tonarm, der auf einer Schallplatte aufliegt, und darüber, auf der Spindel eines automatischen Plattenwechslers aufgereiht: eine Filmdose, ein Uhrenzifferblatt, eine Pizza, ein Fahrradreifen und zuoberst eine reich verzierte Torte, gekrönt von kleinen Figuren der Bandmitglieder. Gestaltet hat das surreale Motiv der Grafiker Robert Brownjohn, fotografiert wurde es von Don McAllester.

Die Torte selbst backte eine damals noch unbekannte Kochbuchautorin: Delia Smith, die später zu einer der bekanntesten britischen Fernsehköchinnen wurde. Der ursprünglich geplante Arbeitstitel des Albums war Berichten zufolge „Automatic Changer“, worauf sich der Plattenwechsler im Bild bezieht – der endgültige Titel griff stattdessen eine Zeile aus dem gleichnamigen Song auf.

Gestaltung: Robert Brownjohn
Fotografie: Don McAllester
Label: Decca / London Records, 1969
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„No rock record, before or since, has ever so completely captured the sense of palpable dread that hung over its era.“

Stephen Davis Autor einer vielzitierten Rolling-Stones-Biografie, über die Wirkung des Albums

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Der Klang
  3. 03Warum es einen Abend trägt
  4. 04Wie Let It Bleed entstand
  5. 05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

01Der besondere Moment

Für „Gimme Shelter“ wollte Produzent Jimmy Miller eine weibliche Stimme im Refrain. Den Auftrag, jemanden zu finden, bekam Arrangeur Jack Nitzsche. Mick Jagger hat die Entstehung später beiläufig beschrieben: „The use of the female voice was the producer's idea. It would be one of those moments along the lines of ‘I hear a girl on this track – get one on the phone.’“

Merry Clayton

Ans Telefon ging Merry Clayton. Nitzsche holte sie kurz nach Mitternacht aus dem Bett und ins Studio – sie war zu diesem Zeitpunkt schwanger und hatte den Song zuvor nicht gehört. Nach wenigen Durchgängen war die Aufnahme im Kasten, und Clayton fuhr wieder nach Hause. Man hört auf der fertigen Platte, wie ihre Stimme in der zweiten und dritten Zeile des Refrains bricht; Jagger reagiert im Hintergrund hörbar auf die Wucht ihres Gesangs.

Was diese Szene über das ganze Album sagt, liegt in der Beiläufigkeit, mit der hier Großes entstand. Eine einzige nächtliche Session, ohne Probe, ohne zweiten Anlauf im größeren Stil – und heraus kam der Moment, der bis heute als der intensivste der ganzen Platte gilt.

Ein Schatten liegt über der Geschichte: Mehrere Quellen berichten, Clayton habe kurz nach der Session eine Fehlgeburt erlitten, manche bringen dies mit der Anstrengung des Auftritts in Verbindung. Ein ursächlicher Zusammenhang lässt sich daraus nicht zweifelsfrei ableiten, überliefert ist nur die zeitliche Nähe. Auch das genaue Datum der Session ist nicht in jeder Quelle gleich angegeben.

04Wie Let It Bleed entstand

Aufgenommen wurde vor allem in London, in den Olympic Sound Studios, mit Glyn Johns als Toningenieur und Jimmy Miller als Produzent – beide bereits von „Beggars Banquet“ vertraut. Begonnen hat die Arbeit im Februar 1969, abgeschlossen wurde sie erst im November, mit einer Unterbrechung für Sessions bei Elektra Sound Recorders und Sunset Sound in Los Angeles, wo die Band sich auf ihre bevorstehende US-Tournee vorbereitete.

Der 3. Juli 1969

In diesen Zeitraum fällt der Bruch, der das Album bis heute prägt. Brian Jones, Gründungsmitglied und einst musikalischer Kopf der Band, war durch fortgesetzten Drogenkonsum und die Folgen eines Motorradunfalls im Mai 1969 zunehmend nicht mehr in der Lage, verlässlich mitzuarbeiten. Auf der fertigen Platte ist er nur auf zwei Tracks zu hören: mit Autoharp bei „You Got the Silver“ und mit Percussion bei „Midnight Rambler“. Im Juni 1969 wurde er aus der Band entlassen; rund einen Monat später, am 3. Juli 1969, wurde er tot in seinem Schwimmbecken gefunden. Die gerichtsmedizinische Untersuchung stellte zunächst Ertrinken fest, später wurde die Todesursache als „Tod durch Fehlverhalten“ (death by misadventure) präzisiert. Andere Theorien zu seinem Tod kursieren bis heute, sie sind jedoch nicht Gegenstand der offiziellen Untersuchung und werden hier nicht weiterverfolgt.

Sein Nachfolger Mick Taylor kam noch während der laufenden Aufnahmen dazu. Der Gitarrist steuerte Overdubs auf zwei der neun Tracks bei, aufgenommen bei Olympic-Sessions im Mai 1969 – meist werden dafür „Live with Me“ und „Country Honk“ genannt. In der Zwischenzeit trug in erster Linie Keith Richards fast sämtliche Gitarrenparts der Platte allein. Von einer Gitarre ist überliefert, dass sie die Aufnahmen nicht unbeschadet überstand: eine hohle Maton SE777, an der laut Richards „on the very last note of ‘Gimme Shelter,’ the whole neck fell off. You can hear it on the original take.“

Veröffentlicht wurde das fertige Album am 28. November 1969 in den USA bei London Records, am 5. Dezember 1969 in Großbritannien bei Decca. Es stieg in Großbritannien auf Platz eins ein, in den USA auf Platz drei, und wurde dort später zweifach mit Platin ausgezeichnet.

Zwischen zwei Besetzungen

Let It Bleed ist das einzige Studioalbum der Band, auf dem sowohl Brian Jones als auch Mick Taylor zu hören sind – wenn auch beide nur mit begrenztem Anteil. Es entstand damit in einem Fenster von wenigen Monaten, in dem die Rolling Stones zugleich ihr Gründungsmitglied verloren und die Besetzung fanden, mit der sie in den folgenden Jahren einige ihrer bekanntesten Alben aufnehmen sollten. Diese Übergangslage wird in den Texten der Platte nirgends direkt benannt, sie lässt sich nur aus den Aufnahmedaten und den Credits rekonstruieren.

02Der Klang

Musikalisch bewegt sich die Platte zwischen Delta-Blues, Country und Gospel, oft innerhalb desselben Tracks. „Love in Vain“, eine Coverversion eines Songs von Robert Johnson, wird akustisch und mit Slide-Gitarre getragen; als Mandoline ist Ry Cooder zu hören, dessen Beitrag zu den Sessions in unterschiedlichen Darstellungen unterschiedlich groß ausfällt – Cooder selbst hat später öffentlich gemacht, dass er sich um Anerkennung für seinen Einfluss auf Richards' offene Gitarrenstimmungen gebracht sah.

Weitere Gäste prägen den Klang mit: Nicky Hopkins spielt auf mehreren Tracks Klavier und Orgel, Al Kooper trägt bei „You Can't Always Get What You Want“ Klavier, Waldhorn und Orgel bei, Bobby Keys bläst bei „Live with Me“ erstmals für die Band Tenorsaxofon, und Byron Berline steuert die Fiddle für „Country Honk“ bei – eine ländlich-heruntergebrochene Alternativversion des gleichzeitig als Single veröffentlichten Hits „Honky Tonk Women“. Leon Russell wirkt an Klavier und Bläserarrangements mit.

Der Londoner Bach-Chor

Den größten Kontrast liefert der Schlusstrack. Für „You Can't Always Get What You Want“ wurde der London Bach Choir engagiert, das Arrangement stammt von Jack Nitzsche. Weil Charlie Watts mit dem gewünschten Rhythmus nicht zufrieden war, übernahm ausnahmsweise Produzent Jimmy Miller selbst das Schlagzeug für diesen Track. Der Chor soll sich später von der Aufnahme distanziert haben; laut dem Autor Stephen Davis wegen der aus seiner Sicht unverkennbar drogenschwangeren Grundstimmung des Songs.

Fast auf diesem Album

Honky Tonk Women

Der Hit, der im Juli 1969 als Single erschien, fehlt auf dem Album in seiner bekannten Rockversion. Aufgenommen wurde er zeitgleich mit den Let-It-Bleed-Sessions – auf die Platte schaffte es stattdessen „Country Honk“, eine langsamere, fiddle-getragene Fassung mit anderem Text-Timing, gedacht als eigenständige Country-Variante desselben Songs.

05Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Die Reihenfolge der neun Tracks spannt einen Bogen von Bedrohung zu Erlösung. Eröffnet wird mit „Gimme Shelter“, einem der düstersten Stücke der Bandgeschichte, in der ersten Hälfte folgen mit „Love in Vain“, „Country Honk“, „Live with Me“ und dem Titeltrack weitere Stücke über Verlust, Begehren und Grenzüberschreitung. Die zweite Hälfte beginnt mit dem gedehnten Blues-Epos „Midnight Rambler“, das lose auf die Berichterstattung über den sogenannten „Boston Strangler“ anspielt, und endet mit dem Chor-Finale „You Can't Always Get What You Want“.

Die Anspielung auf „Let It Be“

Dieser letzte Track funktioniert als Gegengewicht zum Auftakt: Wo „Gimme Shelter“ Bedrohung beschwört, endet die Platte mit einer fast getrösteten Feststellung – man bekommt nicht, was man will, aber manchmal, was man braucht. Ob der Titel des Albums bewusst auf den fast zeitgleich veröffentlichten Beatles-Song „Let It Be“ anspielt, ist unter Fans bis heute umstritten; die Band selbst hat einen solchen Bezug stets bestritten und verweist stattdessen auf eine Zeile aus dem Titeltrack selbst.

Zusammengehalten wird das Album dabei nicht von einem durchgehenden Konzept, sondern von seiner Entstehungssituation: Eine Band im Umbruch nahm neun eigenständige Tracks auf, die einzeln funktionieren und im Ganzen ein Zeitfenster dokumentieren, das sich nie wiederholen ließ.

03Warum es einen Abend trägt

Rund zweiundvierzig Minuten, neun Tracks, keiner davon Füllmaterial. Die Platte verlangt vom Publikum, sich auf einen Wechsel zwischen Intimität und Wucht einzulassen: akustische, fast private Momente wie „You Got the Silver“ – die erste Aufnahme der Bandgeschichte mit Keith Richards als alleinigem Leadsänger – stehen neben ausufernden Stücken wie „Midnight Rambler“, das im Konzert regelmäßig auf über zehn Minuten anwuchs.

Für einen Hörabend eignet sich gerade dieser Wechsel: Nach der bedrängenden Eröffnung und dem entrückten Titeltrack folgt mit „Midnight Rambler“ ein Stück, das Spannung aufbaut und wieder löst, bevor der Schlusstrack mit Chor und Waldhorn einen anderen Raum öffnet. Wer die Platte am Stück hört, bekommt damit weniger eine Setlist aus Einzelhits als eine knapp bemessene Dramaturgie.

Die Royal-Mail-Briefmarke 2010

Als Werk hat das Album seinen Platz gefunden: 2005 wurde es in die Grammy Hall of Fame aufgenommen, das Magazin Rolling Stone führte es 2003 und 2012 auf Platz zweiunddreißig seiner Bestenliste und 2020 auf Platz einundvierzig, und 2010 wählte die britische Royal Mail das Cover für eine Sonderbriefmarkenserie zu klassischen Albumcovern aus.

Eine gemeinsame Geschichte

Der Rolling-Stone-Kritiker Greil Marcus schrieb zur Veröffentlichung, „Gimme Shelter“ und „You Can't Always Get What You Want“ seien die Tracks, die am meisten zählen, weil sie „both reach for reality and end up confronting it“. Diese Einschätzung eines einzelnen Rezensenten aus dem Jahr 1969 hat sich seither in weiten Teilen der Kritik gehalten, auch wenn sie naturgemäß nicht die einzige mögliche Lesart der Platte ist.

Wie hört sich ein Album an, das mitten im Verlust eines Gründungsmitglieds fertiggestellt wurde?