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1998Albumvorschlag

Music Has the Right to Children

Boards of Canada

Siebzehn Stücke, dreiundsechzig Minuten, ein Familienfoto ohne Gesichter. Music Has the Right to Children klingt wie eine Erinnerung an eine Kindheit, von der man nicht mehr genau weiß, ob man sie selbst erlebt hat.

Hinter Boards of Canada stehen die Brüder Michael Sandison und Marcus Eoin aus Schottland. Jahrelang machten sie Musik fast nur für Freunde und Familie, in kleinen Auflagen auf Kassette. Ihr erstes richtiges Album nahmen sie in ihrem eigenen Studio in den Hügeln südwestlich von Edinburgh auf. Es erschien im April 1998 bei Warp und Skam und hatte schnell eine treue Hörerschaft, ganz ohne Tourneen oder Videos.

  • Laufzeitrund 63 Minuten
  • Titel17
  • Jahr1998
  • AufgenommenHexagon Sun, Pentland Hills, Schottland (1995–1997)
Das Albumcover von Music Has the Right to Children: ein verblichenes Urlaubsfoto einer Familie vor Bergen, die Gesichter unkenntlich, dazu Name und Titel in Kleinbuchstaben.
Boards of Canada, Music Has the Right to Children, Warp/Skam 1998. Gestaltung Boards of Canada. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Wildlife Analysis1:17
  2. An Eagle in Your Mind6:22
  3. The Color of the Fire1:45
  4. Telephasic Workshop6:35
  5. Triangles & Rhombuses1:49
  6. Sixtyten5:48
  7. Turquoise Hexagon Sun5:08
  8. Kaini Industries0:59
  9. Bocuma1:36
  10. Roygbiv2:30
  11. Rue the Whirl6:40
  12. Aquarius5:57
  13. Olson1:29
  14. Pete Standing Alone6:07
  15. Smokes Quantity3:07
  16. Open the Light4:25
  17. One Very Important Thought1:15

Zum Cover

Das Cover zeigt ein altes Urlaubsfoto: eine Familie, im Hintergrund Berge. Die Farben sind ausgeblichen, als hätte das Bild jahrelang in der Sonne gelegen. Die Kleidung verweist in die Siebziger. Die Gesichter aber sind nicht zu erkennen, sie sind verschwommen oder weggewischt. Name und Titel stehen in Kleinbuchstaben, gesetzt in der ITC Bauhaus, einer runden Schrift aus der Mitte der Siebziger.

Die Gestaltung stammt von der Band selbst. Aufgenommen wurde das Foto bei Banff in den kanadischen Rocky Mountains. Wo genau, darüber gehen die Angaben auseinander. Fans suchen den Ort bis heute auf.

Das Bild fasst das Album zusammen. Es ist freundlich und vertraut, ein ganz gewöhnlicher Ferientag. Und doch fehlt etwas Entscheidendes, und gerade das macht es ein wenig unheimlich. Wer die Menschen waren, erfährt man nicht.

Gestaltung: Boards of Canada
Label: Warp Records / Skam, 1998
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„It's a theme we play on a lot, that bittersweet thing where you face up to the fact that certain chapters of your life are just Polaroids now.“

Michael Sandison Über Erinnerung und Traurigkeit

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Music Has the Right to Children entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Bei der Aufnahme von „Rue the Whirl“ stand das Studiofenster offen. Draußen sangen Vögel, und die Mikrofone nahmen sie mit auf. Die Brüder hätten den Take wiederholen können. Sie fanden aber, dass die Vögel dem Stück etwas gaben, und ließen sie drin.

Das ist bezeichnend für die ganze Platte. Boards of Canada arbeiteten nicht in einem abgeschotteten Studio, auch wenn die Presse später gern von einem „Bunker“ schrieb. Die Band nannte das eine Übertreibung des Labels. Ihr Studio lag in den Pentland Hills, einer Hügellandschaft vor Edinburgh, und die Landschaft ist in der Musik zu spüren.

Hexagon Sun

In den Neunzigern gehörten die Brüder zu einem losen Künstlerkreis namens Hexagon Sun, der Filme drehte und Feste im Freien veranstaltete. Ihre Musik verbreiteten sie auf selbst gemachten Kassetten. 1996 wurde Sean Booth von Autechre auf ihre EP Hi Scores aufmerksam und empfahl sie dem kleinen Label Skam. Kurz darauf meldete sich auch Warp. Beide Labels brachten das Album schließlich gemeinsam heraus.

02Wie Music Has the Right to Children entstand

Musik machten die Brüder schon als Kinder. Sie legten Synthesizer über Kassettenaufnahmen von Kurzwellenradio und nahmen mit zwei Kassettenrekordern Spur um Spur übereinander auf, bis die Einzelheiten im Rauschen verschwammen. Diese Arbeitsweise behielten sie im Kern bei. Für das Album nutzten sie Sampler, alte Synthesizer, die sie bewusst verstimmten, Drumcomputer und Tonbandmaschinen. Aufgenommen wurde zwischen 1995 und 1997, „Smokes Quantity“ stammt sogar von der EP Twoism aus dem Jahr 1995.

Der Bandname geht auf die Lehrfilme des National Film Board of Canada zurück, die die Brüder als Kinder gesehen hatten. Auch einzelne Titel verweisen darauf: „Pete Standing Alone“ ist nach der Hauptfigur einer NFB-Dokumentation von 1960 benannt.

Ein vertauschter Titel

Der Albumtitel dreht einen Satz um. Die Band hat erzählt, er gehe auf ein Schulbuch für den Musikunterricht aus den Siebzigern zurück, das „Children Have the Right to Music“ hieß. Vertauscht man die beiden Begriffe, bekommt der Satz einen ganz anderen, beinahe bedrohlichen Klang. Die Titel der Stücke enthielten, so die Band, versteckte Hinweise, die man verstehen könne oder auch nicht.

03Der Klang

Die Synthesizer auf diesem Album sind nie ganz sauber gestimmt. Sie schwanken leicht, wie ein Band, das nicht mehr ganz gleichmäßig läuft. Darunter liegen langsame Rhythmen, darüber Stimmfetzen aus altem Kinderfernsehen: In „Aquarius“ und „The Color of the Fire“ stammen sie aus der Sesamstraße, in „Telephasic Workshop“ aus dem öffentlichen Fernsehen Nordamerikas der Siebziger. „I think you can trigger emotion much more easily with a melody than you can with a rhythm“, sagte Marcus Eoin 1998.

Die Brüder haben ihren Klang bewusst gealtert. Sie wollten, dass man beim Hören denkt: Das kenne ich, aber ich weiß nicht, woher.

Genau hingehört

Vögel am offenen Fenster

Hören Sie in „Rue the Whirl“, dem ersten Stück der dritten Seite, auf die Geräusche zwischen den Tönen. Dort zwitschern die Vögel, die beim Aufnehmen durch das offene Studiofenster kamen. Auf einer ruhigen Anlage wirken sie nicht wie ein Effekt, sondern wie ein Stück Wirklichkeit, das sich in die Musik verirrt hat. Für ein paar Minuten ist man mit dort draußen in den Hügeln.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Siebzehn Stücke, aber kein Durcheinander. Lange Stücke wie „An Eagle in Your Mind“ oder „Telephasic Workshop“ wechseln sich mit kurzen Zwischenspielen ab, manche kaum eine Minute lang. Die kurzen Stücke wirken wie Überleitungen zwischen Räumen. So entsteht ein durchgehender Fluss, den man nicht in Songs zerlegen möchte.

Eine Traurigkeit ohne Anlass

Die Band hat gesagt, ihre Musik sei eine sehr persönliche Sache, mit der sie auch die Traurigkeit über den Verlust der Wahrnehmung ausdrücke, die man als Kind besitzt. Diese Traurigkeit ist leise. Sie liegt unter freundlichen Melodien, hellen Klängen und Kinderstimmen. Das Magazin Fact nannte das Album eine erwachsene Betrachtung der Kindheit, verspielt und zugleich emotional reif. Von ursprünglich 5.000 gepressten Exemplaren wuchs es auf über 200.000 verkaufte Alben.

05Warum es einen Abend trägt

Auf Vinyl verteilt sich das Album auf zwei Platten und vier Seiten. Die erste Seite beginnt mit „Wildlife Analysis“, kaum mehr als eine Minute, wie das Einschalten eines alten Projektors. Danach folgen fünf Stücke, dann wird umgedreht. So hat der Abend von selbst kleine Pausen, und jede Seite ist eine eigene kleine Welt.

Ein Album für die Dämmerung

Music Has the Right to Children verlangt keine Aufmerksamkeit, belohnt sie aber. Man kann dazu schweigen oder leise reden. Irgendwann merkt man, dass man an Dinge denkt, an die man lange nicht gedacht hat: an Sommer, an Fernsehsendungen, an Fotos in einer Schublade. Am Ende steht „One Very Important Thought“, und danach bleibt es eine Weile still.

Welche Erinnerung würden Sie wiederfinden, wenn Sie ihr nur lange genug zuhörten?

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