1990Albumvorschlag
Still Got the Blues
Ein Hardrock-Gitarrist sitzt nach dem Konzert allein in der Garderobe und spielt Blues, nur für sich. Ein Bandkollege hört zu und sagt: Mach daraus eine Platte.
Ende der Achtziger steckte Gary Moore in einem Image fest, in dem er sich selbst nicht mehr wiedererkannte. Mit Still Got the Blues kehrte er 1990 zu der Musik zurück, mit der er als Junge angefangen hatte – und landete den größten Erfolg seiner Laufbahn.
- Laufzeitrund 53 Minuten
- Titel12
- Jahr1990
- AufgenommenSarm West, Metropolis und Abbey Road, London (1989–1990)
Tracklist
- Moving On2:40
- Oh Pretty Woman4:25
- Walking by Myself2:56
- Still Got the Blues6:11
- Texas Strut4:52
- Too Tired2:50
- King of the Blues4:36
- As the Years Go Passing By7:44
- Midnight Blues4:59
- That Kind of Woman4:30
- All Your Love3:41
- Stop Messin' Around3:53
Gesamtlänge rund 53 Minuten53:17
Zum Cover
Moore selbst ist vorn gar nicht zu sehen. Das Schwarzweißfoto zeigt einen Jungen, der in einem vollgestellten Jugendzimmer E-Gitarre spielt, an der Wand hängt ein Poster von Jimi Hendrix. Das Bild erzählt, worum es auf der Platte geht: um die Musik, mit der Moore als Junge angefangen hatte. Oben steht sein Name in roten Buchstaben.
Die Idee zum Cover kam laut den Credits von Moore selbst, fotografiert hat Gered Mankowitz, ein Londoner Fotograf, der in den Sechzigern die Rolling Stones und Jimi Hendrix vor der Kamera hatte. Gestaltet wurde die Hülle vom Bill Smith Studio. Die Rückseite greift das Motiv auf, diesmal mit dem erwachsenen Moore in einem Hotelzimmer.
Gewidmet ist die Platte Peter Green, dem Gitarristen, dessen Les Paul Moore damals seit rund zwanzig Jahren spielte.
Foto: Gered Mankowitz
Design: Bill Smith Studio (Konzept: Gary Moore)
Label: Virgin, 1990
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„‚Still Got the Blues‘ und ‚Oh Pretty Woman‘ sind tatsächlich am selben Tag entstanden, als wir nur den Aufnahmeraum ausprobierten.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Still Got the Blues entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
1989 ist Gary Moore mit seinem Album After the War auf Tour. Es ist Hardrock mit großen Refrains, dicken Keyboards und viel Haarspray, die Musik, mit der er in den Achtzigern bekannt geworden ist. Doch hinter der Bühne, wenn er allein ist, spielt Moore etwas anderes: Blues, so wie er ihn als Teenager in Belfast gelernt hat.
Sein Bassist Bob Daisley hört das immer wieder. Irgendwann sagt er zu ihm, er solle doch ein Bluesalbum machen, das werde wahrscheinlich das Größte, was er je gemacht habe. „Wir haben beide gelacht, als er das sagte“, erinnerte sich Moore 2003. „Aber es stellte sich heraus, dass er recht hatte.“
Eine Nebensache wird zum Hauptwerk
Bei Virgin galt das Projekt zunächst als Seitensprung zwischen zwei Rockalben. Als die ersten Aufnahmen im Haus die Runde machten, änderte sich das. Auch Leute, die mit Blues wenig anfangen konnten, hörten darin mehr als eine Liebhaberplatte. Aus dem Nebenprojekt wurde ein reguläres Album mit vollem Budget.
02Wie Still Got the Blues entstand
Nach Proben im Norden Londons ging Moore Ende 1989 ins Studio Sarm West, das frühere Island-Studio. Produziert hat er gemeinsam mit dem Toningenieur Ian Taylor. Die Grundband bestand aus Andy Pyle am Bass und Graham Walker am Schlagzeug, auf einigen Stücken spielten Bob Daisley und Brian Downey, der frühere Schlagzeuger von Thin Lizzy. Dazu kamen Don Airey an Orgel und Klavier, Nicky Hopkins am Piano und ein Bläsersatz.
Etwa die Hälfte der Platte sind Blues-Klassiker, der Rest überwiegend eigene Stücke. Das Titelstück spielte Moore nach eigener Aussage in einem Take ein. Ian Taylor ergänzte später, Moore habe ein absolutes Gehör gehabt, deshalb habe man nur zwei Töne nachträglich ausgebessert, bei denen die Stimmung nicht ganz saß.
Drei Gäste
Für „Oh Pretty Woman“, einen Song aus dem Repertoire von Albert King, kam King selbst nach London. Seine Gitarre wurde im Studio Metropolis nachträglich aufgenommen, und das war mühsam: King weigerte sich, ein Stimmgerät zu benutzen, und erwartete, dass sich die Aufnahme nach ihm richtete. Nach Stunden des Nachjustierens entschied Moore, es beim ersten Ergebnis zu belassen. Überliefert ist auch, dass King ihm riet, weniger Töne zu spielen.
Albert Collins, der Texaner mit der Telecaster, steuerte sein Solo zu „Too Tired“ in drei Takes bei. Der dritte Gast kam aus der Nachbarschaft: Moore wohnte damals in Henley, nicht weit von George Harrison, mit dem er befreundet war. Harrison, einst Gitarrist der Beatles, schrieb „That Kind of Woman“ und spielte darauf Rhythmus- und Slidegitarre und sang im Hintergrund. Der Song entstand als Demo in Harrisons eigenem Studio.
03Der Klang
Den glatten, sauber produzierten amerikanischen Gitarrenklang wollte Moore nach eigenen Worten nicht, sondern etwas Raues, Unpoliertes. Ganz traditionell klingt die Platte trotzdem nicht. Seine Gitarre ist laut, verzerrt und bissig, näher am Rock als am Chicago der Fünfziger. Wer vom Hardrock kam, fand hier einen Ton, den er kannte.
Die meisten Stücke spielte Moore auf einer zweiten Gibson Les Paul von 1959, die er Ende 1988 gekauft hatte. Für „Texas Strut“ griff er zu einer lachsfarbenen Stratocaster. Auf „Midnight Blues“ und „Stop Messin’ Around“ ist „Greeny“ zu hören, die Les Paul, die ihm Peter Green um 1970 verkauft hatte. Bei zwei der langsamen Stücke, dem Titelsong und „Midnight Blues“, legen Streicher einen weichen Teppich unter die Gitarre. Sie wurden in den Abbey Road Studios aufgenommen.
Vor Gericht
Der Streit um das Titelstück
Fast zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung beschäftigte der Titelsong das Landgericht München I. Geklagt hatte Jürgen Winter von der deutschen Band Jud’s Gallery. Im Dezember 2008 stellte das Gericht fest, dass Moores Stück dem Instrumental „Nordrach“ der Band von 1974 so auffallend ähnlich sei, dass von einer Übernahme auszugehen sei. Anhaltspunkte für eine bewusste Übernahme sah das Gericht nicht. Es wertete aber auch eine unbewusste Übernahme als Urheberrechtsverletzung. Das Urteil wurde in der Presse zum Teil scharf kritisiert.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Die Platte ist eine Verbeugung vor Moores Vorbildern, und man hört, wen er meint. „Walking by Myself“ stammt von Jimmy Rogers, „Too Tired“ von Johnny „Guitar“ Watson, „All Your Love“ von Otis Rush, das Clapton schon 1966 mit John Mayall auf Blues Breakers gespielt hatte. „Stop Messin’ Around“ ist ein Stück von Peter Green aus frühen Fleetwood Mac-Tagen. Moores eigene Stücke wie „King of the Blues“ sind Hommagen in Songform.
Dazwischen stehen die beiden langen Balladen, das Titelstück und „As the Years Go Passing By“, fast acht Minuten langsamer Blues. Sie geben dem Album sein Gewicht und verhindern, dass es zur bloßen Parade schneller Soli wird.
Ein Erfolg, mit dem niemand rechnete
In den Niederlanden und Schweden stand das Album auf Platz 1, in Großbritannien kam es auf Platz 13. Weltweit verkaufte es sich rund drei Millionen Mal, in den USA wurde es Moores einzige Goldene Schallplatte. Die Tournee war für wenige Wochen geplant und wurde mit den steigenden Verkäufen immer länger. Eine US-Tour im Vorprogramm der Vaughan Brothers fiel aus, weil Stevie Ray Vaughan im August 1990 tödlich verunglückte.
05Warum es einen Abend trägt
Zwölf Stücke, rund 53 Minuten. Das schnelle „Moving On“ eröffnet, nach drei Stücken folgt das Titelstück als erster Ruhepunkt. Danach wechseln sich Tempo und Ballade ab, bis „As the Years Go Passing By“ und das stille „Midnight Blues“ den Abend in die Tiefe führen. Dort endete 1990 die Schallplatte, die nur neun Titel hatte. Auf der CD folgen noch Harrisons „That Kind of Woman“, „All Your Love“ und „Stop Messin’ Around“, wie ein Nachschlag nach dem eigentlichen Schluss.
Laut, aber mit Gefühl
Das Album eignet sich gut für eine Runde, in der nicht alle Blues-Kenner sind. Es ist zugänglich, abwechslungsreich und hat mit den Bläsern und Streichern mehr Farben als eine reine Trioplatte. Nach „Midnight Blues“ lohnt sich ein Gespräch darüber, wie viel Rock im Blues stecken darf – und danach der Vergleich mit Albert Kings eigener Fassung von „Oh Pretty Woman“.
Kann man sich die Musik zurückholen, mit der man angefangen hat, nachdem man zehn Jahre lang etwas ganz anderes gespielt hat?
Weiterhören
-
Albert King
Born Under a Bad Sign
1967
Hier stehen „Oh Pretty Woman“ und „As the Years Go Passing By“ in den Fassungen von Albert King, der bei Moore selbst zu Gast war.
Zur Album-Story → -
John Mayall & the Bluesbreakers
Blues Breakers with Eric Clapton
1966
Das Album, mit dem der britische Blues seinen Gitarrenton fand – und in dessen Band Peter Green danach auf Eric Clapton folgte.
Zur Album-Story → -
Buddy Guy
Damn Right, I've Got the Blues
1991
Ein Jahr später gelang Buddy Guy mit einer Bluesplatte voller Gäste das große Comeback.
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Mehr über Gary Moore: Porträt mit Zeitleiste →
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