1994Albumvorschlag
Superunknown
Soundgarden
Sechzehn Songs, knapp vierundsiebzig Minuten, vier Plattenseiten. Auf Superunknown wird aus einer schweren Band aus Seattle eine Band, die Platz eins der amerikanischen Charts erreicht, ohne leiser zu werden.
Nach Badmotorfinger und der Lollapalooza-Tour 1992 schrieben die vier Musiker zunächst jeder für sich und brachten Demos mit. Für die Aufnahmen holten sie einen neuen Produzenten, Michael Beinhorn, und gingen im Sommer 1993 ins Studio Bad Animals in Seattle. Heraus kam ihr längstes und vielseitigstes Album.
- Laufzeitrund 74 Minuten
- Titel16
- Jahr1994
- AufgenommenBad Animals Studio, Seattle (Juli–September 1993)
Tracklist
- Let Me Drown3:52
- My Wave5:11
- Fell on Black Days4:42
- Mailman4:25
- Superunknown5:06
- Head Down6:08
- Black Hole Sun5:18
- Spoonman4:06
- Limo Wreck5:47
- The Day I Tried to Live5:19
- Kickstand1:34
- Fresh Tendrils4:16
- 4th of July5:08
- Half2:14
- Like Suicide7:11
- She Likes Surprises3:16
Zum Cover
Das Bild wirkt wie ein Traum, der sich nicht festhalten lässt. Oben verschwimmen die Gesichter der Bandmitglieder in orangefarbenen, verzerrten Flecken. Darunter steht ein Wald in Schwarzweiß auf dem Kopf, als hätte jemand die Welt umgedreht. Das Motiv trägt den Namen „Screaming Elf“.
Fotografiert hat Kevin Westenberg. Er stammt aus Seattle, lebte aber schon länger in England, und hat erzählt, wie viel ihm dieser Auftrag bedeutete. Einen festen Plan gab es am Tag der Aufnahme nicht. Für das Cover wurde das Foto beschnitten. Dabei fiel Schlagzeuger Matt Cameron heraus, was Westenberg bis heute bedauert: „Not my choice.“
Das Bild passt zum Titel. Chris Cornell hat Superunknown mit Geburt und Tod in Verbindung gebracht, mit dem Moment, in dem man in etwas hineingespült wird, von dem man nichts weiß. Den Titel selbst fand er durch einen Lesefehler: Er hielt eine Videokassette mit dem Titel „Superclown“ für „Superunknown“.
Foto: Kevin Westenberg
Label: A&M Records, 1994
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„In some ways this cover was just one glorious accident. There was no real plan on the day of the album shoot.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie Superunknown entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Chris Cornell sang viele seiner Gesangsspuren nicht in der Aufnahmekabine, sondern im Regieraum, ohne Kopfhörer, sechs bis acht Durchgänge pro Song. Michael Beinhorn probierte nach eigener Aussage dreißig bis vierzig Mikrofone aus, bevor er sich meist für ein Neumann U 87 entschied.
Das hielt nicht lange. Cornells Stimme war so laut und kraftvoll, dass mehrere Kondensatormikrofone dabei kaputtgingen. „He literally blew through a bunch of condenser mikes. I've never seen anyone do that before“, sagte Beinhorn.
Sinatra für einen Rocksänger
Beinhorn wollte mehr als Kraft. Er spielte Cornell Aufnahmen von Frank Sinatra vor, um ihm zu zeigen, wie ein Sänger aus einer ganz anderen Welt die Phrasierung als Ausdrucksmittel nutzt. Man hört das in „Black Hole Sun“: Die Strophen sind zurückgenommen, fast gesprochen, erst der Refrain öffnet sich. Cornell selbst hat den Song als traurig beschrieben, auch wenn die schöne Melodie viele Hörer etwas anderes glauben lässt.
02Wie Superunknown entstand
Soundgarden begannen etwa zwei Monate nach Lollapalooza 1992 mit der Arbeit am nächsten Album. Anders als früher kamen alle vier mit eigenen Songs. Den Produzenten wechselten sie bewusst. Kim Thayil sagte dazu schlicht: „We just thought we'd go for a change.“
Aufgenommen wurde von Juli bis September 1993 bei Bad Animals in Seattle, einem Studio, an dem damals Ann und Nancy Wilson von Heart beteiligt waren. Zwischendurch unterbrach die Band die Sessions für eine zehntägige Tour als Vorgruppe von Neil Young.
Eine Woche für einen Schlagzeugsound
Einfach waren die Sessions nicht. Beinhorn hat sie als eine der schwierigsten seiner Laufbahn beschrieben, es habe durchgehend Spannungen gegeben. Streitpunkt war seine Arbeitsweise: Er verbrachte eine Woche damit, einen Schlagzeugsound zu finden, und die Band, besonders Matt Cameron, wurde darüber ungeduldig. Rückblickend sagte er, er würde nichts anders machen. Bassist Ben Shepherd nannte ihn später einen Innovator, der weit über das Übliche hinaus dachte.
03Der Klang
Beinhorn ließ auf zwei Studer-Bandmaschinen aufnehmen, das Schlagzeug auf 16 Spuren, alles andere auf 24, über ein Neve-Pult. Gemischt hat zum größten Teil Brendan O'Brien. Die Gitarren sind oft tiefer oder ungewöhnlich gestimmt, manche Saiten auf denselben Ton. Dazu kommen krumme Takte: „Fell on Black Days“ steht im 6/4-Takt, „Limo Wreck“ im 15/8, „My Wave“ wechselt zwischen 5/4 und 4/4.
Trotzdem klingt das Album nicht verkopft. Thayil erklärte den neuen, melodischeren Ton mit einem Scherz über die Beatles: „We looked deep down inside the very core of our souls and there was a little Ringo sitting there.“
Genau hingehört
Eine Gitarre, die kreist
Achten Sie beim Anfang von „Black Hole Sun“ auf die Gitarre. Sie läuft durch einen Leslie-Lautsprecher, ein Kabinett mit einem rotierenden Zwölfzoll-Lautsprecher, wie man es von Orgeln kennt. Obwohl nur ein Lautsprecher spielt, wandert der Klang im Raum und schwebt leicht. Thayil sagte, der Leslie habe den Song vollständig verändert. Auf einer guten Anlage hört man, wie der Ton zwischen den Boxen kreist.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Über siebzig Minuten sind viel für ein Rockalbum. Cornell hat erklärt, die Band habe sich einfach nicht darüber streiten wollen, was wegfällt. Das Ergebnis ist kein Durcheinander, sondern ein Album mit vielen Farben: der schnelle Einstieg mit „Let Me Drown“, der schwere Titelsong, das kurze, rohe „Kickstand“, das leise „Half“ und am Ende das lange, dunkle „Like Suicide“. Den Anstoß zu diesem Song gab ein Vogel, der gegen Cornells Fenster geflogen war und den er von seinem Leiden erlöste.
Von null auf Platz eins
Superunknown erschien am 8. März 1994 und stieg in den USA auf Platz eins ein, mit rund 310.000 verkauften Exemplaren in der ersten Woche. Auch in Kanada, Australien und Neuseeland stand es an der Spitze. „Black Hole Sun“ und „Spoonman“ gewannen jeweils einen Grammy. In den USA wurde das Album später mit sechsfachem Platin ausgezeichnet. Nach Chris Cornells Tod im Mai 2017 kehrte es noch einmal in die Charts zurück.
05Warum es einen Abend trägt
Auf Vinyl verteilt sich Superunknown auf vier Seiten zwischen gut sechzehn und rund zweiundzwanzig Minuten. Das ergibt drei natürliche Pausen. Seite A endet mit „Mailman“, Seite B mit „Black Hole Sun“, Seite C mit dem kurzen Ausbruch „Kickstand“. Jede Seite hat ihren eigenen Bogen, und jedes Umdrehen gibt einen Moment zum Durchatmen.
Die letzte Seite
Seite D ist die längste und ruhigste. „Fresh Tendrils“, „4th of July“ und „Half“ führen langsam zu „Like Suicide“, das sich über sieben Minuten aufbaut und wieder zurückzieht. Auf der Doppel-LP folgt danach noch „She Likes Surprises“, das auf der CD fehlte. Wer das ganze Album am Stück hört, erlebt eine Band, die sich traut, zugleich schwer, schön und seltsam zu sein.
Was bleibt, wenn man sich über vier Plattenseiten ins Unbekannte spülen lässt?
Weiterhören
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