1997Albumvorschlag
The Velvet Rope
Janet Jackson
Sie hatte gerade den größten Plattenvertrag der Musikgeschichte unterschrieben und blieb der Aufnahme trotzdem tagelang fern – weil sie über sich selbst singen sollte und nicht wusste, ob sie das wollte.
Zweiundzwanzig Stücke, sieben davon nur wenige Sekunden lang, dazwischen ein Konzept, das aus einer Depression entstand. Was man von diesem Album kennt, ist der Hit über eine Trennung. Was man weniger kennt, ist die Selbstbefragung, aus der die ganze Platte gebaut ist.
- Laufzeitrund 75 Minuten
- Titel22
- Jahr1997
- AufgenommenFlyte Tyme Studios Edina/Minneapolis, The Hit Factory New York, Record Plant Los Angeles
Tracklist
- Interlude – Twisted Elegance0:41
- Velvet Rope4:55
- You4:42
- Got 'til It's Gone4:01
- Interlude – Speaker Phone0:54
- My Need3:44
- Interlude – Fasten Your Seatbelts0:19
- Go Deep4:42
- Free Xone4:57
- Interlude – Memory0:04
- Together Again5:01
- Interlude – Online0:19
- Empty4:32
- Interlude – Full0:12
- What About4:24
- Every Time4:17
- Tonight's the Night5:07
- I Get Lonely5:17
- Rope Burn4:15
- Anything4:54
- Interlude – Sad0:10
- Special7:55
Zum Cover
Vor tiefrotem Grund senkt Janet Jackson den Kopf, das Gesicht halb verschattet. Ihr Name steht nicht in großen Lettern über dem Bild, sondern kaum lesbar, wie in Bildpunkte aufgelöst, am Rand. Kein Blick in die Kamera, keine Pose – nur eine Haltung, die nach innen geht.
Jackson selbst hat die Wahl so erklärt: „The shot we used on the cover shows me just looking down, and that's what the album was about, looking inward.“ Fotografiert haben Ellen von Unwerth und Mario Testino; zum Bildkonzept des Albums gehörten außerdem henna-rotes Haar, mehrere neue Tätowierungen und der westafrikanische Sankofa-Vogel als Symbol dafür, dass man nicht vorankommt, ohne die eigene Vergangenheit anzusehen – ein Motiv, das Jackson sich selbst auf das Handgelenk tätowieren ließ.
Zum Titel passt das Bild genau: Eine Hülle, die nicht zeigt, sondern verbirgt, für ein Album, dessen erklärtes Thema die Seile sind, die Menschen zwischen sich und andere legen – und was passiert, wenn man sie für einen Moment beiseiteschiebt.
Fotografie: Ellen von Unwerth, Mario Testino
Label: Virgin Records, 1997
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.
„That was a tough album to make for her. There were times when she would not show up at the studio for five or six days in a row.“
In diesem Artikel
- 01Der besondere Moment
- 02Wie The Velvet Rope entstand
- 03Der Klang
- 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
- 05Warum es einen Abend trägt
01Der besondere Moment
Kurz vor den Aufnahmen hatte Janet Jackson gerade den bis dahin größten Plattenvertrag der Musikgeschichte unterschrieben, rund achtzig Millionen Dollar bei Virgin Records. Nach außen sah das nach dem Höhepunkt einer Karriere aus. Im Studio in Minneapolis passierte das Gegenteil: Sie kam tagelang nicht. Jimmy Jam, der mit Terry Lewis seit Jahren mit ihr arbeitete, hat das Jahr später so beschrieben: „That was a tough album to make for her. There were times when she would not show up at the studio for five or six days in a row.“
Was sie in dieser Zeit beschäftigte, hat Jackson selbst erst nach und nach öffentlich gemacht: eine Depression, die sie bis in die Zeit ihrer vorangegangenen Welttournee zurückverfolgte, dazu Körperbild, Essverhalten und eine frühere, kurze und annullierte Ehe, über die sie lange nicht sprach. „I had my ways of hiding my pain. Laughing when there was nothing to laugh at“, sagte sie später über diese Jahre.
Die Begegnung in der Wüste
Den Anstoß, das offen zu verarbeiten statt weiter zu verbergen, verortet Jackson selbst unter anderem in einem Aufenthalt in der Wüste, bei dem sie nach eigener Schilderung einem spirituellen Lehrer begegnete: „we went to this very spiritual place in the desert… That's where I met him, this cowboy.“ Wie viel dieser einzelnen Begegnung zuzuschreiben ist und wie viel einem längeren Prozess aus Therapie und Selbstreflexion, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht sauber trennen – überliefert ist nur, dass Jackson diesen Moment selbst als Wendepunkt benennt.
Aus dieser Unruhe heraus wurde aus einem geplanten weiteren Popalbum ein anderes Projekt: „Singing these songs has meant digging up pain that I buried a long time ago“, sagte Jackson zur Veröffentlichung. Fünf oder sechs Tage Fernbleiben im Studio waren demnach kein Zeichen mangelnder Disziplin, sondern die sichtbare Seite einer Arbeit, die vor dem eigentlichen Singen erst einmal im Kopf stattfinden musste.
Belegt sind Jams Beobachtung und Jacksons eigene Rückblicke unabhängig voneinander in mehreren Interviews aus der Zeit um die Veröffentlichung. Einzelne Details – etwa Ort und Zeitpunkt der Wüstenreise – sind nur durch Jacksons eigene, spätere Erzählung überliefert.
02Wie The Velvet Rope entstand
Elf Jahre zuvor hatte Jackson mit Control ein Album darüber gemacht, wie sie sich mit zwanzig aus der Kontrolle ihrer Familie löste. The Velvet Rope ist kein zweiter Aufbruch dieser Art, sondern die Umkehrung der Perspektive: Ging es 1986 darum, die eigene Regie zu übernehmen, geht es 1997 darum, das offenzulegen, was hinter dieser Regie liegt. Für die Aufnahmen kehrte Jackson erneut zu Jimmy Jam und Terry Lewis zurück, die sie seit Control auf jedem Studioalbum produziert hatten – diesmal jedoch mit einem Album, das sie ausdrücklich nicht als weiteres Erfolgsrezept, sondern als persönliches Projekt anlegten.
Den Titel erklärte Jackson mit einem Bild aus dem Nachtleben: „We've all driven by premieres or nightclubs, and seen the rope…“ Das Seil, das entscheidet, wer hinein darf und wer draußen bleibt, wurde ihr zum Sinnbild für Ausgrenzung jeder Art – nach Herkunft, Hautfarbe, sozialem Status, Alter, sexueller Orientierung. Nach innen gewendet wurde daraus zugleich ein zweites Bild: ein Seil, das jeder Mensch auch vor sich selbst zieht, um eigene Gefühle nicht an sich heranzulassen.
René Elizondos Songtexte
Geschrieben und produziert wurde das Album von Janet Jackson gemeinsam mit Jimmy Jam (James Harris III) und Terry Lewis; an mehreren Songtexten war zudem René Elizondo jr. als Ko-Autor beteiligt, mit dem Jackson zu dieser Zeit privat liiert war. Aufgenommen wurde zwischen Januar und Juli 1997, den Kern der Sessions bildeten erneut die Flyte Tyme Studios von Jam und Lewis im Großraum Minneapolis, dazu kamen Sitzungen im Hit Factory in New York und im Record Plant in Los Angeles. Veröffentlicht wurde The Velvet Rope am 7. Oktober 1997 bei Virgin Records.
Formal ungewöhnlich ist die Zahl der Interludes: sieben kurze, oft nur Sekunden lange Zwischenstücke, die zwischen den eigentlichen Songs liegen und das Album wie eine zusammenhängende Erzählung wirken lassen statt wie eine Sammlung von Singles. Über ihren genauen Entstehungsprozess ist wenig dokumentiert; im Ergebnis funktionieren sie wie Atempausen zwischen den einzelnen Themen, die die Platte verhandelt.
03Der Klang
Musikalisch ist The Velvet Rope ein deutlich anderes Album als Jacksons frühere Platten. Über dem R&B- und Pop-Kern liegen Elemente aus Trip-Hop, Techno, Jazz, Folk und Rock – Kritiker haben das Album später unter anderem als einen Vorläufer dessen beschrieben, was danach als „düsteres“, introspektives Popalbum zum eigenen Genre wurde.
Mehrere Tracks arbeiten offen mit älterem Material. Der Titelsong verwendet ein Sample von Mike Oldfields Tubular Bells und wird von der Geigerin Vanessa-Mae begleitet. „Got 'til It's Gone“, mit einem Gastauftritt von Q-Tip, baut auf einem Sample von Joni Mitchells „Big Yellow Taxi“ auf. „Free Xone“ greift auf Funk-Material unter anderem von Lyn Collins und Archie Bell & the Drells zurück. Eine Zuordnung ist hier an dieser Stelle wichtig: „Tonight's the Night“ ist keine Sample-Verwendung, sondern eine vollständige Coverversion von Rod Stewarts gleichnamigem Song von 1976, textlich umgedeutet auf eine weibliche Angesprochene. Ein Sample in „I Get Lonely“ ist dagegen in keiner geprüften Quelle dokumentiert – der Song steht als sparsame, weitgehend solistisch gesungene Ballade für sich.
Der Streit um Tonight's the Night
Die Rezeption solcher Popstar-Coverwahlen erklärt Jackson selbst mit einem Satz zu „Tonight's the Night“: „The record company tried to talk me out of it because it's directed toward a girl. I love the song the way it is, and it's reality for a lot of people.“ Auch das gehört zum Klangbild des Albums: Es wird nicht nur produziert, sondern immer wieder bewusst gegen den Rat der eigenen Plattenfirma entschieden.
Kritiker haben die Bandbreite unterschiedlich bewertet. Für die einen war es genau diese Vielfalt, die das Album trägt; für andere macht sie es unübersichtlich. Übereinstimmend beschrieben wird aber ein zentrales Merkmal: Die Produktion bleibt trotz der vielen Stilwechsel handwerklich präzise und dicht gearbeitet – kein loses Nebeneinander von Ideen, sondern eine bewusst geschichtete Studioarbeit von Jam, Lewis und Jackson.
Hörmoment
Together Again
Der größte Hit des Albums klingt wie ein reiner Dancefloor-Track – hell, schnell, für die Tanzfläche gebaut. Geschrieben ist er als Erinnerung an einen Freund, den Jackson an Aids verloren hatte. Diese Spannung zwischen tröstlicher, fast fröhlicher Musik und einem Text über Verlust ist eines der deutlichsten Beispiele dafür, wie das Album ernste Themen bewusst nicht in Moll verpackt.
Eine Sekundenangabe steht hier nicht, weil für dieses Album in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke genannt wird. Der Kontrast zwischen Klang und Text ist trotzdem beim ersten Hören zu bemerken.
04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
Die Kritik reagierte 1997 gespalten, allerdings selten gleichgültig. Jon Pareles nannte es in der New York Times „her most daring, elaborate and accomplished album“. Greg Kot beschrieb es im Chicago Tribune als „soundtrack to a therapy session“ – ein Bild, das angesichts der Interlude-Struktur und der offenen Verarbeitung eigener Themen naheliegt. Vince Aletti lobte in der Village Voice die „unusually busy, electronica-spiked soundscape“ des Albums, merkte aber an, dass Jackson dabei stets eine gewisse „isolating control“ über das Material behalte. Andere Stimmen, etwa bei AllMusic, fanden gerade die Länge von rund fünfundsiebzig Minuten anstrengend und die stärksten Songs darin schwer aufzufinden.
„Soundtrack to a therapy session“
Was diese unterschiedlichen Urteile eint, ist die Beobachtung, dass hier kein Konzeptalbum im klassischen Sinn vorliegt, sondern ein thematisches: Die Titelmetapher – das Seil, das aussperrt oder abschirmt – taucht in ganz unterschiedlichen Songs wieder auf, von Klassenschranken über Homophobie bis zu häuslicher Gewalt und der eigenen Scham. Die Interludes wirken dabei wie kurze Rückblenden zu diesem Grundgedanken, bevor der nächste Song ihn an einem neuen Beispiel durchspielt.
Offen über sich selbst
Depression und ein Song gegen Homophobie
Anders als viele Popalben ihrer Zeit spricht The Velvet Rope seine schwierigsten Themen direkt an. Jackson hat ihre Depression, ihr Ringen mit dem eigenen Körperbild und ihr Essverhalten in Interviews zur Albumveröffentlichung offen beschrieben, ohne sie im Nachhinein zu verharmlosen: „I'd look in the mirror and hate myself. I'd sit and cry.“ Diese Offenheit war zu diesem Zeitpunkt für einen kommerziell derart erfolgreichen Popstar ungewöhnlich.
Ebenso direkt ist „Free Xone“, ein Song, den Jackson selbst so erklärte: „It's about homophobia and the pain it causes.“ Der Track benennt gleichgeschlechtliche Beziehungen ausdrücklich und positiv, in einer Zeit, in der das im Mainstream-Pop selten war. Jackson nahm die Reaktionen darauf bewusst in Kauf: „I have a lot of gay friends, men and women, and that's why I did it. I knew people would say I was gay, and I didn't care.“ Das Album wurde später unter anderem mit einem GLAAD Award ausgezeichnet, in Singapur wegen seiner pro-homosexuellen Texte zeitweise mit Einschränkungen belegt.
Beide Themen – die eigene psychische Verfassung und die Solidarität mit queeren Hörerinnen und Hörern – werden hier sachlich eingeordnet, weil sie zum belegten Kern des Albums gehören, nicht als Randnotiz. Weitergehende medizinische oder biografische Details, die nicht von Jackson selbst öffentlich gemacht wurden, sind bewusst nicht Teil dieses Textes.
Fast auf diesem Album
Ein verstecktes Ende
Der letzte reguläre Song, „Special“, läuft fast acht Minuten und endet nicht einfach, sondern geht nach einer Pause in einen zusätzlichen, ursprünglich ungelisteten Track über: „Can't Be Stopped“, den Jackson später als an junge Menschen gerichtet beschrieb, „die entmutigt oder diskriminiert werden“. Erst 2022, zum fünfundzwanzigsten Jubiläum, wurde er offiziell als eigenständiger Titel veröffentlicht.
Für japanische Käufer gab es zudem einen eigenen Bonustrack, „God's Stepchild“, der auf internationalen Ausgaben fehlte. Beide Songs zeigen, wie viel Material rund um das Konzept entstand, das es nicht in jede Fassung des Albums schaffte.
05Warum es einen Abend trägt
Rund fünfundsiebzig Minuten sind für einen Hörabend lang – genau darin liegt aber auch das, was diese Platte für einen konzentrierten Abend interessant macht. Sie beginnt nach außen gerichtet, mit Songs über Ausgrenzung, Begehren und ein gefeiertes Comeback auf der Tanzfläche, und wird zur zweiten Hälfte hin spürbar privater: „Empty“, „What About“ und „I Get Lonely“ handeln nicht mehr von der Welt draußen vor dem Seil, sondern von dem, was passiert, wenn niemand mehr zusieht.
Elf Jahre nach Control
Verglichen mit Control, dem Album, mit dem Jackson elf Jahre zuvor bekannt wurde, ist das ein anderer Abend: Damals ging es darum, eine Haltung nach außen zu behaupten; hier geht es darum, diese Haltung für einen Moment abzulegen. Wer beide Platten im Abstand kennt, hört an dieser Stelle keinen Widerspruch, sondern eine Fortsetzung – dieselbe Stimme, elf Jahre später, mit einer anderen Frage.
Ehrlich sollte man auch sagen, was das Album verlangt: Es ist nicht durchgehend leicht zu hören. Domestic Violence in „What About“, Depression in mehreren Interludes, offen sexuelle Songs wie „Rope Burn“ – wer einen unbeschwerten Popabend erwartet, sollte wissen, dass diese Platte das nicht durchgehend liefert. Was sie dafür zurückgibt, ist Musik, die genau deshalb bis heute als eines der persönlichsten Alben ihrer Karriere gilt.
Zahlen und Nachwirkung
„Together Again“ stieg 1997/98 auf Platz eins der Billboard Hot 100 und blieb danach ungewöhnlich lange in den Charts vertreten – ein Verlauf, der bis heute als einer der langlebigsten Single-Erfolge der Neunzigerjahre gilt. Das Album selbst stieg direkt auf Platz eins der Billboard 200 ein, wurde in den USA mehrfach Platin und verkaufte sich weltweit schätzungsweise rund acht Millionen Mal.
In der Rückschau wird The Velvet Rope häufig als frühes Vorbild für spätere, offen autobiografische Alben genannt – von Beyoncés Lemonade bis zu R&B-Alben von Frank Ocean oder The Weeknd. Wie direkt diese Linien tatsächlich verlaufen, wird in der Popkritik unterschiedlich bewertet; unstrittig ist, dass Jacksons Album 1997 zu den ersten kommerziell derart erfolgreichen Platten gehörte, die psychische Gesundheit so offen zum Thema machten.
Wie klingt ein Album, das ausgerechnet auf dem Höhepunkt einer Karriere beschließt, das Seil vor sich selbst zu öffnen?
Weiterhören
-
Janet Jackson
Control
1986
Dieselbe Sängerin, elf Jahre früher: Dort ging es darum, eine Haltung nach außen zu behaupten. Hier geht es darum, sie für einen Moment abzulegen – zwei Alben, die sich gegenseitig erklären.
Zur Album-Story → -
Beyoncé
Lemonade
2016
Ein weiteres Album, das eine bereits etablierte Popkarriere für offen autobiografisches Material riskiert – Kritikerinnen und Kritiker ziehen diese Linie regelmäßig zurück bis zu Jacksons Platte.
Zur Album-Story → -
Erykah Badu
Baduizm
1997
Im selben Jahr erschienen, aus derselben R&B-Landschaft: eine ruhigere, aber ähnlich introspektive Antwort auf die Frage, wie viel Persönliches ein Popalbum tragen kann.
Zur Album-Story →
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