Künstlerporträt
Lou Reed
Ein New Yorker Songschreiber, der mit wenigen Akkorden und klarer Sprache Geschichten aus seiner Stadt erzählte und damit Generationen von Musikern prägte.
Lou Reed hat den Rocksong wie eine Kurzgeschichte behandelt. Er sang nicht, er erzählte – mit trockener Stimme, oft über zwei, drei Akkorde, und mit dem Blick eines Schriftstellers auf die Menschen um ihn herum. Mit The Velvet Underground und Andy Warhol stand er in den Sechzigern im Zentrum der New Yorker Kunstszene. Solo gelang ihm 1972 mit Transformer, produziert von David Bowie und Mick Ronson, sein bekanntestes Album. Danach ging er über vier Jahrzehnte eigene, oft unbequeme Wege.
In diesem Porträt
1942–1964
01 Long Island und Syracuse
Lewis Allan Reed wurde am 2. März 1942 in Brooklyn geboren und wuchs in Freeport auf Long Island auf. Als Jugendlicher hörte er Rock ’n’ Roll, Doo-Wop und Rhythm and Blues im Radio, lernte Gitarre und spielte in Schülerbands.
An der Syracuse University studierte er Englisch. Dort wurde der Dichter Delmore Schwartz sein Lehrer und Vorbild – Reed nannte ihn später den ersten großen Menschen, dem er begegnet sei. Von ihm lernte er, dass man mit einfachen Worten ernsthafte Literatur schreiben kann.
1964–1970
02 The Velvet Underground
1964 zog Reed nach New York und schrieb als Auftragssongschreiber für das Billiglabel Pickwick Records, das Tanzhits nachahmte. Für seinen Song „The Ostrich“ wurde eine Band zusammengestellt, und darin traf er den walisischen Bratschisten John Cale. Aus dieser Begegnung entstand The Velvet Underground.
Mit Andy Warhol als Mentor und der Sängerin Nico entstand 1966 das Debüt The Velvet Underground & Nico. Vier Studioalben lang war Reed Hauptsongschreiber und Sänger der Band, mit Liedern wie „Sunday Morning“, „Pale Blue Eyes“ und „Sweet Jane“. Im August 1970 stieg er aus.
1971–1972
03 Neubeginn in London
Nach seinem Ausstieg zog sich Reed zunächst zurück und arbeitete eine Zeit lang im Büro seines Vaters auf Long Island. Die Plattenfirma RCA holte ihn schließlich zurück ins Studio, und zwar nach London.
Dort nahm er 1971 in den Morgan Studios sein erstes Soloalbum auf, das 1972 schlicht unter seinem Namen erschien. Es fand wenig Beachtung. In England aber hatte Reed einen einflussreichen Bewunderer: David Bowie, der Songs der Velvet Underground in seine Konzerte aufnahm.
1972
04 Transformer
Im August 1972 ging Reed mit David Bowie und dessen Gitarristen Mick Ronson in die Trident Studios in London. Bowie war gerade mit Ziggy Stardust berühmt geworden, Ronson schrieb die Arrangements für Streicher und Bläser und spielte Gitarre und Klavier. Am Bass waren Herbie Flowers und Klaus Voormann zu hören, der Freund der Beatles aus Hamburger Tagen. Bowie sang im Hintergrund, am deutlichsten auf „Satellite of Love“.
Transformer erschien am 8. November 1972. Die Songs erzählen von der Szene um Warhols Factory, etwa „Andy’s Chest“, das Reed noch aus Velvet-Zeiten mitbrachte. Zum Hit wurde „Walk on the Wild Side“ mit dem gleitenden Kontrabass von Herbie Flowers, dem Chor der Thunderthighs und einem Baritonsaxofon-Solo von Ronnie Ross, der Bowie als Jugendlichem Saxofonunterricht gegeben hatte.
Ganz anders klingt „Perfect Day“: eine zarte Ballade mit Klavier und Streichern, die Mick Ronson arrangierte. Die Single „Walk on the Wild Side“ kam in den USA auf Platz 16, das Album in Großbritannien auf Platz 13. Lou Reed war mit dreißig Jahren plötzlich ein Popstar.
1973–1989
05 Eigene Wege
Statt den Erfolg zu wiederholen, nahm Reed 1973 das düstere Konzeptalbum Berlin auf, in Großbritannien ein Top-Ten-Erfolg. 1974 zeigte das Livealbum Rock ’n’ Roll Animal seine Velvet-Songs im Gewand einer harten Rockband mit zwei Leadgitarristen.
In den Achtzigern fand er zu einem klaren, gitarrenbetonten Klang zurück. The Blue Mask von 1982 gilt als eines seiner stärksten Alben, ebenso New York von 1989: vierzehn Songs über seine Stadt, gespielt von einer kleinen Band, als säße man in einem Club in Manhattan.
1990–2013
06 Späte Werke
Nach dem Tod von Andy Warhol im Jahr 1987 fanden Reed und John Cale wieder zusammen. 1990 erschien ihr gemeinsames Album Songs for Drella, ein stilles Porträt ihres Förderers, nur mit Gitarre, Klavier und Bratsche. 1993 ging auch The Velvet Underground noch einmal auf Tournee durch Europa.
2008 heiratete Reed die Musikerin und Performancekünstlerin Laurie Anderson. 2011 nahm er mit Metallica das gemeinsame Album Lulu auf. Lou Reed starb am 27. Oktober 2013 in East Hampton, New York.
2013–heute
07 Was bleibt
2015 wurde Lou Reed als Solokünstler in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, in die er mit The Velvet Underground bereits 1996 gekommen war. „Perfect Day“ erreichte schon 1997 in einer Fassung vieler Musiker für einen Wohltätigkeitsaufruf der BBC Platz eins in Großbritannien.
Seine Art, über Menschen am Rand der Großstadt zu schreiben, ohne sie zu bewerten, hat Punk, New Wave und Indie-Rock tief geprägt. Von Patti Smith bis R.E.M. haben sich viele Musiker auf ihn berufen.
Hörtipp
Transformer passt gut an den Anfang eines Abends in kleiner Runde: erst die Geschichten aus New York, dann die Ruhe von „Perfect Day“ – und viele entdecken dabei, wie viel David Bowie in diesem Album steckt. Zur Album-Story →
Das Album bei Musik Ungestört
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David Bowie
The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars
1972rund 39 Minuten
David Bowie und Mick Ronson, die Transformer produzierten, hatten kurz zuvor mit Ziggy Stardust ihren großen Durchbruch gefeiert.
Zur Album-Story → -
Künstlerporträt
The Velvet Underground
1 Album auf dieser Seite
Mit The Velvet Underground schrieb Lou Reed die Songs, die ihn bekannt machten; „Andy’s Chest“ und „Satellite of Love“ auf Transformer stammen noch aus dieser Zeit.
Zum Porträt →
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