Liebeserklärung Nr. 2 von 9
An ein Mixtape.
Neunzig Minuten, in denen jemand an mich gedacht hat.
Ein Mixtape nimmt man nicht auf. Man baut es. Lied für Lied, in Echtzeit. Wer neunzig Minuten Musik auf eine Kassette bringen will, braucht dafür neunzig Minuten. Mindestens. Meistens einen ganzen Abend.
Man sitzt vor dem Rekorder, den Finger auf der Pausentaste, und wartet, bis das nächste Stück genau an der richtigen Stelle beginnt. Zu früh, und der Anfang fehlt. Zu spät, und da ist ein Loch. Geht es schief, spult man zurück und versucht es noch einmal.
Eine Reihenfolge ist eine Aussage
Das Schwierigste war nie die Auswahl. Es war die Reihenfolge. Welches Lied zuerst, damit die andere Person weiterhört. Welches ans Ende von Seite A, damit sie umdreht. Und welches ganz zum Schluss, als letzter Satz, wenn das Band ausläuft.
Dazu die Hülle. Die Titel mit der Hand auf den schmalen Einleger geschrieben, viel zu klein, weil der Platz nie reicht. Manchmal ein ausgeschnittenes Bild dazu. Man sah dem Ding an, dass sich jemand Zeit genommen hatte. Und für wen.
Eine Playlist teilt man. Ein Tape verschenkt man.
Heute schicke ich einen Link, und nach drei Sekunden ist eine Playlist unterwegs. Das ist praktisch. Aber niemand hat dafür einen Abend vor dem Rekorder gesessen. Niemand hat zurückgespult, weil ein Übergang nicht saß. Eine Playlist kann man teilen. Ein Tape konnte man nur verschenken.
Für meine Hörabende überspiele ich jedes Album vorher auf Band, in Echtzeit, Stück für Stück, und höre es einmal komplett durch. Es ist dasselbe wie damals: Die Zeit, die das kostet, gehört zum Geschenk dazu.
Man hörte nicht nur die Lieder.
Man hörte, dass jemand an einen gedacht hat.
Marcel