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1961Albumvorschlag

King of the Delta Blues Singers

Robert Johnson

Ein Mann, eine Gitarre, ein Hotelzimmer in San Antonio und ein gutes halbes Jahr später ein Raum in einem Bürohaus in Dallas. Mehr brauchte es nicht für sechzehn Stücke, die ein Vierteljahrhundert später eine ganze Generation von Musikern umwarfen.

Robert Johnson nahm 1936 und 1937 in Texas 29 Songs auf und starb 1938, fast unbekannt. Erst die Columbia-Platte King of the Delta Blues Singers von 1961 machte ihn zu dem Namen, auf den sich Eric Clapton, Keith Richards und Bob Dylan beriefen.

  • Laufzeitrund 42 Minuten
  • Titel16
  • Jahr1961
  • AufgenommenSan Antonio und Dallas (1936–1937)
Das Albumcover von King of the Delta Blues Singers: ein gemalter Gitarrist, von schräg oben gesehen, der auf einem Stuhl sitzt, in Braun- und Rottönen.
Robert Johnson, King of the Delta Blues Singers, Columbia 1961. Illustration Burt Goldblatt. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Crossroads Blues2:28
  2. Terraplane Blues2:58
  3. Come On in My Kitchen2:46
  4. Walking Blues2:28
  5. Last Fair Deal Gone Down2:38
  6. 32-20 Blues2:50
  7. Kindhearted Woman Blues2:50
  8. If I Had Possession Over Judgment Day2:34
  9. Preaching Blues2:50
  10. When You Got a Good Friend2:35
  11. Rambling on My Mind2:49
  12. Stones in My Passway2:25
  13. Traveling Riverside Blues2:43
  14. Milkcow's Calf Blues2:14
  15. Me and the Devil Blues2:30
  16. Hellhound on My Trail2:36

Gesamtlänge rund 42 Minuten42:14

Zum Cover

Kein Foto, sondern ein Gemälde in Braun- und Rottönen: ein Gitarrist in Arbeitskleidung auf einem Stuhl, von schräg oben gesehen, allein mit seinem Instrument, das Gesicht nicht zu erkennen. Das hatte einen einfachen Grund. 1961 kannte die Plattenfirma kein Bild von Robert Johnson.

Gemalt hat das Cover Burt Goldblatt, ein Grafiker und Fotograf, der vor allem für Jazzplatten arbeitete. Die beiden bekannten Fotos von Johnson – ein Studioporträt mit Hut und Anzug und ein Automatenbild mit Zigarette – wurden erst in den Achtzigerjahren veröffentlicht, ein drittes sogar erst 2020.

Auch der Text auf der Rückseite zeigt, wie wenig man damals wusste. Dort heißt es, Johnson sei vor seinem 21. Geburtstag gestorben, vergiftet von einer eifersüchtigen Freundin. Beides ist so nicht belegt. Das gesichtslose Bild passt deshalb gut: Es zeigt einen Musiker, über den man fast nichts wusste – außer diesen Aufnahmen.

Illustration: Burt Goldblatt
Produktion der LP: Frank Driggs
Label: Columbia, 1961
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Vom ersten Ton an standen mir durch die Schwingungen aus dem Lautsprecher die Haare zu Berge.“

Bob Dylan in seinen Erinnerungen „Chronicles“ (2004) über das erste Hören der Platte

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie King of the Delta Blues Singers entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

New York, 1961. Der Produzent John Hammond hat bei Columbia gerade einen jungen Folksänger unter Vertrag genommen, der sich Bob Dylan nennt. Hammond gibt ihm eine Platte mit, die noch gar nicht erschienen ist: eine Vorabpressung mit Aufnahmen eines Bluesmusikers aus Mississippi, von dem Dylan noch nie gehört hat.

Dylan legt die Platte auf und hört sie wieder und wieder. In seinen Erinnerungen beschreibt er, wie ihm die Gitarre fast körperlich zusetzte. Er schrieb die Texte auf Zettel ab, um zu verstehen, wie Johnson seine Zeilen baute.

Nur Sammler kannten ihn

Robert Johnson war zu diesem Zeitpunkt seit 23 Jahren tot. Seine Schellackplatten hatten sich in den Dreißigerjahren nur mäßig verkauft, vor allem im Süden. Außerhalb eines kleinen Kreises von Sammlern kannte ihn kaum jemand. Das änderte sich mit dieser LP.

02Wie King of the Delta Blues Singers entstand

Die Aufnahmen stammen aus zwei Sitzungen. Ende November 1936 spielte Johnson an mehreren Tagen im Gunter Hotel in San Antonio vor, wo die American Record Corporation einen provisorischen Aufnahmeraum eingerichtet hatte. Im Juni 1937 folgte eine zweite Sitzung in Dallas, in einem behelfsmäßigen Aufnahmeraum im Vitagraph-Gebäude, einem Bürohaus der Filmfirma Warner Bros. Verantwortlich war beide Male der Produzent Don Law.

Law erzählte später, Johnson sei sehr schüchtern gewesen und habe sich zum Spielen zur Wand gedreht, weg von den anderen Musikern im Raum. Warum er das tat, weiß niemand genau. Fest steht: Law ließ von vielen Stücken mehr als eine Fassung aufnehmen.

Hammonds langer Atem

John Hammond hatte Johnson schon 1938 gesucht, für sein Konzert „From Spirituals to Swing“ in der Carnegie Hall. Er erfuhr, dass Johnson kurz zuvor gestorben war, und spielte dem Publikum stattdessen zwei seiner Platten vor. Mehr als zwanzig Jahre später drängte er Columbia, ein ganzes Album zusammenzustellen. Die LP betreute der Jazzhistoriker Frank Driggs. Derselbe Hammond brachte übrigens 1983 auch Stevie Ray Vaughans Texas Flood zu Epic.

Nur etwa die Hälfte der sechzehn Aufnahmen war vorher schon auf Schellackplatte erschienen. Die übrigen – etwa „Traveling Riverside Blues“ – waren bis dahin unveröffentlicht oder kamen als bisher unbekannte zweite Fassung auf die Platte. Auch die Titel übernahm die LP nicht immer so, wie sie auf den alten Platten standen: Aus „Cross Road Blues“ wurde „Crossroads Blues“, aus „Preachin' Blues“ wurde „Preaching Blues“.

03Der Klang

Eine Stimme und eine akustische Gitarre, mehr ist nicht zu hören. Und doch klingt es oft nach mehr. Johnson spielt mit dem Daumen eine gehende Basslinie, während er darüber Akkorde und kurze Melodiefiguren setzt, teils mit einem Bottleneck auf den Saiten. Keith Richards hörte die Platte Anfang der Sechziger zum ersten Mal, bei Brian Jones, und fragte, wer der andere Gitarrist sei. „Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, dass er das alles ganz allein spielte“, sagte er später.

Die Aufnahmen sind in Mono und fast neunzig Jahre alt. Es rauscht, manchmal knistert es. Aber die Stimme ist nah, und man hört, wie Johnson Tempo und Lautstärke innerhalb eines Stücks verändert, wie er Silben dehnt oder abbricht.

Legende

Die Kreuzung um Mitternacht

Über Johnson wird erzählt, er habe an einer Wegkreuzung seine Seele dem Teufel verkauft und dafür sein Gitarrenspiel bekommen. Das ist eine Legende, keine Tatsache. Sie hing ursprünglich an einem anderen Bluesmusiker, Tommy Johnson, und wanderte erst später zu Robert. Sehr wahrscheinlich hat Johnson einfach viel geübt, unter anderem bei dem Gitarristen Ike Zimmerman. Dass „Cross Road Blues“ das Album eröffnet, hat der Legende allerdings nicht geschadet.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Die LP ist keine vollständige Werkschau – Johnson hat 29 verschiedene Stücke aufgenommen, hier sind sechzehn. Einige seiner bekanntesten fehlen, etwa „Love in Vain“, das die Rolling Stones 1969 auf Let It Bleed spielten, oder „Sweet Home Chicago“. Gerade diese Auswahl gibt der Platte ihren Charakter: Es sind die dunkleren, dringlicheren Stücke, vom Unterwegssein, vom Verlassenwerden, von Angst und Verfolgung. Am Ende steht „Hellhound on My Trail“, ein Lied über einen, der nicht zur Ruhe kommt.

Die Platte, die alle hatten

In den Charts tauchte das Album nie auf. Trotzdem wurde es in den Sechzigern zu einer Art Erkennungszeichen: Auf dem Cover von Dylans Bringing It All Back Home liegt es zwischen anderen Platten. Eric Clapton sang „Ramblin' on My Mind“ 1966 auf Blues Breakers – sein erster Leadgesang auf Platte. Mit Cream machte er aus „Cross Road Blues“ den Rocksong „Crossroads“. 1980 nahm die Blues Foundation das Album als allererstes in ihre Blues Hall of Fame auf.

05Warum es einen Abend trägt

Sechzehn Stücke, keines länger als drei Minuten, verteilt auf zwei Seiten zu je acht. Seite A beginnt mit „Crossroads Blues“ und „Terraplane Blues“, Johnsons erfolgreichster Platte zu Lebzeiten. Seite B endet mit „Me and the Devil Blues“ und „Hellhound on My Trail“, den beiden düstersten Stücken des Albums.

Ehrlich gesagt: eine Platte zum Zuhören

Man sollte nicht verschweigen, dass diese Aufnahmen Aufmerksamkeit verlangen. Nur Gitarre und Stimme, Mono, alt und verrauscht – als Hintergrundmusik zum Essen taugt das nicht. Wer aber still dasitzt und hinhört, merkt nach zwei, drei Stücken, wie sich die Ohren umstellen. Dann tritt das Rauschen zurück und der Mann mit der Gitarre nach vorn.

In der Pause beim Umdrehen lohnt sich ein Gespräch darüber, was man schon kannte, ohne es zu wissen: ein Riff, das man von Clapton, eine Zeile, die man von den Stones gehört hat. Und darüber, wie viel von dieser Musik in Gitarrenmusik steckt, die Jahrzehnte später entstand.

Hört man in diesen Aufnahmen eine Legende – oder einfach einen Musiker, der sehr gut war?