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1993Albumvorschlag

Siamese Dream

The Smashing Pumpkins

Dreizehn Songs, zweiundsechzig Minuten, in einem einzigen Stück bis zu vierzig Gitarrenspuren. Siamese Dream ist eine Wand aus Klang, in der sich bei genauem Hinhören sehr viele kleine Türen öffnen.

Nach dem Debüt Gish galten The Smashing Pumpkins aus Chicago als Band mit Zukunft, aber auch als Band in Schwierigkeiten. Für das zweite Album zogen sie sich im Winter 1992 in ein Studio in Georgia zurück, weit weg von zu Hause. Billy Corgan und Produzent Butch Vig wollten eine Platte machen, bei der nichts dem Zufall überlassen blieb.

  • Laufzeitrund 62 Minuten
  • Titel13
  • Jahr1993
  • AufgenommenTriclops Sound Studios, Marietta, Georgia (Dezember 1992–März 1993)
Das Albumcover von Siamese Dream: zwei kleine Mädchen in Kleidern mit Feenflügeln, die sich umarmen.
The Smashing Pumpkins, Siamese Dream, Virgin/Hut 1993. Foto Melodie McDaniel. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Cherub Rock4:58
  2. Quiet3:41
  3. Today3:19
  4. Hummer6:57
  5. Rocket4:06
  6. Disarm3:17
  7. Soma6:39
  8. Geek U.S.A.5:13
  9. Mayonaise5:49
  10. Spaceboy4:28
  11. Silverfuck8:43
  12. Sweet Sweet1:38
  13. Luna3:20

Zum Cover

Zwei kleine Mädchen in Kleidern, mit Feenflügeln auf dem Rücken, die sich umarmen. Der Titel legt nahe, dass es Zwillinge sind. Das stimmt nicht: Die beiden Kinder waren Models aus Kalifornien und kannten sich vorher nicht.

Fotografiert hat Melodie McDaniel, die Artdirection lag bei Len Peltier, die Gestaltung bei Steve J. Gerdes. Eigentlich sollte ein Werk eines Outsider-Künstlers auf das Cover. Nach Unstimmigkeiten mit dem Label griff Corgan erst im letzten Moment ein. Viele Jahre später meldeten sich die beiden Mädchen von damals öffentlich zu Wort. Eine von ihnen erinnerte sich an Süßigkeiten, Eis vom Eiswagen und ein hübsches Kleid mit Engelsflügeln.

Das Booklet stellten Corgan und seine Frau am Tag nach ihrer Hochzeit zusammen: alte Fotos von Fremden und von Corgans Familie, dazu handgeschriebene Texte. Das passt zur Musik. Unter der lauten Oberfläche liegt viel Kindheit, viel Erinnerung.

Foto: Melodie McDaniel
Gestaltung: Len Peltier (Artdirection), Steve J. Gerdes (Design)
Label: Virgin Records / Hut Recordings, 1993
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„When we set out to make Siamese Dream, we wanted to go way, way over the top. We didn't care if anybody thought it was overproduced.“

Butch Vig Über die Aufnahmen in Marietta

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Siamese Dream entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Butch Vig hatte kurz zuvor Nevermind von Nirvana produziert. Bei Siamese Dream stand er vor einer anderen Aufgabe. Corgan schichtete Gitarre auf Gitarre, bis die Übersicht verloren zu gehen drohte.

Alles lief über analoges Band. Jede Spur musste gespielt, gehört, verworfen oder behalten werden. Das kostete Zeit, und es kostete Nerven.

Die Karte mit den Pfeilen

„Billy was a mad scientist with the guitars. I would have to draw out a map, literally, of the song for his guitars with all these arrows“, sagte Vig. Für einen Hörabend ist das ein schöner Gedanke: Was wie ein einziger großer Klang wirkt, ist in Wahrheit ein genau geplantes Gefüge. Auf einer guten Anlage kann man einzelne Linien darin verfolgen.

02Wie Siamese Dream entstand

Die Band wählte die Triclops Sound Studios in Marietta, Georgia, auch aus einem praktischen Grund. Schlagzeuger Jimmy Chamberlin hatte damals Drogenprobleme, und fern von Chicago hoffte man, ihn von seinen Kontakten fernzuhalten. Das gelang nur zum Teil. Gleichzeitig ging es Corgan schlecht. Er hatte eine Schreibblockade und litt, wie er später offen sagte, unter Depressionen.

Auch zwischen den anderen Mitgliedern war es schwierig: Bassistin D'arcy Wretzky und Gitarrist James Iha hatten sich kurz zuvor getrennt. Corgan spielte die meisten Gitarren- und Bassspuren selbst ein. Wretzky erklärte das damit, dass er sie schneller und mit weniger Versuchen aufnehmen konnte.

Monate ohne Pause

Vig hat die Arbeitslast genau beschrieben. Drei Monate lang arbeitete man zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. In den letzten zwei Monaten dann sieben Tage die Woche, vierzehn oder fünfzehn Stunden am Tag. Das Budget wurde deutlich überschritten. Als Alan Moulder anschließend mischen sollte, buchte er zwei Wochen. Am Ende brauchte er sechsunddreißig Tage.

03Der Klang

Corgan wollte Tiefe erzeugen, ohne sich auf Hall und Delay zu verlassen, und stattdessen mit Klangfarben arbeiten. Vig hat erzählt, man habe dafür eine Geheimwaffe gefunden: einen kleinen Vorverstärker aus einer Steel-Gitarre, dessen schmaler, surrender Klang auf vielen Soli zu hören ist. Dazu kamen Bandflanger-Effekte, etwa bei „Cherub Rock“. Mit so vielen Spuren wurde das Mischen zur eigentlichen Kunst. „You can't have 40 guitars that are all full range. There have to be places for them to fit“, sagte Vig.

Zwischen den lauten Stücken stehen leise: „Disarm“ mit Streichern von Eric Remschneider und David Ragsdale, „Spaceboy“ mit Mellotron, „Soma“ mit einer Klavierfigur von Mike Mills von R.E.M.

Genau hingehört

Eine pfeifende Gitarre

Am Anfang von „Mayonaise“ pfeift es leise. Das ist kein Studioeffekt. Laut Corgan stammt das Geräusch von einer billigen Gitarre, die jedes Mal zu pfeifen begann, wenn er aufhörte zu spielen. Die Band baute das Pfeifen in den Song ein. Auf einer guten Anlage hört man es deutlich, bevor die Gitarren einsetzen.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Siamese Dream lebt vom Wechsel. Auf das stampfende „Cherub Rock“ folgt das dichte „Quiet“, dann „Today“, eine helle Melodie über einem dunklen Thema. Corgan hat über diesen Song gesagt, er sei an einer Weggabelung gestanden: den Song wegwerfen oder akzeptieren, wer er sei, nämlich ein eher kitschiger Junge aus Chicago. Er behielt ihn. „Spaceboy“ schrieb er für seinen jüngeren Bruder Jesse, „Soma“ vergleicht eine Liebe mit einem Mittel, das langsam einschläfert.

Laut und leise

Das Album kam in den USA auf Platz 10 und in Großbritannien auf Platz 4. In den USA wurde es vierfach mit Platin ausgezeichnet, weltweit verkaufte es sich über sechs Millionen Mal. Es erhielt zwei Grammy-Nominierungen. David Browne schrieb in Entertainment Weekly, die Band habe nach mehr gestrebt als nach einer weiteren Alternative-Gitarrenplatte, und nannte sie „slackers with a vision“.

05Warum es einen Abend trägt

Die Original-LP verteilte die zweiundsechzig Minuten auf vier Seiten. Seite A mit vier Songs endet mit dem fast siebenminütigen „Hummer“, das sich langsam öffnet. Die zweite Seite führt von „Rocket“ über „Disarm“ bis zu „Soma“, das still beginnt und dann aufbricht. Dreimal umdrehen heißt: dreimal kurz durchatmen.

Das lange Ende

Die letzte Seite beginnt mit „Silverfuck“, dem mit fast neun Minuten längsten Stück, das in der Mitte fast ganz zur Ruhe kommt, bevor es wieder losbricht. Danach wird es leise. „Sweet Sweet“ dauert kaum zwei Minuten, „Luna“ schließt das Album sanft, fast wie ein Wiegenlied. Nach so viel Lautstärke wirkt diese Stille umso stärker.

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