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1965Albumvorschlag

A Love Supreme

John Coltrane

Im letzten Satz der Suite legt Coltrane sein Saxofon Silbe für Silbe auf ein handgeschriebenes Gedicht: Fast jeder Ton entspricht exakt einer Silbe der gedruckten Zeilen, bis auf ein einziges Wort am Schluss.

Vier Sätze, ein Quartett, ein einziger Aufnahmetag. Was wie eine durchgehende, unbearbeitete Liveaufnahme klingt, ist in Wahrheit sorgfältig geplant und an mehreren Stellen nachträglich ergänzt worden. Was man von diesem Album kennt, ist der Ruf als geistliches Werk. Was man seltener kennt, ist die Konstruktion darunter.

  • Laufzeitrund 33 Minuten
  • Titel4
  • Jahr1965
  • AufgenommenVan Gelder Studio, Englewood Cliffs, New Jersey
Das Albumcover von A Love Supreme: ein schwarzweißes Porträtfoto von John Coltrane, darüber Titel und Interpretenname in schräg gesetzter, weißer Schrift auf dunklem Grund.
John Coltrane, A Love Supreme, Impulse! 1965. Fotografie Bob Thiele, Gestaltung George Gray / Viceroy. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Part I – Acknowledgement7:43
  2. Part II – Resolution7:20
  3. Part III – Pursuance10:42
  4. Part IV – Psalm7:05

„A Love Supreme was all under John's control. He just told the guys what he wanted. There was nothing written out.“

Bob Thiele Produzent des Albums, im Gespräch mit Jerry Jazz Musician

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie A Love Supreme entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Im Begleittext des Albums druckt Coltrane ein eigenes Gedicht ab, betitelt „A Love Supreme“. Über den vierten Satz schreibt er selbst: „The fourth and last part is a musical narration of the theme, ‚A Love Supreme', which is written in the context.“ Was das genau bedeutet, blieb lange eine Behauptung unter vielen – bis der Coltrane-Biograf Lewis Porter die gedruckten Zeilen neben die Aufnahme legte.

Das Ergebnis: Coltranes Saxofonsolo in „Psalm“ folgt dem Gedicht praktisch Silbe für Silbe. Jede Zeile des gedruckten Textes entspricht einer musikalischen Phrase gleicher Silbenzahl, bis kurz vor dem Ende – dort erhält das letzte Wort, „Amen“, im Solo drei statt zwei Silben. Immer wenn der Text von Dankbarkeit spricht, kehrt laut Porter eine unverwechselbare Dreitonfigur wieder. Ein Zufall, so seine Argumentation, sei bei dieser Genauigkeit auszuschließen.

Horn ends on Thank you God

Coltranes eigene Notizen zu diesem Satz sprechen von einer „musical recitation of prayer by horn“, die auf eine „transzendente Ebene“ führen soll, mit aufsteigenden Harmonien, die am Ende in einer stabilen, gelösten Klangfläche ankommen. Als Regieanweisung notierte er dazu schlicht: „Horn ends on Thank you God.“

Porter merkt an, dass es kleine Abweichungen zwischen gedrucktem Gedicht und gespielter Fassung gibt – vermutlich, weil Coltrane den Text im Studio aus dem Gedächtnis rezitierte statt ihn abzulesen, und dabei improvisierte, wie er es auch sonst tat. Das ändert nichts an der Grundidee: Ein Instrument, das nicht singen kann, spricht hier trotzdem einen Satz, Wort für Wort.

02Wie A Love Supreme entstand

Aufgenommen wurde die gesamte Suite an einem einzigen Tag, dem 9. Dezember 1964, im Van Gelder Studio in Englewood Cliffs, New Jersey. Rudy Van Gelder saß am Pult, Bob Thiele produzierte für Impulse! Records. Am Quartett hatte sich seit Jahren nichts geändert: McCoy Tyner am Klavier, Jimmy Garrison am Bass, Elvin Jones am Schlagzeug – die Besetzung, die Jazzgeschichte gemeinhin als Coltranes „klassisches Quartett“ führt.

Wie diese Sitzung ablief, hat Thiele Jahre später beschrieben: „There was nothing written out. He would either sing it, or say it, or he'd tell them what to do.“ Coltrane selbst sei dabei kaum ein lauter Anführer gewesen: „a very soft-spoken guy. He really didn't have too much to say. I never heard him rave and rant.“ Thiele erinnert sich außerdem, wie sehr die Studiozeit mit Coltrane das Budget belastete – und wie er das intern umging: „I preferred to come into the office the next day and say, ‚Gee, we did a great album with John Coltrane last night!' Fait accompli.“

Overdubs in Psalm und Resolution

Der Legende vom vollständig unbearbeiteten Live-Mitschnitt widerspricht Porters Auswertung der Bänder allerdings. Er dokumentiert nachträgliche Ergänzungen am Ende von „Psalm“ – ein zweites Saxofon, zusätzliche Bass- und Schlagzeugspuren – sowie eine mutmaßliche Einfügung in „Resolution“. Ein Tag im Studio bedeutete also nicht: eine Aufnahme in einem Zug. Es bedeutete: ein Tag, an dem alles entstand, was am Ende auf der Platte zu hören ist, einschließlich einzelner Korrekturen.

Der Ursprung der Musik liegt aber weiter zurück, in einer persönlichen Umbruchphase. In den Liner Notes beschreibt Coltrane sie selbst, ohne ins Detail zu gehen: „In the year 1957, I experienced, by the grace of God, a spiritual awakening which was to lead me to a richer, fuller, more productive life.“ Biografien setzen diesen Wendepunkt in Zusammenhang mit einem Rückzug von Alkohol und Drogen, ohne dass Coltrane selbst darüber öffentlich ins Detail gegangen wäre. Sein handschriftliches Manuskript zur Suite, heute im Smithsonian Institution verwahrt, endet mit dem Satz „All paths lead to God.“

03Der Klang

„Acknowledgement“, der erste Satz, baut sich um eine viertönige Figur auf, die Garrisons Bass zu Beginn mehrfach vorstellt, bevor der Rest der Band einsteigt. Gegen Ende von Coltranes Solo geschieht dann das, was Porter als eigentliche Botschaft des Stücks liest: Coltrane nimmt dieselbe Figur und transponiert sie systematisch weiter, bis er – wie Porter es beschreibt – „eventually going through all 12 keys“ gespielt hat. In seinem eigenen Manuskript hatte Coltrane das vorab notiert: „Move in all 12 keys.“ Porters Lesart: Die Botschaft des Stücks, „A Love Supreme“, sollte hier hörbar überall sein, in jeder möglichen Tonart.

Gegen Ende desselben Satzes legt Coltrane seine eigene Stimme über die Musik, die denselben Satztitel skandiert – ein Overdub, keine Liveaufnahme. Die Deluxe-Wiederveröffentlichung von 2002 enthält mehrere dieser Gesangs-Overdubs als eigenständige Bonus-Spuren, ein Beleg dafür, dass Coltrane diese Stelle mehrfach probierte, bevor eine Fassung ins fertige Mischband wanderte.

Van Gelders trockener Klang

Klanglich bleibt die Aufnahme trotz alledem nah, trocken und unmittelbar – typisch für Van Gelders Arbeitsweise jener Jahre: wenig Nachhall, das Schlagzeug präsent statt zurückhaltend abgemischt, das Saxofon vorn im Bild. Was die Platte von einer reinen Studiodokumentation unterscheidet, ist die Verbindlichkeit, mit der alle vier Musiker denselben Satz mittragen: Tyners Akkorde, Garrisons Ostinato und Jones' Becken folgen erkennbar derselben Grundidee, auch wenn jeder sie anders spielt.

Am deutlichsten wird das im dritten Satz, „Pursuance“: ein schnelles, drängendes Stück, in dem Elvin Jones' Schlagzeug so weit nach vorn tritt wie sonst nirgends auf der Platte, bevor Garrison es mit einem langen, nur von seinem Bass getragenen Übergang wieder herunterbringt – direkt hinein in „Psalm“.

Hörmoment

Acknowledgement, gegen Ende

Achten Sie auf die Stelle, an der Coltranes Solo sich löst und dieselbe viertönige Figur beginnt, durch Tonarten zu wandern. Laut Lewis Porters Analyse durchläuft er dabei alle zwölf möglichen Tonarten, bevor die Gesangsspur mit dem Satztitel einsetzt.

Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke dafür genannt wird. Die Stelle ist trotzdem klar zu erkennen: Es ist der einzige Moment auf der Platte, an dem eine einzelne musikalische Idee durch den gesamten Tonraum wandert.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Vier Sätze, eine durchgehende Konstruktion: „Acknowledgement“ stellt die Idee vor, „Resolution“ und „Pursuance“ arbeiten sie musikalisch durch, „Psalm“ löst sie wortlos auf. Das ist kein nachträglich hineingelesenes Konzept, sondern stand laut Manuskript von Anfang an fest – inklusive der Anweisung, das Titelmotiv am Ende „in all keys together“ zu spielen.

Wie geschlossen das wirkt, hat Kritiker Tom Hull einmal so zusammengefasst: Er beschrieb das Album als „the most perfectly plotted single piece of jazz ever recorded“ – eine Einschätzung, die bewusst nicht bei der Spiritualität ansetzt, sondern bei der reinen Form. In eine ähnliche Richtung geht Robert Christgaus Befund, das Album sei „without question Coltrane's most beloved album“, ohne dass er das an einem einzelnen Satz festmacht.

Or the Most Overrated?

Nicht jede Stimme ist so eindeutig. Der Penguin Guide to Jazz vergab die seltene „Krone“-Bewertung – und fragte in derselben Besprechung, ob es sich um „the greatest jazz album of the modern period“ handle „or the most overrated?“. Diese Gegenfrage lässt sich nicht endgültig beantworten, sie gehört aber zur Rezeptionsgeschichte des Albums dazu: Ein Werk, das so oft als Gipfelpunkt gehandelt wird, zieht zwangsläufig auch Zweifel an genau diesem Status auf sich.

Was für die Geschlossenheit spricht, lässt sich auch ohne Kenntnis der Kritikgeschichte hören: Kein Satz wirkt wie ein Lückenfüller, keiner ließe sich weglassen, ohne dass der Bogen von der ersten Anrufung bis zum letzten „Amen“ unvollständig bliebe.

Ein Manuskript im Museum

All paths lead to God

Coltranes handschriftlicher Entwurf zur Suite liegt heute im Smithsonian Institution in Washington. Er zeigt die vier Satztitel bereits in ihrer späteren Form sowie die Regieanweisung, das Grundmotiv „in all keys together“ zu spielen.

Am unteren Rand des Blatts notierte Coltrane einen Satz, der außerhalb der Musik steht und trotzdem zu ihr gehört: „All paths lead to God.“ Es ist der knappste verfügbare Beleg dafür, dass die Struktur der Platte kein Zufall der Studiosituation war, sondern vorab entworfen wurde.

05Warum es einen Abend trägt

Gut dreiunddreißig Minuten, vier Sätze, ein klarer Spannungsbogen: von der drängenden Anrufung über zwei Sätze, die sich steigern, bis zum ruhigen, fast stillen Schluss. Für einen Hörabend ist das eine seltene Kombination – kurz genug, um ganz gehört zu werden, in sich geschlossen genug, um nicht zerschnitten werden zu wollen.

Ehrlich muss man aber auch sagen, was die Platte verlangt. Ravi Coltrane, der Sohn des Musikers und selbst Saxofonist, beschreibt „Psalm“ so: „‚Psalm' is a sermon. You really have to be emotionally ready for that.“ Wer einen Abend mit leichter Hintergrundmusik plant, ist bei diesem Album an der falschen Adresse. Wer bereit ist, zuzuhören, bekommt dafür etwas selten Geschlossenes zurück.

500.000 verkaufte Exemplare

Dass diese Geschlossenheit auch außerhalb von Fachkreisen ankam, zeigen die Zahlen: Bis 1970 verkaufte sich das Album nach verbreiteten Angaben rund 500.000 Mal – bei einem Musiker, dessen Platten sonst eher um 30.000 Exemplare erreichten. 2015 wurde es in den USA mit Platin ausgezeichnet und in die National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen, als erst zweites Coltrane-Album nach „Giant Steps“. In San Francisco wurde es zum liturgischen Kerntext der Saint John Coltrane African Orthodox Church.

Musiker, die selbst mit Coltrane spielten oder von ihm geprägt wurden, sprechen bis heute in ähnlichen Bahnen. John McLaughlin, der 1973 mit „Love Devotion Surrender“ ein ganzes Album als Hommage aufnahm, sagt über die Suite: „He gave us a key to the cosmos in this recording.“ Miles Davis, der Jahre zuvor selbst mit Coltrane spielte, beobachtete eine andere Wirkung: Das Album habe Menschen erreicht, „who were into peace. Hippies and people like that.“ Zwei sehr unterschiedliche Zugänge zu demselben Werk – beide halten bis heute.

Eine kurze, lange Wirkung

Auf den Bestenlisten steht das Album seit Jahrzehnten fast unverändert weit oben: Der Rolling Stone führte es 2003 und 2012 auf Platz 47 der 500 größten Alben aller Zeiten, 2020 auf Platz 66. In der 1001 Alben-Reihe, in Umfragen unter Musikkritikern und in eigenen Ranglisten von Musikern taucht es seither regelmäßig auf.

Ungewöhnlich bleibt, wie diese Wirkung zustande kam: nicht über einen Radio-Hit, sondern über Mundpropaganda unter Hörerinnen und Hörern, die das Album als Ganzes weitergaben – genau die Hörweise, die eine einzelne Aufnahmesitzung in vier zusammenhängenden Sätzen von Anfang an verlangt hatte.

Wie hört sich ein Instrument an, das versucht, ein Gebet zu sprechen?