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1962Albumvorschlag

Howlin' Wolf

Howlin' Wolf

Auf dem Cover ein leerer Schaukelstuhl, an dem eine Gitarre lehnt. Wer die Platte auflegt, hört das Gegenteil von Ruhe: eine Stimme wie Schotter und eine Gitarre, die ständig querschießt.

Anfang 1962 fasste Chess Records zwölf Singles von Howlin' Wolf zu einer LP zusammen und nannte sie schlicht Howlin' Wolf. Fast alle Songs stammen von Willie Dixon, fast alle Gitarrenlinien von Hubert Sumlin. Aus dieser Sammlung bedienten sich später die Rolling Stones, Cream und die Doors.

  • Laufzeitrund 31 Minuten
  • Titel12
  • Jahr1962
  • AufgenommenChess-Studio, Chicago (1957–1961)
Das Albumcover von Howlin' Wolf: ein leerer hölzerner Schaukelstuhl, an dem eine Akustikgitarre lehnt, vor grünem Hintergrund.
Howlin' Wolf, Howlin' Wolf, Chess 1962. Covergestaltung Don S. Bronstein. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Shake for Me2:12
  2. The Red Rooster2:22
  3. You'll Be Mine2:23
  4. Who's Been Talkin'2:18
  5. Wang-Dang-Doodle2:22
  6. Little Baby2:43
  7. Spoonful2:42
  8. Going Down Slow3:18
  9. Down in the Bottom2:05
  10. Back Door Man2:48
  11. Howlin' for My Baby2:28
  12. Tell Me2:52

Gesamtlänge rund 31 Minuten30:33

Zum Cover

Kein Porträt, kein Konzertfoto, keine Bühne. Das Cover zeigt nur einen leeren Schaukelstuhl vor grünem Hintergrund, an dem eine akustische Gitarre lehnt. Ausgerechnet ein Mann, der für seine Größe, seine Stimme und seine wilden Auftritte bekannt war, kommt auf seiner Platte selbst gar nicht vor.

Offiziell heißt das Album nur Howlin' Wolf. Zur Unterscheidung nennen Fans es nach seinem Motiv das „Rockin' Chair Album“; einige spätere Pressungen haben den Spitznamen sogar übernommen. Der Gegensatz fällt sofort auf: ein Bild wie aus einem ruhigen Wohnzimmer, dahinter Musik, die alles andere als gemütlich ist. Gestaltet hat das Cover Don S. Bronstein.

Covergestaltung: Don S. Bronstein
Label: Chess, 1962
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„Als ich Howlin' Wolf hörte, sagte ich mir: Das ist etwas für mich. Hier stirbt die Seele des Menschen nie.“

Sam Phillips Produzent in Memphis, der Wolf 1951 als Erster aufnahm

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Howlin' Wolf entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Mai 1965, die amerikanische Musiksendung „Shindig!“. Die Rolling Stones sind die großen Gäste des Abends, doch sie haben eine Bedingung gestellt: Die Produzenten sollen einen ihrer Helden aus Chicago einladen, Muddy Waters oder Howlin' Wolf. Es wird Wolf. Brian Jones sagt ihn an, schüchtern und sichtlich aufgeregt. Dann sitzen die Stones zu Wolfs Füßen, während der fast zwei Meter große Mann „How Many More Years“ singt – sein erster Auftritt im landesweiten Fernsehen.

Die Songs, die englische Bands von ihm übernommen hatten, bekamen an diesem Abend für das amerikanische Publikum ein Gesicht.

Ein Hahn an der Spitze der Charts

Ein halbes Jahr zuvor, im Dezember 1964, hatten die Rolling Stones mit „Little Red Rooster“ Platz eins der britischen Charts erreicht. Die Vorlage stammt von dieser Platte, wo der Song noch „The Red Rooster“ heißt. Es gilt als der einzige klassische Blues, der in Großbritannien je ganz oben stand.

02Wie Howlin' Wolf entstand

Als Album geplant war Howlin' Wolf nie. Chess Records sammelte einfach zwölf Single-Seiten, die zwischen Juni 1957 und Dezember 1961 erschienen waren, und brachte sie im Januar 1962 als Langspielplatte heraus. Es war Wolfs zweite LP nach Moanin' in the Moonlight von 1959. Nicht jeder Titel steht dort so wie auf der Single: Die Rückseite von „Spoonful“, als Single „Howlin' for My Darling“, heißt auf der LP „Howlin' for My Baby“. Bei Streamingdiensten ist sie meist als „Howlin' for My Darlin'“ zu finden.

Neun der zwölf Songs schrieb Willie Dixon, Bassist, Produzent und Hausautor von Chess. Nur „Who's Been Talkin'“ und „Tell Me“ stammen von Wolf selbst, „Going Down Slow“ von St. Louis Jimmy Oden. Dixon soll dabei zu einem Trick gegriffen haben: Wolf war eifersüchtig auf Muddy Waters, den anderen großen Star des Labels. Also präsentierte Dixon ihm neue Songs gern so, als seien sie eigentlich für Muddy gedacht. Dann wollte Wolf sie unbedingt haben.

Zu altmodisch

Nicht jeder Song gefiel ihm auf Anhieb. „Wang-Dang-Doodle“, im Juni 1960 aufgenommen, fand Wolf überholt, wie ein altes Lied aus einem Arbeitslager am Deich. Erfolgreich wurde der Song tatsächlich erst ein paar Jahre später, in der Fassung von Koko Taylor.

Im Studio stand eine wechselnde Besetzung aus der Chicagoer Bluesszene, unter anderem Otis Spann, Johnny Jones und Henry Gray am Klavier, Dixon am Bass, Fred Below und Sam Lay am Schlagzeug. Auf einzelnen Aufnahmen spielt ein junger Buddy Guy Bass. Die feste Größe ist Hubert Sumlin an der Gitarre.

03Der Klang

Wolfs Stimme ist rau, tief und kann jederzeit in ein Heulen umkippen. Dieses Heulen hatte er sich als junger Mann selbst beigebracht, beim Versuch, das Jodeln des Countrysängers Jimmie Rodgers nachzumachen. Heraus kam etwas ganz anderes.

Daneben Hubert Sumlin, seit 1954 in Wolfs Band. Er spielt keine sauberen Begleitfiguren, sondern kurze, verdrehte Ausbrüche, dann plötzlich Stille. Gitarre und Stimme stehen gleichberechtigt nebeneinander. In „The Red Rooster“ greift Wolf selbst zur Slidegitarre, in „Back Door Man“ bleibt die Band fast die ganze Zeit auf einem einzigen Akkord und lebt nur von einem hartnäckigen Riff. Mehr braucht es nicht.

Das Original

A Spoonful Blues, 1929

„Spoonful“ geht auf ältere Vorbilder zurück, vor allem auf Charley Pattons „A Spoonful Blues“ von 1929. Patton war der Mann, dem der junge Chester Burnett im Mississippi-Delta Abend für Abend zugehört hatte und von dem er Gitarre und Bühnenshow lernte. Dixon schrieb daraus 1960 einen neuen Song über ein bisschen von etwas, für das Menschen alles tun würden. Auf dieser Platte schließt sich also ein Kreis vom Delta nach Chicago.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Obwohl es eine Zusammenstellung ist, klingt Howlin' Wolf wie aus einem Guss. Die Aufnahmen liegen nur wenige Jahre auseinander, fast immer schrieb derselbe Autor, fast immer spielte derselbe Gitarrist. Das Magazin Rolling Stone fasste den Inhalt knapp zusammen: eine unverfrorene Sammlung von Songs über Sex, geschrieben von Willie Dixon.

Da ist der heimliche Liebhaber, der durch die Hintertür kommt, in „Back Door Man“. Da ist die große Party in „Wang-Dang-Doodle“, und in „Going Down Slow“ ein Mann, der spürt, dass es mit ihm zu Ende geht – dort ist auch Willie Dixon selbst mit seiner Stimme zu hören.

Kein Hit, aber lauter Standards

Keine der Singles war ein großer Erfolg in den amerikanischen Charts. Und doch wurden fast alle Songs zu Standards. Cream spielten „Spoonful“ 1966 auf ihrem Debüt und live später in fast 17 Minuten, die Doors nahmen „Back Door Man“ für ihr erstes Album auf, Led Zeppelin griffen in „Whole Lotta Love“ auf Zeilen aus „Shake for Me“ und „Back Door Man“ zurück. Stevie Ray Vaughan spielte „Tell Me“ auf Texas Flood. In der Liste der 500 besten Alben des Rolling Stone stand die Platte 2012 auf Platz 238.

05Warum es einen Abend trägt

Rund 31 Minuten, zwei Seiten mit je sechs Songs, jede etwa eine Viertelstunde lang. Kein Stück dauert länger als dreieinhalb Minuten. Das ist kurz für einen ganzen Abend, eignet sich aber gut als Einstieg in einen Bluesabend oder als Platte, bei der man nach der ersten Seite ruhig eine längere Pause macht.

Die erste Seite beginnt mit „Shake for Me“ und „The Red Rooster“, die zweite mit „Spoonful“. Wer beide Seiten hintereinander hört, merkt, wie wenig Abwechslung es braucht, wenn Stimme und Gitarre so viel Spannung aufbauen.

Das Original hinter den Coverversionen

In der Runde lohnt ein Gespräch darüber, welche dieser Songs man schon kannte, und von wem. Viele haben „Little Red Rooster“ oder „Spoonful“ zuerst von englischen Rockbands gehört. Hier hört man, wo sie herkommen: aus dem Studio von Chess in Chicago, eingespielt von einer Handvoll Musiker, ohne jede Absicht, Rockgeschichte zu schreiben.

Warum wird ein Song, der fast nur einen Akkord kennt, keine Sekunde langweilig?

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