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1955Albumvorschlag

In the Wee Small Hours

Frank Sinatra

Nach der Masteraufnahme von „When Your Lover Has Gone“ soll Frank Sinatra der Überlieferung nach in Tränen ausgebrochen sein – im selben Studio, in dem er gerade seine gescheiterte Ehe mit Ava Gardner besang.

Sechzehn Standards über das Alleinsein, aufgenommen von einem Sänger, der beruflich und privat gerade am Boden lag. Was daraus wurde, gilt heute vielen als eines der ersten Konzeptalben der Popmusik überhaupt – nicht wegen einer erzählten Geschichte, sondern wegen einer Stimmung, die sechzehn Songs lang nicht kippt.

  • Laufzeitrund 48 Minuten
  • Titel16
  • Jahr1955
  • AufgenommenCapitol/KHJ Studios, Melrose Avenue, Hollywood
Das Albumcover von In the Wee Small Hours: eine blaustichige Nachtaufnahme von Frank Sinatra, allein auf einer menschenleeren Straße, Hut und Mantel, eine Zigarette in der Hand, im Licht einer Straßenlaterne.
Frank Sinatra, In the Wee Small Hours, Capitol Records 1955. Fotografie William Claxton. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. In the Wee Small Hours of the Morning3:00
  2. Mood Indigo3:30
  3. Glad to Be Unhappy2:35
  4. I Get Along Without You Very Well3:42
  5. Deep in a Dream2:49
  6. I See Your Face Before Me3:29
  7. Can't We Be Friends?2:48
  8. When Your Lover Has Gone3:10
  9. What Is This Thing Called Love?2:35
  10. Last Night When We Were Young3:17
  11. I'll Be Around2:59
  12. Ill Wind3:46
  13. It Never Entered My Mind2:42
  14. Dancing on the Ceiling2:57
  15. I'll Never Be the Same3:05
  16. This Love of Mine3:35

Zum Cover

Fotografiert hat William Claxton: Sinatra, allein, nachts, auf einer leeren Straße unter einer Laterne – ein Bild, das die Stimmung der Platte vorwegnimmt, bevor die Nadel aufsetzt. Zur Art Direction findet sich nur eine einzelne, nicht gegengeprüfte Nennung (Tommy Steele bei AllMusic); für ein sicheres Gestalter-Zeugnis reicht das nicht, weshalb dieser Abschnitt hier bewusst kurz bleibt.

Fotografie: William Claxton
Label: Capitol Records, 1955
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„It's like a cello. Ava taught him the hard way.“

Nelson Riddle Arrangeur und Dirigent des Albums, über die Reifung von Sinatras Stimme in dieser Zeit

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie In the Wee Small Hours entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Track acht, „When Your Lover Has Gone“, ist der letzte Titel der ursprünglich ersten von zwei 10-Zoll-Schallplatten, mit denen das Album 1955 erschien. Der Überlieferung nach war es genau diese Aufnahme, an der Frank Sinatra die Fassung verlor. Mehrere voneinander unabhängige Quellen berichten übereinstimmend, dass er nach der Masteraufnahme des Songs weinte – wenn auch mit leicht unterschiedlichen Details, wie es bei einer über Jahrzehnte weitergereichten Studio-Anekdote zu erwarten ist.

Wikipedia beschreibt es knapp: Sinatra sei „nach der Masteraufnahme zusammengebrochen und habe geweint“. Ausführlicher schildert es die Seite Hollywood Blends, die von einer der eindringlichsten Darbietungen des Albums spricht: Sinatra habe während des Playbacks von „When Your Lover Has Gone“ offen geweint. Far Out Magazine formuliert es drastischer – nach der fertigen Masteraufnahme sei er „in nicht zu trösten­de Schluchzer verfallen“. Die Musikkritikerin hinter altrockchick verortet den Auslöser konkret: Der Zusammenbruch sei „vermutlich durch Erinnerungen an Ava Gardner ausgelöst“ worden.

Was sich in keiner der gesichteten Quellen findet, ist ein Datum, eine Uhrzeit oder eine Take-Nummer für diesen Moment. Auch eine Primärquelle – ein Interview, in dem Sinatra, Riddle oder ein anwesender Musiker den Vorfall selbst schildert – ließ sich nicht auffinden. Alle vier Versionen scheinen letztlich auf eine gemeinsame, nicht klar benannte Ursprungsquelle zurückzugehen. Der Kern der Geschichte – ein Zusammenbruch im Zusammenhang mit genau diesem Song – gilt deshalb als belegt; die genauen Umstände bleiben Überlieferung, nicht Protokoll.

George Van Eps' Erinnerung

Dass an diesen Sessions insgesamt hart gearbeitet wurde, bezeugt eine andere, ebenfalls überlieferte Szene: Der Gitarrist George Van Eps erinnerte sich, wie Sinatra mitten in einer Session abbrach und knapp sagte: „Good night, fellas. I'll see you tomorrow night.“ Ein Sänger, der eine Aufnahme lieber verschiebt, als sie unfertig abzuliefern, passt zu einem Album, für das er einen einzelnen Song Berichten zufolge dreißigmal einspielen ließ, bevor er ihn freigab.

Was diese Szene über das ganze Album sagt, liegt in ihrer Position: Sie markiert das Ende jener ersten Plattenhälfte, mit der 1955 überhaupt begonnen wurde – acht Songs auf einer 10-Zoll-LP, danach eine zweite mit den restlichen acht. Wer die Reihenfolge kennt, hört „When Your Lover Has Gone“ nicht als irgendeinen Titel, sondern als den Punkt, an dem die Traurigkeit des Albums einmal ganz offen zutage tritt, bevor die zweite Hälfte weitergeht.

Ob Sinatra selbst diesen Moment je öffentlich kommentiert hat, ist nirgends überliefert. Was bleibt, ist ein Sänger, der gerade seine Ehe mit Ava Gardner verlor, und ein Song über genau dieses Thema, aufgenommen in einem Studio voller Musiker, die zusahen.

02Wie In the Wee Small Hours entstand

Als Sinatra 1954 mit den Aufnahmen begann, steckte er in einem beruflichen Tief. Ava Gardner, mit der er seit 1951 verheiratet war, beschrieb diese Phase später so: „His golden voice was letting him down...he'd fallen to number five on the Downbeat vocalist poll.“ Und weiter: „He was down, way down. His contracts were being canceled...he was being taunted as a washed-up has been.“ Die Ehe selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits zerrüttet – Gardner formulierte es nüchtern: „We don't have the ability to live together like any normal married couple.“

Mit Capitol war Sinatra zunächst noch nicht optimal besetzt: Er wollte ursprünglich mit seinem langjährigen Columbia-Arrangeur Axel Stordahl weiterarbeiten. Erst nachdem die ersten gemeinsamen Capitol-Aufnahmen enttäuschend ausfielen, drängte das Label ihn zur Zusammenarbeit mit dem damals noch jungen Arrangeur Nelson Riddle. Aus dieser Partnerschaft ging In the Wee Small Hours hervor – Riddle schrieb die Arrangements, dirigierte das Orchester, und beschrieb die Reifung von Sinatras Stimme in dieser Zeit mit dem Bild vom Cello.

Pianist Bill Miller, der auf jedem Track der Platte zu hören ist, wird in mehreren Quellen als enger musikalischer Berater genannt, der mit Sinatra vor den Sessions Phrasierung und Timing durchging. Über ihn ist auch überliefert, welchen Klang Sinatra sich wünschte: „I want some of the tunes to sound unrehearsed.“ Ein Sänger, der Perfektion durch dreißig Takes erzwingt, wollte am Ende trotzdem, dass es klingt, als sei nichts geprobt.

This Love of Mine

Bei der Songauswahl griff Sinatra auf Standards zurück – drei Titel von Rodgers und Hart, dazu Stücke von Duke Ellington, Cole Porter, Harold Arlen und Hoagy Carmichael. Eine Ausnahme ist „This Love of Mine“, eine Eigenkomposition Sinatras zusammen mit Sol Parker und Hank Sanicola, die er bereits 1941 mit Tommy Dorsey aufgenommen hatte – ein Griff in die eigene Vergangenheit, an einer Stelle, an der das Album ohnehin um verlorene Liebe kreist.

Capitol selbst war von der Idee eines durchgehend „dunklen“ Albums zunächst nicht überzeugt: Die Verantwortlichen befürchteten, ein komplettes Album aus melancholischem Material werde Käufer eher abschrecken. Wie die weitere Geschichte zeigt, lagen sie damit falsch.

03Der Klang

Aufgenommen wurde ausschließlich in Mono – Stereotechnik stand Capitol für dieses Projekt noch nicht zur Verfügung. Ungewöhnlich war dabei die Absicherung: Capitol ließ zwei baugleiche Bandmaschinen gleichzeitig mitlaufen, die „das gleiche Eingangssignal zur gleichen Zeit“ erhielten, statt nachträglich Kopien zu ziehen. Ein Satz dieser Bänder wurde in den folgenden Jahrzehnten für die 12-Zoll-LP hunderte Male verwendet, der zweite Satz wurde beiseitegelegt – und erst 2025 für eine „Tone Poet“-Neuauflage wiederentdeckt. Joe Harley, der Produzent dieser Neuauflage, beschreibt es so: „Capitol ran two tape decks for this recording. One set was assembled and used many hundreds of times for the 12" LP. The other set was put away.“

Das Neumann U47

Sinatra selbst stand dabei nach Angaben der Fachpresse vor einem Neumann U47, ein Mikrofon, das er während seiner gesamten Capitol-Zeit häufig nutzte. Er bestand außerdem darauf, nicht isoliert in einer Kabine zu singen, sondern mit im Studio zu stehen, gemeinsam mit dem Orchester – separat mikrofoniert und ein Stück vor der Band positioniert, aber im selben Raum, mit derselben Luft zwischen sich und den Musikern.

Die für die 2025er-Neuauflage verwendeten Originalbänder liegen als ¼-Zoll-Vollspur-Mono-Aufnahmen mit fünfzehn Zoll pro Sekunde vor. Der Mastering-Ingenieur Kevin Gray beschrieb seinen Eingriff als minimal: „a smidgen of EQ on the bottom and took off 1dB in the upper midrange.“ Auch bei einem früheren Remastering 1998 wurde offenbar zurückhaltend gearbeitet – belegt ist das allerdings nur durch eine einzelne Quelle.

Hörmoment

What Is This Thing Called Love?

Für diesen Cole-Porter-Titel sollen Sinatra und Riddle Berichten zufolge einundzwanzig Takes gebraucht haben, bevor die Fassung stand. Am Ende des Songs setzt Sinatra eine für ihn ungewöhnlich tiefe Note – ein tiefes E, ganz am unteren Rand seines Stimmumfangs.

Eine Sekundenangabe steht hier bewusst nicht, weil sich in keiner geprüften Quelle eine Zeitmarke innerhalb des Songs findet. Die Stelle ist trotzdem unverwechselbar: Es ist der tiefste Ton, den Sinatra auf diesem Album singt.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

In the Wee Small Hours gilt weithin als eines der ersten Konzeptalben der Popmusik – nicht, weil eine Geschichte erzählt wird, sondern weil eine einzige Stimmung sechzehn Songs lang durchgehalten wird: das Gefühl, allein zu sein, nachdem eine Liebe zu Ende gegangen ist. Tom Waits hat es auf den Punkt gebracht: „Actually, the very first ‚concept' album.“ Auch die Discogs-Datenbank und mehrere Fachtexte übernehmen diese Einordnung.

Die Celesta als Klammer

Ganz unstrittig ist der Anspruch „das allererste“ Konzeptalbum allerdings nicht – dafür ist die Quellenlage zu dünn, und „weithin gilt als“ ist etwas anderes als ein belegtes Faktum. Sicherer lässt sich sagen: Zwei strukturelle Beobachtungen stützen die Kohärenz-These, auch wenn beide nur einfach belegt sind. Zum einen beginnt und endet das Album mit dem Klang der Celesta, was als bewusste musikalische Klammer gedeutet wird. Zum anderen sind auffällig viele Songtitel als Fragen formuliert – „Can't We Be Friends?“, „What Is This Thing Called Love?“ –, was den grüblerischen Grundton zusätzlich unterstreicht.

Die ursprüngliche Veröffentlichung als zwei getrennte 10-Zoll-Schallplatten mit je acht Titeln zeigt zudem, dass die heute selbstverständliche Vorstellung einer durchgehenden 16-Titel-LP historisch erst die zweite Form des Albums war. Der Bruch nach acht Songs fällt dabei genau mit dem in Kapitel eins beschriebenen Zusammenbruch nach „When Your Lover Has Gone“ zusammen – eine plausible dramaturgische Beobachtung, die aber ausdrücklich diesem Text zuzuschreiben ist, nicht einer zitierten Quelle.

Dreißig Takes für einen Song

Last Night When We Were Young

Für „Last Night When We Were Young“ sollen laut zwei unabhängigen Quellen mehr als dreißig Takes nötig gewesen sein, weil Sinatra genaue Vorstellungen von Tempo und Celesta-Platzierung hatte. Eine Kritikerin geht so weit, in dieser aufwendigen Session sogar den Ursprung der Konzeptalbum-Idee selbst zu vermuten – Sinatra habe die mühsam erarbeitete Aufnahme nicht verwerfen wollen und daraus die Idee für ein ganzes Album ähnlich introspektiver Songs entwickelt.

Das ist eine reizvolle These – aber die Interpretation einer einzelnen Quelle, keine gesicherte Entstehungsgeschichte.

05Warum es einen Abend trägt

Rund achtundvierzig Minuten, sechzehn Songs, kein Ausreißer nach oben in der Stimmung. Genau das macht das Album zu einem Kandidaten für einen ganzen Hörabend: Es verlangt nicht, dass man zwischendurch mitwippt, sondern dass man eine Stunde lang in einem Zustand bleibt. Mono, eine durchgehend gedämpfte Dynamik, ein Sänger, ein Orchester, ein Thema – wer sich darauf einlässt, hört nicht sechzehn einzelne Standards, sondern einen einzigen langen Gedanken über das Alleinsein.

Kein schneller Titel zwischendurch

Ehrlich muss man dazusagen, was das verlangt: Es gibt auf diesem Album keine Entspannung, keinen schnellen Titel zwischendurch, der die Stimmung bricht. Wer einen kurzweiligen, abwechslungsreichen Abend erwartet, wird von In the Wee Small Hours nicht bedient – wer sich auf eine Stunde konsequenter Melancholie einlässt, dagegen schon. Das ist die Anspruchslosigkeit, die keine ist: Das Album macht es sich leicht, indem es sich keine Ausnahme erlaubt.

Wie das Album ankam

Kommerziell war In the Wee Small Hours kein Nischenprodukt: Es erreichte Platz zwei der US-Albumcharts. Die genaue Verweildauer wird unterschiedlich angegeben – Wikipedia nennt achtzehn Wochen, uDiscover Music spricht von einem 33-wöchigen Chartlauf ab Mai 1955. Diese Diskrepanz lässt sich aus den gesichteten Quellen nicht auflösen.

Sicherer belegt ist die spätere Wertschätzung: 2002 erhielt das Album Gold von der RIAA, es findet sich auf Sinatras offizieller Grammy-Hall-of-Fame-Liste, und Rolling Stone führte es 2003 auf Platz 100 seiner „500 Greatest Albums of All Time“. Eine Aufnahme in das National Recording Registry der Library of Congress, wie sie manchmal kolportiert wird, ließ sich dagegen in keiner Quelle bestätigen.

Wie klingt eine Stunde, in der ein Sänger nichts anderes zulässt als eine einzige Stimmung?