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2000Albumvorschlag

Kid A

Radiohead

Zehn Stücke, rund siebenundvierzig Minuten, fünfzehn Monate Arbeit in vier Studios. Kid A ist die Platte, auf der eine der größten Gitarrenbands der Neunziger ihre Gitarren fast ganz zur Seite legte.

Nach OK Computer galten Radiohead als die wichtigste Rockband ihrer Zeit. Thom Yorke war nach der langen Tournee erschöpft und konnte keine Songs mehr schreiben, die ihn überzeugten. Mit Produzent Nigel Godrich suchte die Band ab Januar 1999 einen neuen Weg: Synthesizer, Samples, Computer, Bläser und Streicher. Im Oktober 2000 erschien das Ergebnis und stieg trotzdem in Großbritannien und den USA auf Platz eins ein.

  • Laufzeitrund 47 Minuten
  • Titel10
  • Jahr2000
  • AufgenommenGuillaume Tell, Paris; Medley, Kopenhagen; Batsford Park, Gloucestershire; eigenes Studio, Oxfordshire (Januar 1999–April 2000)
Das Albumcover von Kid A: eine gemalte, digital bearbeitete Landschaft aus spitzen, schneebedeckten Bergen unter einem fahlen Himmel.
Radiohead, Kid A, Parlophone 2000. Gestaltung Stanley Donwood und Tchock. Abbildung eingebunden von der Cover Art Archive.

Tracklist

  1. Everything in Its Right Place4:10
  2. Kid A4:45
  3. The National Anthem5:50
  4. How to Disappear Completely5:51
  5. Treefingers3:40
  6. Optimistic5:17
  7. In Limbo3:30
  8. Idioteque5:08
  9. Morning Bell4:25
  10. Motion Picture Soundtrack3:15

Zum Cover

Eine Landschaft aus spitzen Bergen, weiß und grau wie Schnee und Eis, unter einem fahlen Himmel. Die Formen wirken zugleich natürlich und künstlich, als wären es Gebirge, Pyramiden und Hochhäuser in einem. Schrift gibt es auf der Vorderseite kaum.

Gestaltet hat das Bild Stanley Donwood, zusammen mit Thom Yorke, der unter dem Namen Tchock mitwirkte. Zum ersten Mal arbeitete Donwood für Radiohead mit Farbe statt mit Collagen oder Fotos. „I got these huge canvases for what became Kid A and I went mental using knives and sticks to paint with“, erzählte er. Die Leinwände wurden fotografiert und am Computer weiterbearbeitet, bis kleine Störungen im Bild blieben.

Den Anstoß gab ein Zeitungsfoto aus dem Kosovokrieg: ein Stück Schnee voller Kriegsreste. Donwood sagte, es habe ihn mehr berührt als alle Kriegsbilder zuvor. Die Berge verstand er als „landscapes of power“, als Landschaften, in denen eine gewaltige Macht steckt. Das passt zu einer Platte, die nie laut anklagt, aber ständig von einer leisen Bedrohung erzählt.

Gestaltung: Stanley Donwood, Tchock
Label: Parlophone (UK), Capitol (USA), 2000
Abbildung als Bildzitat nach § 51 UrhG zur Erläuterung des vorstehenden Textes.

„We knew it had to be the first song, and everything just followed after it.“

Jonny Greenwood Über „Everything in Its Right Place“

In diesem Artikel

  1. 01Der besondere Moment
  2. 02Wie Kid A entstand
  3. 03Der Klang
  4. 04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert
  5. 05Warum es einen Abend trägt

01Der besondere Moment

Die Aufnahmen begannen im Januar 1999 in Paris und zogen sich lange hin. Die Band hatte Ideen, aber keine fertigen Songs, und niemand wusste, wohin die Reise gehen sollte. Dann nahm Yorke ein Stück, das er in Cornwall am Flügel geschrieben hatte, und übertrug es auf einen Prophet-5-Synthesizer. Godrich zerschnitt am Computer Yorkes Gesang und legte die Schnipsel über die Akkorde.

So entstand „Everything in Its Right Place“. Jonny Greenwood erinnerte sich, dass von da an klar war: Das ist der erste Song der Platte, und alles andere folgt daraus.

Befreiung ohne eigenen Beitrag

Ed O'Brien, einer der drei Gitarristen, hatte an diesem Stück nicht mitgespielt. Er hat später beschrieben, wie befreiend es war, nach sechs Monaten Arbeit etwas Großartiges zu hören, zu dem man selbst nichts beigetragen hatte. Für eine Band, die sich über Gitarren definiert hatte, war das ein neuer Gedanke.

02Wie Kid A entstand

Yorke hatte nach der Tournee zu OK Computer genug von klassischem Songschreiben. Er hörte viel Elektronik vom Label Warp, etwa Aphex Twin und Autechre, und mochte gerade, dass diese Musik ohne Stimmen auskam. „I'd completely had it with melody. I just wanted rhythm“, sagte er später.

Nach Paris ging es im März 1999 für zwei Wochen nach Kopenhagen, die wenig brachten, im April auf den Landsitz Batsford Park in Gloucestershire. Godrich schlug vor, die Band in zwei Gruppen zu teilen: Die eine baute einen Klang oder eine Sequenz ohne Gitarren und Schlagzeug, die andere entwickelte daraus etwas weiter. Ab Herbst 1999 arbeiteten Radiohead in einer umgebauten Scheune in Oxfordshire, ihrem eigenen Studio.

Streit um die Reihenfolge

Es entstanden mehr Stücke, als auf eine Platte passten. Die Hälfte hob die Band für Amnesiac auf, das ein Jahr später erschien. Über die Titelfolge von Kid A wurde heftig gestritten. O'Brien sagte, die Band sei damals nah daran gewesen, sich zu trennen. Den Albumtitel fand Yorke als Dateinamen in einem Sequenzer. Er mochte, dass er nichts bedeutet.

03Der Klang

Kid A klingt kühl und warm zugleich. Neben Synthesizern und Drumcomputern hört man ein Instrument aus den Zwanzigerjahren: die Ondes Martenot, ein frühes elektronisches Instrument, das Jonny Greenwood über die Musik von Olivier Messiaen kennengelernt hatte. „Treefingers“ entstand aus Gitarrenschleifen von O'Brien, die digital so weit verändert wurden, dass keine Gitarre mehr zu erkennen ist. „Idioteque“ baut auf Samples aus Stücken der Computermusiker Paul Lansky und Arthur Kreiger auf.

Für „How to Disappear Completely“ spielte das Orchestra of St John's in der Dorchester Abbey, einer Kirche aus dem zwölften Jahrhundert, eine Partitur von Greenwood. Für „The National Anthem“ holte die Band im November 1999 Bläser ins Studio. Vorbild war das geordnete Chaos von Charles Mingus, die Musiker sollten klingen wie ein Verkehrsstau.

Genau hingehört

Gesprochen, dann gesungen

Im Titelstück „Kid A“ klingt Yorkes Stimme wie aus einer Spieldose, fern und seltsam gleichmäßig. Er hat den Text nicht gesungen, sondern gesprochen. Die Melodie entstand erst danach, indem die Stimme mit der Ondes Martenot durch einen Vocoder geschickt wurde. Auf einer guten Anlage hört man, dass hinter der kindlichen Melodie eine ganz nüchterne Sprechstimme steckt.

04Warum dieses Album als Ganzes funktioniert

Kid A hat keine Hits im üblichen Sinn. Radiohead veröffentlichten keine Single und drehten keine klassischen Musikvideos. Stattdessen gab es kurze Clips von wenigen Sekunden, die sie „Blips“ nannten, und viel Präsenz im Internet. Die Platte war als Ganzes gedacht und wurde auch so gehört. Drei Wochen vor der Veröffentlichung kursierte sie bereits in Tauschbörsen im Netz.

Die Texte schrieb Yorke oft, indem er Sätze ausschnitt und zufällig neu zusammensetzte, Floskeln und Alltagsbeobachtungen. Daraus entsteht kein roter Faden, sondern eine Stimmung: fremd, abwesend, manchmal zärtlich.

Erfolg ohne Kompromiss

Am 2. Oktober 2000 erschien Kid A und stieg in Großbritannien, den USA, Kanada, Frankreich, Irland und Neuseeland auf Platz eins ein. Es gewann den Grammy als bestes Alternative-Album und war für das Album des Jahres nominiert. David Byrne sagte 2019 bei der Aufnahme der Band in die Rock and Roll Hall of Fame, der Erfolg habe ihm gezeigt, dass sich das künstlerische Risiko gelohnt habe.

05Warum es einen Abend trägt

Die Original-LP verteilt Kid A auf zwei Zehn-Zoll-Platten und vier Seiten. Das zwingt zu Pausen, und die tun dem Album gut. Seite A mit nur zwei Stücken ist wie ein Eintreten in einen fremden Raum. Danach folgen Bläserchaos, Orchester und Stille in „Treefingers“, bevor die zweite Platte mit „Optimistic“ beinahe wie ein Rocksong beginnt.

Das lange Ende

Am Schluss steht „Motion Picture Soundtrack“. Yorke spielte es auf einem Pedal-Harmonium, die Band fügte Harfenklänge und Kontrabass hinzu, angelehnt an Disney-Filmmusik der Fünfzigerjahre. Nach dem Stück folgt Stille, dann ein kurzes, namenloses Nachspiel. Wer an diesem Punkt nicht sofort aufsteht, merkt, wie sehr die Platte den Raum verändert hat.

Was bleibt von einer Band, wenn man ihr die Gitarren wegnimmt?

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